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"Mit Faschisten auf der Straße"

Die Russlanddeutschen und der "Fall Lisa" "Mit Faschisten auf der Straße"

Die Russlanddeutschen gelten als strebsam und unauffällig. Nun gehen sie auf die Straße und lassen sich von Putin und Rechtsextremen ausnutzen. Was ist passiert?

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„Wir verlangen Schutz und Sicherheit für unsere Frauen und Kinder“: Auch am Wochenende wollen wieder Hunderte Russlanddeutsche wie hier in Villingen-Schwenningen gegen vermeintliche Gefahren durch Flüchtlinge demonstrieren.

Quelle: dpa

Berlin/Bielefeld. Eine 13-Jährige hat Probleme in der Schule und Streit mit den Eltern. Sie verbringt die Nacht bei ihrem 19-jährigen Freund. So hat sich der „Fall Lisa“ am Freitag aufgeklärt. Und so könnte die Geschichte langsam verwehen zwischen den Plattenbauten von Berlin-Marzahn und den Einfamilienhäusern von Berlin-Mahlsdorf. Aber die Geschichte ist damit längst nicht beendet. Denn das russlanddeutsche Mädchen Lisa hat eine Notlüge mit weltpolitischen Folgen erfunden: Sie sei, hat Lisa Eltern und Polizei vorgelogen, von „Südländern“, Flüchtlingen, entführt und vergewaltigt worden. Lisas Nachbarschaft gerät in Aufruhr. Russland gerät in Aufruhr. Am Freitag telefonierten sogar die Außenminister Sergej Lawrow und Frank-Walter Steinmeier miteinander. Wegen einer jugendlichen Ausreißerin.

Weil sich dieser Fall im angstzerfressenen Deutschland des Januars 2016 zuträgt und Thema im russischen Informationskrieg gegen den Westen wurde, ist drei Wochen nach Lisas Ausflug gar nichts vorbei. Auch an diesem Wochenende werden Russlanddeutsche auf die Straße gehen, gegen die Flüchtlingspolitik demonstrieren, nicht mehr in Berlin, aber in Bielefeld und anderen Städten. Valentin Janke, Organisator im ostwestfälischen Bielefeld, will die für Sonntag geplante Kundgebung nicht absagen. „Es ging nie nur um Lisa“, sagt der 29-Jährige. „Wir wollen, dass allgemein in Deutschland Ordnung und Sicherheit wiederhergestellt werden. Wir sind nicht gegen Flüchtlinge, aber gegen Kriminelle. Wir verlangen Schutz und Sicherheit für unsere Frauen und Kinder.“

Janke weiß, dass die NPD erfolgreich an die wütenden Proteste der Russlanddeutschen angedockt hat. In rechten Diskussionsforen wird triumphiert. „Jetzt prügeln sie Merkel aus dem Kanzleramt!“, steht da. „Die Russen haben die Eier dafür!“ Janke glaubt, dass er sich abgrenzen kann. Seine Ordner, sagt er, würden jedes rechtsextreme Transparent sofort runterreißen.

Aber was treibt die Russlanddeutschen an, die als arbeitsam, unauffällig, fast schon überintegriert gelten? Geht hier eine lange unsichtbare Parallelgesellschaft auf die Barrikaden? Trägt jetzt die unheilige Allianz von Putin-Propaganda und Rechtspopulismus Früchte?

Alexander Reiser war vor einer Woche dabei, als ein paar Hundert Russlanddeutsche und Neonazis vor das Kanzleramt zogen. „Aus Neugier“, sagt der 53-Jährige. Reiser ist so etwas wie der Intellektuelle unter den Marzahner Russlanddeutschen, ein beeindruckender Mann mit kahlem Kopf und sarkastischem Lachen. Er ist Buddhist, war Hochseefischer in Wladiwostok, Journalistikstudent in Moskau. In Berlin schriftstellert er und führt die Geschäfte im Aussiedlerverein Vision e.V.; Reiser wollte sehen, was aus der Wut wird, die bei ihm in Marzahn begann und sich zuerst manifestierte auf dem kahlen Platz zwischen dem russischen Mix-Markt und dem angestaubten Café Natalia. Im Regierungsviertel wurde nicht Merkel aus dem Kanzleramt, sondern Reiser aus der Demo geworfen. Als wieder ein Redner ausmalte, wie das Mädchen angeblich 30 Stunden lang von einer Flüchtlingsbande vergewaltigt worden war, platzte ihm der Kragen. „Du klingst, als wärst du dabei gewesen!“, brüllte er den Redner an. Da zogen ihn die Ordner aus der Demo.

