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„Bayerischer Hof“ entlastet Christian Wulff

Zweiter Tag im Prozess „Bayerischer Hof“ entlastet Christian Wulff

Zweiter Tag im Wulff-Prozess: Das Landgericht Hannover hat die Verhandlung gegen den früheren Bundespräsidenten fortgesetzt. Als Zeuge sagte unter anderem der Empfangschef des Münchener Hotels aus, in dem Wulff 2008 übernachtet hatte — mit positiven Erkenntnissen für den Angeklagten.

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Christian Wulff ist zum zweiten Tag des Prozesses gegen ihn erschienen.

Quelle: dpa

Hannover. „Eine Welt für sich“ – so wirbt Münchens nobelste Herberge, das Hotel „Bayerischer Hof“, auf der Homepage für sich selbst: „Der passende Rahmen ist schon da.“ Um das Eigenleben in dieser prächtigen Fünf-Sterne-Herberge, Upgrades für niedersächsische Ministerpräsidenten und doppelte Rechnungen drehte sich am Donnerstag alles im hannoverschen Landgericht, als das Strafverfahren gegen Bundespräsident a. D. Christian Wulff fortgesetzt wurde.

Tag zwei im Prozess gegen den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff am Landgericht Hannover.

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Wulff nahm auch am zweiten Prozesstag den Haupteingang, reagierte aber ­gereizter als am ersten Tag auf die vielen Kamerateams, die auf ihn zustürmten und nach seinem Gemütszustand fragten. Nur ein knappes „Guten Morgen erst einmal“ – und schon ist der Politiker im Gerichtssaal verschwunden. Wie am ersten Tag bleibt Wulff so lange hinter der Anklagebank stehen, bis die Fotografen aus dem Saal sind, und erklärt seinen Anwälten mit bildreichen Gesten die Welt.

Hier dreht sich an diesem Donnerstag alles um die zwei Nächte, die Wulff mit seiner Frau Bettina und dem zweijährigen Sohn Linus Ende September 2008 im „Bayerischen Hof“ verbrachte. Sie bieten der Staatsanwaltschaft den Angelpunkt ihrer Behauptung, dass der frühere ­Ministerpräsident käuflich war. Sie stützt ihre Anklage auf den Verdacht, dass sich Wulff auch für Gefälligkeiten wie die Nächte im „Bayerischen Hof“ mit Engagement für die Projekte des Filmfinanziers David Groenewold revanchierte.

Denn der damalige Ministerpräsident bezahlte tatsächlich nur einen Teil der Logiskosten für zwei Übernachtungen in einer der besten Suiten des Hotels, die nach Aussagen von Angestellten für bis zu 1900 Euro täglich vermietet werden. Einen Zuschuss für die beiden Nächte hatte der mit Wulff befreundete Film­unternehmer Groenewold bezahlt. Aus „schlechtem Gewissen“, weil er Wulff, dem Freund, bei der Einladung zum ­Oktoberfest einen niedrigeren Hotelpreis genannt habe, hatte Groenewold vor einer Woche vor Gericht gesagt. Er sei nämlich von der tatsächlichen Höhe (das Hotel wollte Wulff 430 Euro pro Nacht in Rechnung stellen) „unangenehm überrascht“ gewesen. Weil er doch wusste, dass Freund Wulff es so genau mit den Hotelkosten nahm, gab Groenewold zu Protokoll. Deshalb habe er sich spontan entschlossen, einen Teil der Kosten auf seine Rechnung zu nehmen, was wiederum Wulff nicht gewusst habe.

Gezeichnet von der Zeit: Christian Wulff entwickelte sich vom unbekannten Neuling in der Jungen Union zum Bundespräsidenten - und dann folgte ein schmerzhafter Absturz.

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Um das angebliche Nichtwissen Wulffs kreiste gestern die Gerichtsverhandlung. Wulff selbst attestierte Groenewold zwar ein überaus „einladendes Wesen“. Von der fürsorglichen Übernahme eines Teils der Übernachtungskosten will er allerdings erst erfahren haben, als schon die ganze Republik über die „Causa Wulff“ diskutierte. Er habe also gar keinen Vorteil angenommen, weil er gar keinen gehabt habe, argumentieren Wulffs Anwälte Bernd Müssig und Michael Nagel.

Deshalb befragte gestern das Landgericht akribisch den Vorstandsassistenten des 350-Zimmer-Nobelhotels sowie den Empfangschef, die damalige Leiterin der Reservierungsabteilung und die Chefkassiererin. Immerhin entlastete der Empfangschef den Angeklagten Wulff, als dessen Anwalt Müssig fragte: „Muss Herr Wulff von der Umbuchung erfahren haben?“ Nein, lautete die knappe Antwort. Es sei nicht unüblich, dass Hotelrechnungen gesplittet würden, dass einen Teil eine Firma übernehme, einen anderen Teil der Zimmergast. Aus der eigenen Rechnung habe Wulff jedenfalls nicht ersehen können, dass Filmfreund Groenewold einen Teil der Übernachtung übernahm. Später erläuterte die ehemalige Reservierungschefin plastisch, wie das überaus komplizierte Rechnungs- und Buchungssystem des „Bayerischen Hofs“ funktioniert, das den schönen Namen „Fidelio“ trägt. Richter Frank Rosenow seufzte nach der Zeugenaussage der resoluten Bayerin: „Das war erfreulich erfrischend im Gegensatz zu dem, was man sonst hier hört.“

In der Tat konnten die anderen Zeugen wenig beitragen zur Wahrheitsfindung. Die Chefkassiererin wusste nicht mehr, warum der Mitangeklagte Groenewold in Minutenfrist eine zweite Rechnung ausgehändigt bekam, aus der alle Namen der Logiergäste getilgt waren, die auf seine Rechnung liefen. Groenewold hatte dies damit begründet, er habe Gerede in der eigenen Firma vermeiden wollen, weil auf der ersten Rechnung auch seine frühere Freundin stand. Das Dumme nur: Laut Zeugenaussagen war die ehemalige Freundin gar nicht erwähnt.

„Erinnern Sie sich noch, was der Grund für die Löschung der Namen war?“, fragt Staatsanwalt Clemens Eimterbäumer die Chefkassiererin. Doch die will und kann sich offenbar nicht erinnern: „Ich habe jeden Tag VIP-Gäste um mich herum“, sagt sie – und Richter Rosenow schaut genervt. So bleibt völlig offen, was Groenewold zu der Namenslöschung veranlasste. Geschah sie doch, weil der Name Wulff auf der ersten Gästeliste stand?

Immerhin weiß man nach diesem Prozesstag, dass die Chefin des „Bayerischen Hofs“ höchstselbst dem ehemaligen Ministerpräsidenten die 100-Quadratmeter-Luxussuite verordnete. „Wichtig für das Hotel“, ließ sie vermerken. „Bevor man die schönen Zimmer leer stehen lässt, gradet man sie halt up“, erklärte der Assistent in schönstem Denglisch – „aus dem Gedanken, dem Gast etwas Gutes zu tun.“ Raum, um Gutes zu tun, hat der „Bayerische Hof“ zur Genüge. Etwa 70 Suiten, wie man im Gericht erfuhr.

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Christian Wulff beim Prozessauftakt.

Im Korruptionsverfahren gegen Christian Wulff beginnt am Donnerstag die Vernehmung der Zeugen. Die Öffentlichkeit findet den ersten Prozess gegen einen Ex-Bundespräsidenten gar nicht so wichtig, wie aus einer aktuellen Umfrage hervor geht. Für einen Freispruch plädieren 33 Prozent der Befragten.

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