Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Der Mann, der die DDR finanzierte

Alexander Schalck-Goldokowski ist tot Der Mann, der die DDR finanzierte

Der frühere DDR-Devisenhändler und SED-Wirtschaftsfunktionär Alexander Schalck-Golodkowski ist tot. Das teilte sein Verlag Edition Ost am Montag in Berlin auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung darüber berichtet. Er wurde 82 Jahre alt.

Voriger Artikel
Taliban greifen Parlament in Kabul an
Nächster Artikel
Die SPD folgt murrend Gabriels Kurs

Devisenhändler, Kunstverkäufer, Müllentsorger:
Alexander Schalck-Golodkowski war der mächtige Chef des geheimen KoKo-Imperiums.
Nun ist er am Tegernsee gestorben.

Quelle: dpa

In der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1989, einer eiskalten Nacht, hat sich Alexander Schalck-Golodkowski mit seiner Frau Ingrid auf und davon gemacht. Der eben noch schier allmächtige Mittler zwischen den Systemen, der als Chef-Devisenhändler einer der einflussreichsten Männer des SED-Staates gewesen war, rannte um sein Leben.

Im Halbschatten der friedlichen Revolution in der DDR strickten in jenem Herbst 1989 ein paar hohe Funktionäre von früher, Spionagechef Markus Wolf oder Ministerpräsident Hans Modrow etwa, fleißig an einer Legende: Einige Stasi-Schurken sollten es gewesen sein und nicht die Mächtigen der SED selbst, die den Osten Deutschlands zugrunde gerichtet hatten. Plötzlich schien einer wie Alexander Schalck-Golodkowski, Stasi-Mann und geheimer Unterhändler, nicht nur der korrupte Helfer der SED-Anführer gewesen zu sein. Auf einmal galt er – nicht nur in den Augen der alten Elite – als Hauptschuldiger. Oder war er doch nur der Sündenbock? Die Zahlen waren es, die damals aufschreckten: 22 Milliarden D-Mark sollen in Schalck-Golodkowskis Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) verschoben und versteckt worden sein, fehlende SED-Gelder noch nicht mitgerechnet.

Es gefiel einigen früheren SED-Oberen gut, dass sie Schalck-Golodkowski, einen Geschäftemacher im Graubereich, zum Übeltäter schlechthin stempeln konnten. Er soll ja zum Schluss einen verborgenen Milliardenschatz der DDR nicht nur verwaltet, sondern beherrscht haben. Sein Imperium, hieß es, habe sich verselbstständigt – und viele Lebensbereiche berührt. Honeckers angeblich goldene Wasserhähne in Wandlitz stammten auch aus den trüben Schalck-Quellen. Dessen waren sich damals alle sicher. Manche meinten gar, es seien Schalck-Golodkowskis Geschäfte gewesen, an denen die DDR gescheitert war. Der Grenzgänger vom Dezember 1989 hatte Morddrohungen erhalten. Anonym, aber vermutlich ernst gemeint.

Der frühere DDR-Devisenhändler und SED-Wirtschaftsfunktionär Alexander Schalck-Golodkowski ist tot.

Zur Bildergalerie

Kaum im Westen angekommen, meldete sich Schalck-Golodkowski, einst hochdekorierter Generalleutnant der Staatssicherheit, der sich seine Machenschaften „mit kommunistischem Gruß“ absegnen ließ, bei der West-Berliner Staatsanwaltschaft in Moabit. Er kam in Untersuchungshaft, musste später vor Gericht. Doch die meisten Verfahren gegen ihn wurden eingestellt, da er gegen bundesdeutsches Recht nicht verstoßen hatte. Dann erkrankte er an Krebs, wurde verhandlungsunfähig.

Seit 1990 lebten er und seine Frau in Rottach-Egern am Tegernsee – immer in der Angst, von den alten Genossen verfolgt zu werden. Am Tegernsee ist Alexander Schalck-Golodkowski jetzt 82-jährig gestorben.
Mit elegantem Gehstöckchen in der Hand hatte man ihn zuletzt durchs Millionärsstädtchen am Tegernsee schlendern sehen. Noch immer machte er einen gewaltigen Eindruck, rein von der Statur her. Als einen „eindrucksvollen und netten Menschen“ haben ihn Anwohner in Erinnerung. In der Drei-Zimmer-Wohnung erinnerte zum Schluss noch das prächtige Meißner Porzellan an bessere Tage. Die Villa am See, in der sich das Ehepaar nach dem Mauerfall zunächst eingerichtet hatte, wurde erst vor wenigen Jahren abgestoßen. Immer wieder hielten Neugierige am Tor zum Seegrundstück um ihn zu fragen, wie das alles nur so kommen konnte.