Reiser hält engen Kontakt zu Lisas Familie, er wusste zu diesem Zeitpunkt, dass die Version der Polizei stimmte. Dass nämlich Lisa in schlechte Gesellschaft geraten war, dass Männer sie ausnutzten, dass wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen ermittelt wird – dass aber kein Flüchtling beteiligt war. Doch am Anfang gehörte auch er zu den Zweifelnden. Zu dürr war die erste Pressemitteilung der Polizei. Da stand nur: Es gab keine Entführung und keine Vergewaltigung. Das sollte die Persönlichkeitsrechte des Mädchens schützen.

Wer aber mit der sowjetischen Miliz aufgewachsen ist und mit den korruptionsverseuchten Organen der Nachfolgestaaten, konnte daraus nur eines schließen: „Die wollen das vertuschen, das habe ich auch geglaubt“, sagt Reiser. „Ein Satz hätte doch genügt: Die Ermittlungen gehen weiter. Dann hätte sich vielleicht keiner aufgeregt.“ Stattdessen waberten Angst und Wut erst durch Marzahn und dann ins russische Fernsehen. Die Geschichte passte perfekt in die Abendnachrichten, in die lange Reihe von erfundenen oder übertriebenen Berichten, in denen aufrechten Russen im dekadenten Westen Schlimmes widerfährt. Da sollen einer russischen Familie in Norwegen die Kinder weggenommen worden sein, weil sie im Kindergarten von Prügeln berichteten, solche Geschichten werden breitgewalzt. „In den Nachrichten geht es zwei Minuten um Russland, und dann 13 Minuten um das dekadente ,Gayropa‘“, berichtet Reiser. „So regen sich die Menschen nicht über den Absturz des Rubels auf, sondern über Horden von Arabern, die im Westen russische Mädchen vergewaltigen.“ Reiser legt mit diesem sarkastischen Lachen nach: „Der Westen ist eine verdorbene Dirne.“

Nicht alle schauen Putins TV mit Sarkasmus, und auch in der Diaspora entfaltet es seine Wirkung. Seit der Ukraine-Krise ist die Gemeinschaft gespalten, es gibt ständig heiße Debatten. Wer hat recht, das große Russland, der freie Westen? Wem kann man glauben, den deutschen Behörden oder Lisas Verwandten?

Die Zorneswelle schwappte bis in die Aussiedlerenklaven in Westdeutschland. Sie erreichte Menschen wie Anastasia, die in Bielefeld Psychologie studiert und ihren Nachnamen nicht nennen will. Vor zwölf Jahren kam sie mit ihrem deutschen Mann aus Sibirien, ihr Sohn ist 13, wie Lisa. „In jedem russischen Dorf ist Kindesmissbrauch das schlimmste aller Verbrechen“, sagt sie. „Ein Krimineller, der so etwas gemacht hat, riskiert, im Gefängnis umgebracht zu werden.“ Als Anastasias 13-jähriger Sohn ihr erzählt hat, dass die Lehrerin der Klasse ein Kondom gezeigt hat mit einer Erklärung, wie es zu benutzen ist, war Anastasia ratlos und aufgebracht. „13 ist kein Alter, um Kinder dem Thema Sex auszusetzen“, sagt sie. Dass Lisa freiwillig Sex mit mehreren erwachsenen Männern gehabt haben könnte, kann sie sich nicht vorstellen. Nicht erst seit Köln fühlt sich Anastasia, die die deutsche Flüchtlingspolitik ablehnt, auf Bielefelder Straßen unsicher und überlegt, Pfefferspray zum Selbstschutz anzuschaffen.

