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Der Kämpfer hat den Kampf verloren

Zum Tode von Guido Westerwelle Der Kämpfer hat den Kampf verloren

Am Ende hat er den Kampf gegen den Krebs doch verloren: Der ehemalige Außenminister und FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle ist im Alter von 54 Jahren gestorben. Westerwelle litt an Leukämie und befand sich seit Monaten in Behandlung in der Uniklinik Köln. Ein Nachruf von HAZ-Redakteur Michael B. Berger.

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Im Alter von 54 Jahren an Leukämie gestorben: Guido Westerwelle.

Quelle: dpa/Archiv

Bonn/Köln. "Und dann stirbste!“ Mit diesem knappen, stillen, beinah empörten, weil doch so hilflos klingenden Satz hat sich Guido Westerwelle Ende vergangenen Jahres in einem großen „ Spiegel“-Interview von der Öffentlichkeit verabschiedet.

Mehr als 30 Jahre Politik, zehn Jahre FDP-Chef, vier Jahre Außenminister – Guido Westerwelle gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Politik.

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Die schlimmsten Nachrichten lagen da eigentlich schon hinter ihm. Aufstieg und Fall eines höchst begabten Politikers waren abgehakt. Zu Tränen gerührt sprach der einstige Spaßpolitiker über die brutalen Spuren der akuten myeloischen Leukämie. Über wuchernde Blasten, den Verlust von Kampffähigkeit, die Einbuße von Lebenslust, die Sorge um private Liebe und die entschwindende Hoffnung auf ein neues Leben jenseits der großen, lauten, raubeinigen Politik.

Er war einer der jüngsten Politstars der FDP, Krawattenmann des Jahres, Vizekanzler, Außenminister, Provokateur und Rebell, Aufbauhelfer der Liberalen, Freigeist und Spaßmacher. Er agitierte, polarisierte und elektrisierte 30 Jahre lang die bundesdeutsche Politik. Erst in Bonn, dann in Berlin. Langweilig war er nie.

Er wurde nur 54 Jahre alt

Aber Guido Westerwelle war wesentlich sensibler und feinfühliger, als viele vermuten. Die meisten haben das erst erspüren können, als er vor wenigen Monaten öffentlich über seine schwere Krebserkrankung sprach und Nebenwirkungen schilderte, bis hin zu der Nahtoderfahrung. Am Freitag ist Guido Westerwelle gestorben. Er wurde nur 54 Jahre alt.

Obwohl Liberale, die ihn besser kannten, schon wussten, dass sein Zustand ernst war, traf der Tod die meisten doch völlig unvorbereitet. Vor gut einem Jahr hatte der an Leukämie erkrankte Politiker, der vor fünf Jahren sein Amt als FDP-Parteivorsitzender auf- und an den Hannoveraner Philipp Rösler abgegeben hatte, einen Knochenmarkspender gefunden. „Er hat so sehr gekämpft – und wir hätten ihm so sehr gewünscht, dass er diesen großen, letzten Kampf gewinnt“, sagte gestern der frühere FDP-Generalsekretär Patrick Döring. „Fassungslos“ sei er über den frühen Tod Westerwelles. Er war nicht der einzige, der sich gestern bestürzt  äußerte. Sein Vorgänger und Nachfolger im Amt des Außenministers, Frank-Walter Steinmeier (SPD),  nannte den so oft so umstrittenen Liberalen gestern einen „großen Patrioten“.

Vielleicht gehört zur Tragik der öffentlichen Wahrnehmung Westerwelles, dass das Image des Kämpfers ihm noch nachhing, als er längst zum Staatsmann geworden war. Westerwelle selbst hat sein öffentlich schier unverwüstliches Selbstbewusstsein, seine Kampfes- und Provokationslust auf frühe Kabbeleien mit seinen drei Brüdern zurückgeführt.

