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China würgt Debatte über Smog-Film ab

Luftverschmutzung China würgt Debatte über Smog-Film ab

China hat einen Kampf gegen Umweltverschmutzung ausgerufen. Aber als ein Film über Smog ein Millionenpublikum erreicht, greifen die Zensoren hart durch. Sogar dem Umweltminister wird ein Maulkorb verpasst.

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Die massive Luftverschmutzung in China (hier in Peking) schädigt die Gesundheit der Bürger, doch das Regime will darüber nicht sprechen.

Quelle: dpa

Peking. Aufstieg und Fall liegen manchmal sehr nah zusammen. Chen Jining war der große Star, als er am 27. Februar vom Präsidenten der Eliteuniversität Tsinghua zu Chinas Umweltminister aufstieg. Der 51-Jährige sollte das schwache Ministerium aufwerten und zum Vorreiter im Kampf gegen die Umweltverschmutzung werden.

Aber davon ist nicht mehr viel zu spüren, als er acht Tage später seine größte Pressekonferenz zum Volkskongress gibt. Chinesische Journalisten erzählen, dass ihnen verboten wurde, besonders heiße Themen anzusprechen. Korrespondenten großer internationaler Medien dürfen keine Fragen stellen. Eine englische Übersetzung wird kurzfristig abgesagt.

Was war passiert? Am ersten Tag von Chens Amtszeit war der Film „Qiong Ding Zhi Xia“ („Unter der Glocke“) veröffentlich worden, der einem Millionenpublikum in China eindrücklich die Probleme der gravierenden Luftverschmutzung vor Augen führte. Am Tag darauf hatte Chen vor Journalisten den Film gelobt. Der Staatsführung in Peking scheint das jedoch zu viel Offenheit gewesen zu sein.

Der Film „Unter der Glocke“ ist mehr als eine Dokumentation über Chinas Smog. Die Journalistin Chai Jing erzählt darin von ihrem Schicksal. Mit weißer Bluse und blauer Jeans läuft die 39-Jährige über eine Bühne mit riesigen Leinwänden. „Über Smog habe ich mir eigentlich nie wirklich Sorgen gemacht“, sagt sie. Dabei hatte sie früher als Reporterin für Chinas Staatsfernsehen CCTV immer wieder über Umweltverschmutzung berichtet. Dann sei ihre Tochter aber mit einem Tumor auf die Welt gekommen.

Keine Angst vor Luftverschmutzung erwünscht

Sofort musste die Kleine operiert werden. Der Eingriff lief gut, aber Chai legt nahe, dass der Smog ein Grund für den Tumor sein könnte. „Plötzlich musste ich mich um einen anderen Menschen kümmern“, sagt sie. Anschaulich beschreibt sie, wie sie ihr Kind vor den Gefahren der Schadstoffe in der Luft schützen will. Sie nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise zu den Ursachen für den Smog. Mitarbeiter der Umweltbehörde sprechen von ihrer Ohnmacht. Vertreter der Ölbranche, Industrie und Busunternehmen lassen durchblicken, wie sie aus Profitinteressen die Umweltverschmutzung in Kauf nehmen.

Chai Jing entscheidet sich bewusst gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber CCTV, als sie und ihr Team das Video am 28. Feburar ins Internet stellen. Sie ahnen, dass sie ein großes Echo erzielen werden. Aber als die Zugriffzahlen schnell in die Millionen steigen, nimmt eine Debatte ihren Lauf, die weit über „Unter der Glocke“ hinausgeht. Sogar das Parteiorgan „Volkszeitung“ bewirbt den Film auf seiner Internetseite. Mit umgerechnet 150.000 Euro aus ihren Buchverkäufen habe sie die Reportage finanziert, erzählt Chai dem Portal.

Aber dann ist es mit der Offenheit vorbei. Am Mittwoch, dem Tag vor dem Beginn der Jahressitzung des Volkskongresses, verbreitet Chinas Propagandabehörde eine Zensuranordnung. „Medien und Internetseiten auf allen Ebenen (...) müssen jegliche Berichterstattung über die Dokumentation "Unter der Glocke" und ihre Macherin einstellen“, heißt es in der Anordnung, die das US-Portal China Digital Times mit Fotos ins Internet stellt.

Video verschwindet aus Plattformen

Die Staatsmedien leisten Folge. Am Freitagabend verschwindet dann auch das Video von den bekanntesten Video-Plattformen wie Sohu, Youku und QQ. Kein Betreiber reagiert auf dpa-Anfragen zu dem Thema. Auch Chai Jing selbst lehnt Interviews ab.

Der Volkskongress dominiert das politische Leben in Peking. Einige der 3000 Delegierten erzählen, dass sie den Film gesehen haben. Fast niemand weiß etwas von der Zensuranordnung. „Wir müssen großen Wert auf die Umwelt legen“, sagt der Abgeordnete Ma Changqing aus der südchinesischen Stadt Guangzhou. Der Delegierte Lu Yunhui geht sogar noch weiter: „Der Film wird nicht nur unseren Umgang mit Smog ändern, sondern auch Reformen anstoßen.“

Aber dann kommt Chens Pressekonferenz und damit die Zäsur. „Das Frageverbot ist doch ein Offenbarungseid für den Minister“, sagt eine Journalistin. Viele vermuten hinter dem plötzlichen Verschwinden des Films Machtkämpfe auf höchster Ebene. Die Dokumentation sei vom Umweltministerium gestützt worden. Die Zensur sei der Beleg, dass die Lobby der Ölbosse gewonnen habe. Ein chinesischer Journalist sagt: „Eines ist jedenfalls klar: Der neue Umweltminister ist erledigt.“

Von Stephan Scheuer/dpa

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