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"Die Krise setzt enorme kreative Kräfte frei"

Serie "Griechische Woche" "Die Krise setzt enorme kreative Kräfte frei"

Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Rentner, Lehrer und Studenten in Griechenland, während die Mächtigen Europas über die Zukunft ihres Landes entscheiden? Unsere Reporterin Marina Kormbaki ist vor Ort und berichtet aus dem Alltagskrimi. Heute: Krise macht kreativ – Ein gefragter deutscher Schauspieler und ein Maler mit Mission.

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"Die Revolution ist kein Apfel, der fällt, wenn er reif ist – du musst dafür sorgen, dass er fällt": Ein Graffito des Künstlers WD in Athen.

Quelle: ©Wild Drawing / Montage

Ein Schauspieler aus Deutschland, groß und blond, seit Jahren in Athen - was wird wohl sein Rollenprofil auf dem griechischen Filmmarkt sein? Man hat so eine unbehagliche Ahnung und liegt damit ganz richtig. "Ich bin der einzige richtig deutsche Schauspieler hier in Athen. Das bringt viele Jobs mit sich. Ich spiele den Nazi in Filmen, die von Deutschen handeln." 

Adrian Frieling, 53, trinkt einen Mokka im Zentrum von Exarchia, jenem berüchtigten Athener Autonomen-Viertel, um das die Polizei einen weiten Bogen macht. Jungs mit Bärten und Tattoos kommen an den Tisch. "Jiasu Adrian, weißt du noch, wer ich bin? Wir haben uns da und da gesehen." Adrian Frieling nickt stets höflich. Ganz offensichtlich können die Leute gut unterscheiden zwischen den fiesen Rollen, die er im Kino, in Fernsehserien und im Theater spielt, und dem freundlichen Typen, der er ist.

Gerade erst stand er vor der Kamera für einen Film über einen griechischen Bouzouki-Spieler in Thessaloniki während der deutschen Besatzung. Adrian Frieling spielt den SS-Mann Dieter Wisliceny, der für die Deportation Zehntausender griechischer Juden aus der Stadt in die Vernichtungslager verantwortlich war. Wie lebt es sich als Schauspieler in dieser Nische? "Es war eine Herausforderung", sagt Adrian Frieling. Als Kriegsdienstverweigerer hätte ich nicht gedacht, dass die erste Uniform, die ich in je tragen würde, eine mit SS-Zeichen und Hakenkreuz sein würde."

"Die Kunstszene der Stadt ist mit der Krise erst so richtig aufgelebt."

Adrian Frieling zog Ende der neunziger Jahre nach Athen. Die Krise war da noch weit weg. Glorreiche Ereignisse wie die Olympischen Sommerspiele 2004 standen bevor, Geld war da, eine ferne Zeit. Doch schon fünf Jahre später schlug die Krise ein. Zu ihren ersten Opfern zählt die Kunst, heißt es oft. Stimmt wohl auch, sofern man unter Kunst vor allem staatlich subventionierte Kulturproduktion versteht. Der griechische Staat strich seine Kulturausgaben zusammen. "Da haben viele Theater in der Stadt geschlossen", sagt Adrian Frieling, "aber die Kunstszene der Stadt ist mit der Krise erst so richtig aufgelebt. Die Krise setzt enorme kreative Kräfte frei."

Kreative Höhenflüge ohne Budget - was unmöglich klingt, lässt sich doch eindrucksvoll in einigen Athener Gegengen besichtigen. Off-Theater und innovative Clubs öffnen in Keramikos und Gazi, unter jungen, weltoffenen Leuten ziemlich angesagte Viertel. "Das sind oft Läden ohne Genehmigung, es erinnert ein bisschen an Berlin in den frühen Neunzigern", sagt Adrian Frieling. Und auch das griechische Autorenkino erfährt seit einigen Jahren große Beachtung. Junge Regisseure wie Yorgos Lanthimos und Sofia Exarchou werden zu Filmfestivals weltweit eingeladen und mit Preisen bedacht; im jüngsten Film von Exarchou mit dem Namen "Park" ist auch Adrian Frieling zu sehen. Er spielt einen Dänen.

"Als Künstler muss man einen Befreiungsschrei ausstoßen."

Aber wie ist es denn nun möglich: den Kopf frei zu haben für die Kunst, wo doch ringsum Angst und Armut herrschen. "Als Künstler muss man auf das Drumherum reagieren, einen Befreiungsschrei ausstoßen, wörtlich und im übertragenen Sinn", sagt Adrian Frieling und empfiehlt, bevor er geht, dringend einen Besuch um die nächste Straßenecke, an der Kreuzung Benaki-Arachovis.

Dort pinselt gerade der Graffiti-Künstler WD mit einer Teleskopstange ein etwa viermal acht Meter großes Gemälde an die bröckelnde Wand eines uralten Hauses. Das Gemälde - man muss es so nennen - wird erst in einigen Tagen fertig sein. Ein liegender Junge zeichnet sich ab, kraftlos und zusammengekrümmt. WD ist ein freundlicher junger Mann aus Bali, Indonesien, und zurzeit der wohl gefragteste Streetartist unter nicht gerade wenigen talentierten Graffiti-Künstlern, die mit ihren Farben und ihren klugen, ausdrucksstarken Motiven diesem zementgrau vor sich hin darbenden Athen gerade einen großen Dienst erweisen.

Warum ausgerechnet Athen? "Hier herrscht ein süßes Chaos vor, und das macht die Stadt so lebendig. Ich mag diese Art Chaos sehr, es versorgt mich mit immer neuen Ideen." WD greift in seiner Kunst das große Thema dieser Stadt auf, die Krise. Seine Bilder handeln oft von Armut, Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit.

"Ich kann und will nicht ignorieren, was die Sparpolitik all der Jahre mit dieser Gesellschaft macht", sagt WD. "Ich meine, du kannst nicht durch die Stadt gehen und die Verzweiflung der Leute sehen, ihre Wut und Depression und dann einen blauen Himmel malen oder einen schönen Strand, wie es touristische Werbekampagnen tun."

           
           
         

Marina Kormbaki (32) ist Berlin-Korrespondentin des RedaktionsNetzwerks Deutschland der Mediengruppe Madsack. Sie reist seit ihrer Kindheit regelmäßig zu Verwandten nach Athen, beherrscht die griechische Sprache - und begleitet für uns die europäische Schuldenkrise seit Jahren journalistisch. Bis zum Referendum am Sonntag berichtet sie an dieser Stelle aus Athen von dem Leben am Rande des Staatsbankrotts.

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