In Marzahn riecht es schon ein winziges bisschen nach Frühling. Dmitri Geidel klappt trotzdem den Mantelkragen hoch, als er vom Café Natalia zum Mix-Markt schlendert. Der 26-jährige Jurist wuchs in Marzahn auf, heute sitzt er für die SPD im Bezirksparlament. „Die Behörden haben am Ende doch vieles richtig gemacht“, lobt er. „Sie haben unaufgeregt gehandelt, dadurch beruhigt sich die Lage jetzt wieder. Am Ende könnte sogar neues Vertrauen in die Polizei stehen. Und viele, die auf der Demonstration neben NPD-Leuten gestanden haben, schämen sich jetzt, dass sie mit Faschisten zusammen auf der Straße waren.“

In Bielefeld rechnet Demo-Veranstalter Janke am Sonntag nach wie vor mit mehr als 1000 Teilnehmern.

Nachgefragt ...

... bei Heinrich Zertik (CDU), Abgeordneter im Bundestag.

Herr Zertik, Russlanddeutsche wollen wieder demonstrieren. Woher kommt die Angst?

Das sitzt bei uns Russlanddeutschen tief drinnen, wir waren 250 Jahre unterwegs und mussten uns immer wieder gegen Attacken von außen verteidigen. Wir bringen ein gewisses Misstrauen gegenüber Polizei und Behörden aus sowjetischer und postsowjetischer Zeit mit. Wegen unserer Vergangenheit ist auch die Angst vorhanden, dass Behörden etwas vertuschen. Diese Ängste sollte man friedlich und demokratisch aussprechen dürfen. Gleichzeitig sollten wir seitens der Politik auf die Menschen zugehen und ihnen dieses Misstrauen nehmen.

Die Ängste werden vom Kreml ausgenutzt und verstärkt. Wer ist dafür empfänglich?

Denjenigen, die russische Kanäle gucken, sage ich: Es ist wichtig, dass ihr differenziert. Medienvielfalt ist eine tolle Sache, aber ihr müsst Nachrichten vergleichen und den Unterschied zwischen Meldung und Einflussnahme sehen.

Gab es zu wenig Abgrenzung zu Rechtsextremen?

Ich habe so viele Menschen gefragt: Seht ihr nicht, wer euch da ausnutzt? Da wurden viele kleinlaut, waren schockiert. Jetzt ist die Aufregung zum Glück eingedämmt.

Müssen Sie befürchten, dass die bisher treu CDU wählenden Russlanddeutschen zu AfD oder NPD wechseln?

Das glaube ich nicht. Viele meiner Landsleute sind gläubig, da kommt nur die Partei mit dem C infrage. Wer unzufrieden ist, wird vielleicht nicht zur Wahl gehen.

Warum sind so viele Russlanddeutsche gegen die Flüchtlingspolitik? Sie waren doch in einer ähnlichen Situation?

Die Behauptung, dass wir gegen die Flüchtlingspolitik sind, ist nicht richtig. Wir sind gegen Missstände und Kriminalität. Gleichzeitig darf man nicht das Heimkehren der deutschen Aussiedler vor 20 Jahren mit der heutigen Situation vergleichen. Wir kamen mit einer deutschen Mentalität in unsere alte Heimat.

Können die Flüchtlinge von ihnen lernen?

Wir haben uns immer wieder eine neue Heimat aufgebaut. Das ist nicht einfach, man muss hart dafür arbeiten. Und die allermeisten von uns haben immer die Gesetze des Landes respektiert, in Russland, in der Sowjetunion, in Deutschland. Wir sind nicht gegen Flüchtlinge, wir wollen die Leidenden unterstützen. Wir wollen aber auch, dass gegen Kriminelle hart vorgegangen wird. 

Von Elena Gunkel und Jan Sternberg

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