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Friede den Kiffern in Colorado

Legales Haschisch-Geschäft Friede den Kiffern in Colorado

Krieg gegen Marihuana? Das ist Geschichte. Der US-Staat Colorado hat seinen Frieden mit den Kiffern gemacht. In der Bergwelt rund um Denver ist der Verkauf von Haschisch legal – und sogar der Staat profitiert: 800 Millionen Dollar Hanf-Steuer strich Colorado in den ersten zwölf Monaten ein.

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Ein Freak beendet den „War on Drugs“: David Fanelli  (Foto rechts unten) eröffnete in Nederland, Colorado, den „Club Ned“ – den ersten legalen Cannabis-Club der USA. Auch der Anbau von Marihuana ist in mehreren US.Bundesstaaten inzwischen erlaubt: Händler in Denver betreiben üppige Plantagen.

Quelle: iStockphoto/Koch (3)/Montage

Denver. Dichte Rauchschwaden hängen unter der niedrigen Decke des „Club Ned“, dieses kleinen Cafés im Zentrum von Nederland, Colorado, hoch in den Rocky Mountains. David Fanelli sitzt an einem der Tische und zieht an der Wasserpfeife. Er inhaliert den Rauch tief, hält einen Moment inne – und lässt ihn langsam wieder entweichen. Fanelli blickt zufrieden in die Runde. Dann reicht er die Pfeife an seine Sitznachbarin weiter.

Auf den ersten Blick wirkt der 58-jährige Fanelli skurril: Unter dem alten Cowboyhut wellt sich dichtes schwarzgraues Haar, bis zur Schulter. Der Bart wuchert wild vor sich hin, und seine Sportjacke hat ihre besten Zeiten lange hinter sich. Man könnte sagen: Hier kifft halt ein Freak. Aber einer, der Geschichte geschrieben hat. „Sind wir Pioniere?“, ruft er stolz hinüber zu seiner Frau Cheryl – und antwortet dann selbst: „Vielleicht sind wir sogar noch mehr als das.“

David Fanelli betreibt Colorados ersten Marihuana-Club. Dass er ihn im Herbst eröffnet hat, war eine Sensation: Der erste Club in den USA, in dem man die Droge ganz legal kaufen und konsumieren kann. Einen regelrechten Krieg hatten die Vereinigten Staaten gegen die Drogen geführt, einen „War on Drugs“ ausgerufen vom Präsidenten Richard Nixon 1972. Viele Menschen starben in diesem Krieg, viele landeten im Gefängnis. Und jetzt? Kommt David, der Zausel, und schließt verträumt lächelnd Frieden.

Colorado legalisierte Cannabis. Washington und zuletzt Oregon folgten. Auch in Europa, in Deutschland, gibt es immer mehr Stimmen, die den Krieg nicht weiterführen wollen. Der freakige David Fanelli wurde zu einem Vorreiter der Liberalisierung – und sein verrauchter „Club Ned“ zu einem Experiment, auf das die Welt schaut: Geht das gut dort, in Nederland?

In der Ecke steht ein gusseiserner Kanonenofen aus dem frühen 20. Jahrhundert, die Fenster sind mit schweren Gardinen verhängt. Die Luft ist zum Schneiden, und allen Rauchern gemeinsam ist das regelmäßige Husten.

Die sechs Gäste an diesem Abend erscheinen, aus der Nähe betrachtet, eher sonderbar denn abenteuerlich: Die Frauen und Männer, alle 25 bis 35 Jahre alt, spielen mit Lego-Steinen. In aller Seelenruhe bastelt sich jeder ein Fantasiegebilde zusammen und zeigt es hin und wieder kichernd seinen Mitspielern.