Vertickt, verhökert, verschoben und verhandelt

Seit Schalck-Golodkowski in spektakulärer Art und Weise an der Seite von Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß im Jahr 1983 einen D-Mark-Milliardenkredit zwischen München und Ost-Berlin vermittelte, war der Stasi-Obrist auch im Westen eine bekannte Figur. Der DDR ermöglichte er ganz sicher ein paar Monate Lebensverlängerung. Selbstschussanlagen wurden partiell entschärft, und einige der SED-Bonzen konnten sich dank des Devisensegens ein neues Dienstauto Marke Citroën oder Volvo zulegen. Was immer Schalck-Golodkowski auch in seinen aktiven Zeiten als Käufer und Verkäufer angefasst hat – die Rendite durften meist mehrere einstreichen. Natürlich auch er.

Die DDR, der Arbeiter-und-Bauern-Staat, war bei Schalck-Golodkowskis Flucht nach Moabit schon fast zerbröselt. Sie war nicht mehr die Heimstatt des „dicken Alex“, wie er im Politbüro hieß. Jahrzehntelang hat der Mann im Zentrum des KoKo-Komplexes alles vertickt, verhökert, verschoben und verhandelt, um herbeizuschaffen, was die Bonzen so gebraucht haben und was im Tausch gegen Antiquitäten, Kunst oder Tischlereiprodukte im kapitalistischen Westen zu ergattern war.

Am 13. Juli 1971 spendierte ihm das Politbüro unter maßgeblicher Mithilfe von Wirtschaftslenker Günter Mittag „in Anerkennung außerordentlicher Leistungen für die allseitige Stärkung der Deutschen Demokratischen Republik“ ein „Wochenendfertigteilhaus Import von der Firma OKAL als Geschenk“. Nach dem Mauerfall wurde das Häuschen am Gollinsee als Luxusimmobilie verkauft.

„Ach wär ich doch ein Pflasterstein, dann könnt ich schon im Westen sein.“

Auch seinen westdeutschen Gesprächspartnern galt Schalck-Golodkowski bis zuletzt als weitsichtiger Partner. Rudolf Seiters, unter Helmut Kohl Kanzleramtschef in Bonn, erinnert sich gern an ihn: „Für mich war er immer ein interessanter und verlässlicher Verhandlungspartner. Es hat Gerichtsverfahren gegen ihn gegeben und Verurteilungen, aber auf Bewährung.“ Soll heißen, ein wirklich schlechter Mensch könne das nicht gewesen sein, im politischen wie im strafrechtlichen Sinn. „Ich habe mit ihm wichtige Verabredungen vor dem historischen Besuch von Helmut Kohl am 19. Dezember 1989 in Dresen getroffen, beispielsweise zur Öffnung des Brandenburger Tors oder zur Abschaffung des Devisen-Zwangsumtausches“, fügt Seiters hinzu.

Werner Schulz, Bürgerrechtler aus DDR-Zeiten, redet über Schalck-Golodkowski noch heute so, als sei er im Zentrum des DDR-Bösen geblieben. Schulz erinnert sich gut an den Verkauf von in Leipzig ausgebuddelten und säuberlich gewaschenen Pflastersteinen an die Karnevalsstadt Aachen. Damals haben die Oppositionellen gehöhnt: „Ach wär ich doch ein Pflasterstein, dann könnt ich schon im Westen sein.“ Der Humor war in dieser Zeit eine starke Waffe.

So hat es auch Schalck-Golodkowski selbst gehalten. In den zahlreichen parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, die versuchten, sein früheres KoKo-Imperium zu sezieren und zu verstehen, machte sich der Mann aus der DDR regelmäßig einen Spaß daraus, den wissbegierigen westdeutschen Abgeordneten sein Kommunistenchinesisch an den Kopf zu schleudern. Die verstanden regelmäßig nur Bahnhof, wenn es um SBK (Spezialbaukombinat) oder HuV (Handel und Versorgung) ging. Zu dieser Zeit hat Schalck-Golodkowski wohl ziemlich sicher gespürt, dass ihm neugierige Fragesteller ohne ein großes Detailwissen nicht auf die Schliche kommen würden. Im reichen Tegernseer Tal, in seiner von einer hohen Hecke gesäumten Villa, hat er noch komfortable Jahre verbracht. Und als „Berater für Unternehmen“ lange seine Geschäftchen gemacht.

Von Dieter Wonka

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Deutschland / Welt

Die Wahl ist entschieden: Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Auf unserer Themenseite finden Sie aktuelle Berichte, Analysen und Hintergrundinformationen zur Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. mehr

CDU-Parteitag in Hameln

Zum Landesparteitag der niedersächsischen CDU in Hameln haben sich rund 450 Delegierte versammelt, um über einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2018 zu entscheiden. Sie nominierten einstimmig Bernd Althusmann.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.