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00:16 15.05.2016
Von Michael B. Berger
„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein ...“: Das Gedicht der Poetry-Slammerin Julia Engelmann hat Christian Wulff bewegt. Jetzt trafen sich beide in Goslar. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU) ist mehr als zufrieden. Der alte Aufenthaltsraum, die Waschkaue, im ehemaligen Bergwerk Rammelsberg ist voll, Junk hätte leicht die doppelte Menge an Karten ausgeben können. Denn Christian Wulff, Bundespräsident a. D., zieht noch immer. Oder jetzt wieder stärker. Denn seine öffentlichen Auftritte in Niedersachsen sind selten geworden. Über Last und Lust des Lebens in der Öffentlichkeit soll der 56-Jährige an diesem Abend reden - mit einer jungen Frau, die so viel Urvertrauen ausströmt, dass einem warm ums Herz werden kann. Sie mag „Happy Ends“, sagt die 23-jährige Poetry-Slammerin Julia Engelmann über sich. Wulff hat sie selbst als sein Gegenüber für die Talkrunde im Museum vorgeschlagen. Sie habe ihm einst in Stunden großer Wut und Niedergeschlagenheit Mut gemacht, seine Abrechnung mit der Medienöffentlichkeit nicht nur niederzuschreiben, sondern auch in Buchform zu veröffentlichen. Tochter Annalena habe ihm damals Engelmanns Gedicht zugeschickt, berichtet Wulff.

Altbundespräsident Christian Wulff hat viel zu tun. Zwar sind seine öffentlichen Auftritte selten geworden, dafür sind seine Auftritte gehaltvoller geworden.

„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können“, beginnt Engelmanns Text, der die Psychologiestudentin aus Bremen mit mehr als neun Millionen Klicks bei Youtube berühmt machte. Traumhaft findet der Altbundespräsident dieses Gedicht. Und er denkt dabei vor allem an seine Geschichte - die von Aufstieg und tiefem Fall handelt und auch davon, welche Rolle, die Medien spielten, die er einst nutzte, um nach oben zu kommen, und die später seinen Fall immens beschleunigten. Letzteres hat Wulff nicht vergessen. Auch wenn er stets betont, jetzt viel gelassener geworden zu sein - nach der „Hexenjagd“, der er in den letzten Monaten im Schloss Bellevue ausgesetzt gewesen sei.

Wenn Wulff vor versammeltem Publikum für ein Mindestmaß an Respekt wirbt, den man auch gegenüber Politikern haben sollte, wenn er sich über „auflauerndes Fotografieren“ vor seinem Haus beschwert, dann ist es im Goslarer Museum sehr still und der Bundespräsident a. D. ganz bei sich - auch wenn zahlreiche Pressevertreter im Saal sitzen, die Wulff nur noch als „unangenehme Begleiterscheinung“ bei solchen öffentlichen Terminen empfindet. Am liebsten sei ihm das Gespräch mit dem Bürger, direkt und ungefiltert. „Das ist meine ganz eigene Mission“, sagt der Altbundespräsident, der Anfang 2012 nach einer Affäre um seinen Hauskredit und Ungeschicklichkeiten bei der Affärenbewältigung zurücktreten musste.

Wulff hat sich gefangen und macht an diesem Abend locker und leger klar, dass er sich niemals mehr niedermachen lassen will von Häme und überbordendem Spott - und zugleich, dass er zu vielen großen Themen wie Ausländerhass, neu aufkommendem Nationalismus in europäischen Ländern wie auch in den USA einiges zu sagen hätte.

Zumindest sein Terminkalender ist nach eigenen Angaben prall gefüllt. Anfang der Woche war Wulff in Wien, genau zu dem Zeitpunkt, als der österreichische Kanzler Werner Faymann zurücktrat, am Wochenende davor in Polen. Am Mittwochmorgen hat er die Eröffnungsrede auf einem Medienkongress in Düsseldorf gehalten, am Abend steht die Begegnung mit der jungen Poetin in Goslar auf dem Programm. Wulff kommt viel herum, in den Medien allerdings nur noch selten vor. Aber er betont, dass er das auch gar nicht mehr wolle. Wellen schlug zuletzt die Meldung, dass er für dieses Jahr Spargelbotschafter Niedersachsens sein werde. Der Vorsitzende des Vereins Niedersächsische Spargelstraße in Burgwedel-Fuhrberg habe den Altbundespräsidenten mit diesem Amt betraut, verbreitete sogar „Spiegel online“. Die kleine Meldung zum Ende einer einst großen politischen Karriere lief im April über alle Kanäle - und rief Satiriker auf den Plan. Vom Bundespräsidenten a. D. zum Spargelbotschafter gibt es ohne Zweifel eine gewisse Fallhöhe, auch wenn Wulff das eher niedrigschwellige Ehrenamt vermutlich aus reiner Heimatliebe angenommen hat.

Näher an seiner alten Rolle als Bundespräsident fühlte er sich sicherlich, als Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn bat, an ihrer statt zur Trauerfeier für den verstorbenen saudi-arabischen König Abdullah zu reisen. Aber auch das brachte hämische Schlagzeilen: „Merkel schickt Wulff in die Wüste“ spöttelte die „FAZ“. Ein anderer sehr repräsentativer Termin für Wulff war die von ihm gehaltene Laudatio auf den UN-Generalsekretär Ban Ki-moon bei der Verleihung eines Medienpreises in Baden-Baden. Solche Höhepunkte sind heute aber eher Ausnahmen im Tagesgeschäft des Christian Wulff. Die Politik tue sich immer noch schwer mit ihm, vertraute vor kurzem Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) der „Welt“ an, als die Zeitung nach einer neuen Rolle für Wulff fragte.

Noch immer aber ist er ein Ansprechpartner der islamischen Welt, und läuft zu alter Hochform auf, wenn er erläutert, warum er vor knapp fünf Jahren gesagt hat, dass der Islam „auch“ zu Deutschland gehöre. Wulff steht noch immer zu diesem Satz. Er beschreibe einen Prozess, in dem er damals als Bundespräsident eine Wegmarke setzen wollte. „Wenn man den Menschen, die einst aus der Türkei kamen, sagt, ihr könnt nur teilweise dazugehören, dann muss man sich über Integrationsprobleme nicht wundern“, sagt Wulff. Und Kanzlerin Merkel, die den Satz vor einiger Zeit wiederholte, bescheinigt er einen noch größeren Mut als sich selbst. „Ich hätte ahnen können, was auf mich nach diesem polarisierenden Satz zukommt. Sie wusste, was kommt. Und hat es dennoch getan.“ Da gibt es heftigen Beifall vom Publikum im Bergwerk von Goslar. Fragen - das ist eher ungewöhnlich - hat anschließend niemand mehr. Zumindest die Goslarer scheinen mit Wulff versöhnt und zufrieden zu sein.

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