Die Runde, die seit Stunden so einträchtig beisammensitzt und die Pfeife kreisen lässt, kennt sich eigentlich gar nicht näher. Das Pärchen an Fanellis Seite stammt aus Arkansas, die Jungs, die ihnen gegenüber sitzen, sind aus Connecticut angereist. Über die Details ihres Urlaubsprogramms haben sie sich offenbar keine großen Gedanken gemacht: „Einfach ein bisschen rumhängen, den Pot genießen und ein paar Leute kennenlernen“, sagt Chris, der seinen vollständigen Namen lieber nicht preisgeben will. Auch wenn alles ganz legal ist: „Mein Boss muss ja nicht unbedingt erfahren, was ich hier mache.“

Monatelang hatte Fanelli mit der Stadtverwaltung gerungen, bis letztlich alle Details zum Betrieb geklärt waren. Er, der Kiffer, war so hartnäckig, wie es ihm wahrscheinlich kaum einer der städtischen Beamten zugetraut hätte. Dann betraten alle zusammen Neuland.

So wird die Kifferstube nun von den Behörden nicht als allgemein zugängliche Gaststätte geführt, sondern als Club, der nur Mitgliedern über 21 Jahren offen steht. Wer eine Mitgliedschaft beantragt, muss sich entsprechend ausweisen. Im Gegenzug sollen sich die Gäste darauf verlassen können, dass die Drogen nur aus kontrolliertem Anbau stammen und nicht mit unbekannten Stoffen gestreckt wurden. Kiffen mit Qualitätsversprechen: „Wir sind hier zwar alle ganz entspannt, aber die Kontrollen sind streng“, sagt Club-Chef Fanelli.

Unter den Gästen ist kaum jemand, den man schon auf der Straße für einen Drogenkonsumenten halten würde. Die meisten sind Typen wie Chris: Berufstätige, die für ein paar Tage in den Bergen ausspannen wollen – und die finden, dass ein wenig Hasch dabei ganz hilfreich ist.  Für die Sozialauswahl sorgen schon die Kosten. Ein günstiges Vergnügen ist der Colorado-Trip nicht: Seit der Cannabis-Legalisierung steigen die Touristenzahlen deutlich an – und mit ihnen die Preise. Der kleine Kiffer-Urlaub ist beliebt: Selbst im verträumten Nederland kostet die Übernachtung umgerechnet 150 Euro, im nahe gelegenen Denver berappen die Gäste auch außerhalb der Skisaison oft 200 Euro und mehr. Ganz zu schweigen von den Flügen – und den Kosten für die Drogen.

Ein Jahr nach der Legalisierung zieht Colorado nun eine erste Bilanz des radikalen Kurswechsels: Etwa 800 Millionen Dollar Einnahmen hat der Bundesstaat in den ersten zwölf Monaten aus den Hanf-Steuern erzielt. Tatsächlich hatte sich mancher Politiker sogar noch mehr erhofft. Doch der Schwarzmarkt ließ sich nicht so schnell austrocknen, wie einige glaubten. „Ist ja auch kein Wunder“, sagt Fanelli dazu nur. „Unter der Hand lässt sich Marihuana für die Hälfte kaufen.“

Entspannt ist inzwischen selbst die Polizei von Nederland. Deren Chef, Paul Carrill, hat als Polizist in Kansas früher jeden Pot-Raucher und -Dealer erbittert verfolgt. Jetzt sieht er zu, wie die Drogen ganz legal über den Tresen gehen – und sieht die Stadt auf dem richtigen Weg: „Die ersten Erfahrungen sind vielversprechend. Die Verkehrsdelikte gingen im vergangenen Jahr leicht zurück. Und bei der Kriminalität zeigen sich keine Auffälligkeiten“, sagt Carrill.

Doch Colorado ist natürlich immer noch die Ausnahme – und die Widersprüche in der US-Drogenpolitik lassen sich bei einem Blick über die Grenze rasch erkennen. In vielen Bundesstaaten sitzen unzählige Menschen wegen des Konsums von Marihuana seit Jahren hinter Gittern – manche sogar seit Jahrzehnten. Im benachbarten Kansas wurde kürzlich einer Mutter ihr sechsjähriger Sohn von den Behörden weggenommen, weil in ihrem Haus Cannabis entdeckt worden war, das die Frau als Schmerzmittel benutzte. Hätte die Frau nur wenige Kilometer weiter westlich in Colorado gelebt, hätten sich die Behörden für die Familie nicht einmal interessiert.