Westerwelle blieb sich selbst treu

Westerwelle, Sohn eines Juristenehepaares, das sich früh scheiden ließ, wuchs in einem Männerhaushalt auf. Zwei ältere und ein jüngerer Bruder saßen mit Guido am Kölner Küchentisch.  Zuhause lernte er von klein auf, dass man keine großen Gefühle zeigen, dass man Leistung erbringen musste, dass Schwäche falsch und Angriff beste Verteidigung sei. Die Homosexualität sollte sich als Fehlentwicklung „auswachsen“, hat man ihm gesagt. Westerwelle blieb sich selbst treu. Aber die Erfahrung machte ihn später, bis zum Ende seines  politischen Wirkens, härter als er wollte. Das Zuhause sei schon eine harte Schule gewesen, hat Westerwelle, im Herzen eine rheinische Frohnatur, manchmal bekannt – und stets hinzugesetzt: „Hart, aber gut.“ Es war auch eine Schule in Mutterwitz, von dem er eine Menge in privaten Gesprächen offenbaren konnte.

Der Junge, ein schlechter Schüler, hat sich durchbeißen müssen bis zum Abitur. Zum Wehrdienst wurde er nicht eingezogen. Er sei, sagte er 2009 in einem Interview, wegen seiner gleichgeschlechtlichen Orientierung ausgemustert worden.

Seine Homosexualität hat Guido Westerwelle lange verschwiegen. Vielleicht hat er sie ja auch verbergen müssen. Noch in den Neunzigerjahren, als er bereits FDP-Generalsekretär unter dem damaligen Vorsitzenden und Bundesaußenminister Klaus Kinkel war, nahm er eine weibliche Begleitung mit zu den Presseabenden auf FDP-Bundesparteitagen. Und erzählte von Urlauben mit „lieben Freundinnen“. Noch im Jahr 2000 legte sich Westerwelle mit dem erzkonservativen Bischof Johannes Dyba an, als der über die von Rot-Grün eingeführte „Homo-Ehe“ giftete. Aber er selbst bekannte sich damals nicht dazu, dass er schwul war. Das geschah erst im Jahr 2004, als er bereits Bundesparteivorsitzender der FDP war. Nicht wenige selbst der engsten Parteifreunde schmissen ihm zotige Witze hinterher. Meist fühlte er sich dadurch in seinem Kampf echte und vermutete Gegener noch mehr ermuntert.

Möllemann war sein größter Rivale

Denn kämpfen musste er auch in der FDP, zumindest in den Anfangsjahren. Sein größter Rivale war Jürgen Möllemann, ein glänzender Redner und Charismatiker wie Westerwelle, aber auch ein abgründiger Charakter. Möllemann scheute sich nicht, im Wahlkampf mit antisemitischen Ressentiments zu spielen, um seine FDP nach oben zu pushen. Lange scheute Westerwelle die direkte Auseinandersetzung mit Möllemann, der noch zu Zeiten des Bundeskanzlers Helmut Kohl Vizekanzler war. Doch der Fallschirmspringer und Hasardeur Möllemann brachte sich durch undurchsichtige Finanzaktionen selbst aus dem Spiel und durch einen Sprung aus dem Flugzeug im Jahr 2003 ums Leben.

Westerwelle war schon in jungen Jahren, seit 1980, FDP-Mitglied. Die Jungen Liberalen hat er mitgegründet. Die „JuLis“ waren so etwas wie die parteiinterne konservative Gegenbewegung zu den eher linken Jungdemokraten. Westerwelles großes Vorbild wurde Hans-Dietrich Genscher, damals Bundesaußenminister und Vater der „Wende“ der FDP von der sozialliberalen hin zur schwarz-gelben Koalition.

Klaus Kinkel machte den jungen Rechtsanwalt, der gerade zum Dr. jur. promoviert worden war, 1994 zum Generalsekretär. 2006 trieb Westerwelle, inzwischen Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, Kinkels Nachfolger Wolfgang Gerhardt aufs Altenteil, auch dies Ergebnis eines lange schwärenden Machtkampfes.