„40 Jahre haben wir es mit Härte versucht. Vergeblich“, resümiert Carrill. Dem erfahrenen Sicherheitsmann muss niemand etwas über die Gefahren von Cannabis als Einstiegsdroge erzählen. Er weiß, dass das heutige Marihuana zumeist wesentlich stärker wirkt, da der Anteil von Tetrahydrocannabinol oftmals höher ist als in den siebziger oder achtziger Jahren.

Carrill kennt aber auch die Schattenseiten des „War on Drugs“: Solange die Betäubungsmittel als illegal eingestuft seien, würden sich viele Konsumenten auf dem Schwarzmarkt eindecken und das Geschäft den Drogenbossen überlassen. Die Qualität der Waren sei zweifelhaft, und die organisierte Kriminalität streiche enorme Gewinne ein. Ein Teufelskreis zum Schaden der Gesellschaft.

Letztlich ist die Cannabis-Legalisierung für Carrill auch ein Schlag gegen die Mafia-ähnlichen Strukturen im illegalen Marihuana-Handel: Die Kurskorrektur in Colorado und die wachsende Toleranz in anderen Bundesstaaten hätten die Gewinne der mexikanischen Banden schrumpfen lassen. „Die Rede ist von 30 Prozent, die den Drogenbossen 2014 verloren gingen“, sagt Carrill.

Die Debatten über die Drogenkriege und die Steuerpolitik sind zurzeit in Colorado allgegenwärtig. Doch die Legalisierung hat auch ganz andere Auswirkungen, jenseits der aufgeheizten Diskussionen. Eher im Stillen ziehen Familien mit schwerbehinderten Kindern und Jugendlichen aus ganz Amerika ihre eigenen Konsequenzen aus der Gesetzesänderung.

Eine offizielle Statistik gibt es nicht, aber offenbar haben bereits mehrere hundert Eltern in den Krankenhäusern des Bundesstaates einen Antrag auf eine Cannabis-Behandlung für ihre Kinder gestellt. Sie setzen auf die Besonderheiten dieser Pflanze, deren Wirkungen zurzeit intensiv erforscht werden. Dabei geht es ihnen weniger um das Rauschmittel THC als vielmehr um das Cannabinol. Bisher wurde dieser Wirkstoff vor allem in der Schmerztherapie eingesetzt. Mittlerweile spüren Forscher aber verstärkt der Frage nach, ob sich diese Pflanzenstoffe auch in der Behandlung von Krebs- und Nervenkrankheiten nutzen lassen.

Es ist eine Reise der Hoffnung, die die Familien in die Rocky Mountains unternehmen. Sie wollen nicht warten, bis der letzte wissenschaftliche Beweis erbracht ist, dass die Cannabis-Öle bei Spastiken und Epileptiken helfen. Anstatt ihre Kinder weiter leiden zu sehen, wollen sie es sofort mit diesem Mittel versuchen. Eine verständliche Ungeduld, die einige Ärzte in Colorado unterstützen.

Von den Heilkräften der Pflanze ist Nicole Fanelli, Tochter des „Club Ned“-Besitzers in Nederland, jedenfalls überzeugt. Die 27-Jährige leidet am Guillain-Barre-Syndrom – einer äußerst seltenen Nervenkrankheit, die innerhalb kürzester Zeit zu Lähmungen führt. Noch vor zwei Jahren saß die junge Frau im Rollstuhl, mittlerweile kann sie mit Gehhilfen immerhin wieder kleinere Strecken zurücklegen. Krankengymnasten betreuen Nicole Fanelli intensiv, aber sie nutzt auch die Öle, die aus der Hanfpflanze stammen. „Ich kann es nicht erklären“, sagt Nicole Fanelli, „aber die Pflanze hilft. Das spüre ich.“

Ist die Freigabe also tatsächlich ein Segen für alle? So einfach ist es nun doch nicht. Die Ärzte im Denver Hospital Center haben da durchaus eine differenziertere Meinung. Sie müssen zwar zumindest nicht mehr Unfallopfer behandeln – auch das war ja eine Befürchtung. Dafür haben sie es nun mit einer ganz neuen Patientengruppe zu tun: Kindern, die aus Versehen von Hasch-Brownies genascht haben. „Es ist eine potenzielle Gefahrenquelle, die wir nicht unterschätzen dürfen“, sagt ein Arzt, der seit mehr als zehn Jahren in dem Krankenhaus tätig ist. Mehrere Kinder mit den typischen Symptomen hat er im vergangenen Jahr behandelt. Die Eltern hatten die Cannabis-Kuchen unbedarft offen in der Küche herumstehen lassen.

Wer trägt die Verantwortung für Unfälle dieser Art? Der Bundesstaat, weil er den Drogenverkauf zulässt? Oder ausschließlich die Eltern, weil sie so leichtsinnig mit gefährlichen Betäubungsmitteln umgehen? Für Ricardo Baca steht die Antwort fest: „Es ist doch nicht viel anders als beim Alkohol. Wer sich eine ganze Flasche Whiskey gönnt, darf sich über die Folgen nicht wundern.“ Es komme halt auf den vernünftigen Umgang an.

Baca genießt in Denver einen besonderen Ruf: Die „Denver Post“ hat den Journalisten zum Marihuana-Berichterstatter ernannt. Nach einem Jahr im Amt ist Baca ein gefragter Mann – auch weit über Colorado hinaus. „Die Debatte über die Legalisierung läuft in vielen Bundesstaaten“, sagt Baca, „und viele wünschen sich ein Ende des ewigen Konflikts.“ Wenn trotz scharfer Gesetze etwa jeder zweite Student hin und wieder zu einem Joint greift, müsse sich der Gesetzgeber fragen, ob er mit Verboten auf dem richtigen Weg sei. Anstatt die Menschen zu kriminalisieren, sei es höchste Zeit für einen vernünftigen Umgang mit Cannabis.

Und die Vernunft, so viel ist klar, gebietet für vor allem eines: Dieser Krieg, so sieht Baca es, ist nicht zu gewinnen. Und einen Krieg, der nicht zu gewinnen ist, sollte man besser nicht führen.

Rausch in der Ferne, Verhaftung daheim

David Fanelli in seinem "Club Ned".

Quelle: Koch

Immer mehr US-Bundesstaaten legalisieren Cannabis. Goldene Zeiten also für reisefreudige Hasch-Freunde, die schon ihren Traumurlaub im neuen Kiffer-Paradies Colorado planen? Ganz so einfach ist es nicht. Denn auch wenn sich Deutsche auf Reisen an die vor Ort herrschenden Gesetze halten, können sie sich strafbar machen.

„Es gilt das Weltrechtsprinzip“, sagt der Regensburger Anwalt Jan Bockemühl, Mitglied im Strafrechtsausschuss der Bundesrechtsanwaltskammer. Das heißt: Der geneigte Kiffer darf im Ausland den Stoff in kleinen Mengen, wie sie auch in Deutschland toleriert werden, bei sich haben und konsumieren. Sobald er aber dort den Stoff weitergebe, mache er sich nach deutschem Recht strafbar, so Bockemühl. Genauso verhält es sich, wenn jemand mehr dabei hat, als es der Eigenbedarf rechtfertigt. „Eine Menge von zehn Gramm ist sicher schon problematisch“, sagt der Anwalt. In Colorado können Bürger des Bundesstaates pro Kauf 28 Gramm legal erwerben.

Deutsche können belangt werden, sobald sie wieder deutschen Boden betreten. Allerdings immer vorausgesetzt: Die deutschen Behörden erfahren vom Rausch in der Ferne.

Noch problematischer wäre es aus Sicht des Juristen, wenn einzelne Bundesländer demnächst tatsächlich Cannabis legal verkaufen lassen, wie es Berlin und Bremen planen. Rein rechtlich kann sich dann ein Kiffer strafbar machen, sobald er mit seinem Stoff etwa nach Niedersachsen fährt. Aber selbst der Bayer, der in Berlin größere Mengen dabei hat, als sie in München toleriert werden, kann an seinem Wohnort belangt werden. „Rechtssicherheit sieht anders aus“, kritisiert Bocke­mühl und fordert eine bundeseinheitliche Regelung.

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