Erster Kanzlerkandidat der FDP

In seinen inner- und außerparteilichen Auseinandersetzungen hat der bekennende Karnevalist Westerwelle immer wieder „Spaßeinlagen“ geboten, die Zweifel an seiner Seriosität auslösten. So trat er 2002 als erster Kanzlerkandidat der FDP an – und in einer Talkshow mit Schuhsohlen auf, an deren Sohlen eine gelbe 18 klebte, Sinnbild jener 18 Prozent Wählerstimmen, die er unbedingt für seine FDP ergattern wollte. Er verfehlte dieses Ziel um Längen. Die FDP kam damals nur auf 7,4 Prozent.

Es war der Wahlkampf, der Westerwelle für die politischen Kommentatoren des Landes zur Witzfigur werden ließ. Der Liberale fuhr mit einem riesigen, quietschgelben Campingmobil durch Deutschland. Das „Guido-Mobil“ zog unendlich viel  Spott auf sich, als missratener Versuch des FDP-Vorsitzenden, den Menschen nahezukommen. Bundeskanzler Gerhard Schröder gab derweil den überlegenen, entschlossenen Bekämpfer der großen Herbstflut.

Erst 2009, nach dem Regierungswechsel, durfte die FDP wieder mitregieren. Westerwelle kam ins Auswärtige Amt. Und hier erarbeitete er sich endlich den Respekt, nach dem er zeitlebens  strebte. Er entwickelte die „Kultur der militärischen Zurückhaltung“. Umstritten war die Entscheidung, sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat zum Libyen-Einsatz zu enthalten. Und doch konnte er in diesem Amt, für viele überraschend, am meisten überzeugen. Vor allem durch Seriosität.

Westerwelle zog sich aus der Politik zurück

Die Zeit im Amt des Chefdiplomaten, das ihm gefiel, war kurz bemessen. 2013 flog die FDP aus dem Bundestag. Westerwelle, inzwischen ganz offen mit dem Unternehmer Michael Mronz liiert, zog sich aus der Politik zurück. Er gründete die Westerwelle Foundation, eine Stiftung für internationale Verständigung. 2014 kam er wegen einer anstehenden Knieoperation ins Krankenhaus. Bei einer Blutuntersuchung wurde entdeckt, dass er Leukämie hatte.

Akute myeloische Leukämie

Guido Westerwelle litt an sogenannter akuter myeloischer Leukämie (AML). Diese gilt als besonders aggressive Form von Blutkrebs. Sie ist  die häufigste Variante akuter Leukämien bei Erwachsenen. Unbehandelt führt die Krankheit in der Regel innerhalb weniger Wochen zum Tod.
Bei AML entartet die Vorstufe einer Zelle, zu der unter anderem die roten Blutkörperchen, Blutplättchen sowie Teile der weißen Blutkörperchen gehören. Die entarteten Zellen vermehren sich dann unkontrolliert, bilden sich aber nicht zu funktionstüchtigen Blutkörperchen aus, sondern behindern deren Bildung. So kommt es zu einer starken Schädigung der Organe, etwa der Milz und der Leber. Dem Uniklinikum Heidelberg zufolge zeigen Betroffene Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, vermehrte Infekte und Blutungen sowie Schmerzen in den Knochen.
Die Überlebenschancen bei einer akuten Leukämie haben sich in den vergangenen Jahren dank der Fortschritte bei Stammzelltransplantationen und neuer Medikamente deutlich verbessert. Über einen Zeitraum von fünf Jahren betrachtet erholen sich heute 50 Prozent der Patienten, die jünger als 60 sind, vollständig.

Vor wenigen Monaten berichtete Westerwelle bei der anrührenden Vorstellung seines Buches „Zwei Leben“, das er schon einmal dem Tod ins Auge geblickt habe; auf eine der vielen Infusionen nach der Knochenmarksübertragung habe sein Körper allergisch reagiert, habe das Herz gerast und er keine Luft mehr bekommen. „Ich dachte: So also fühlt es sich an, das Sterben.“

Am Freitag hat das Sterben den Kämpfer eingeholt.

Von Michael B. Berger und Dieter Wonka

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