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Deutschland / Welt Der Mann, der Willy Brandt stürzen wollte
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09:08 18.12.2013
Von Klaus Wallbaum
Überläufer  aus der FDP:  Wilhelm Helms. Quelle: Archiv
Hannover

Die vielen Sondersendungen zum 100. Geburtstag von Willy Brandt schaut sich Wilhelm Helms mit gemischten Gefühlen an. Die alten Zeiten kommen dann immer wieder in ihm hoch. Der große SPD-Vorsitzende wird gegenwärtig besonders verehrt und gewürdigt. Helms aber, ein Landwirt aus dem kleinen Dorf Heiligenloh bei Diepholz, ist längst vergessen. Dabei wäre er fast als „der Mann, der Willy Brandt stürzte“, in die deutsche Geschichte eingegangen. Aber daran erinnert sich heute kaum noch jemand.

Brandt und Helms haben eines gemeinsam: einen runden Geburtstag in dieser Woche. Während der frühere Kanzler heute 100 geworden wäre, feiert Helms morgen seinen 90. Geburtstag – in aller Stille und in ländlicher Abgeschiedenheit. Vor 41 Jahren, im April 1972, standen Journalisten aus dem In- und Ausland Schlange vor der Hoftür des Bauern. Es waren die Tage kurz vor dem konstruktiven Misstrauensvotum, mit dem CDU und CSU seinerzeit im Bundestag versuchten, Brandt als Kanzler der SPD/FDP-Koalition zu stürzen und stattdessen Rainer Barzel (CDU) zum neuen Regierungschef zu wählen.

Über Nacht prominent

Die Chance dazu schien groß zu sein, denn einige Abgeordnete von SPD und FDP waren zur Union übergetreten, auch der bekannte Schlesier-Funktionär Herbert Hupka. Es war dann Helms, der den Ausschlag gab. Für die FDP saß er seit drei Jahren im Bundestag. Am 23. April 1972 erklärte auch er den Übertritt zur CDU/CSU. Damit schien nun für Barzel eine Mehrheit sicher zu sein, die Union reichte den Misstrauensantrag in der Erwartung ein, ihn auch gewinnen zu können. Und Helms wurde über Nacht prominent.

Aber Überläufer haben ein schweres Los, das musste der frühere FDP- und spätere CDU-Politiker rasch erkennen. Viele Journalisten hätten ihm damals das Wort im Mund umgedreht, sagt er. Als provinzieller Politiker, der ein einziges Mal Weltgeschichte schreiben wollte, wurde Helms dargestellt. Die Ernsthaftigkeit seiner Motive wurde angezweifelt. Ging es um Geltungssucht und verletzte Eitelkeiten? Nein, sagt Helms, ihm habe die politische Richtung der damals seit drei Jahren regierenden SPD/FDP-Koalition nicht mehr gepasst. Bei allem Respekt vor der charismatischen Wirkung von Willy Brandt – seine Annäherung an die Mächtigen im Ostblock sei ihm suspekt gewesen, und die mangelnde haushaltspolitische Stringenz habe ihn auch gestört. Helms sieht sich in dieser Haltung bestätigt auch durch den damaligen Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller, der sich wenige Wochen nach ihm von Brandt abwandte und die SPD verließ. „Heute wird die Regierungszeit von Willy Brandt verklärt“, sagt Helms. Die vielen Konflikte in der SPD/FDP-Koalition, auch in der SPD selbst, würden kaum wahrgenommen. Die Umstände des Misstrauensvotums auch nicht.

Brandt versuchte zu bekehren

Bevor Helms im April 1972 die FDP verlassen hatte, versuchten ihn viele alte Parteifreunde umzustimmen, auch Hans-Dietrich Genscher. Das blieb ohne Erfolg. Kurz vor dem Misstrauensvotum sprach er auch mit Brandt selbst, der ihn ebenfalls zu bekehren versuchte. Trotzdem: Man ahnte damals vielleicht schon, dass es trotz der Mehrheiten für Barzel doch gut gehen würde für Brandt. Es gibt Hinweise auf die DDR-Staatssicherheit, die Abgeordnete der CDU/CSU „gekauft“ haben und damit die Mehrheiten für Brandt sichergestellt haben soll. Ob das stimmt? Helms glaubt es.

Er selbst musste in den Jahren danach einen Spießrutenlauf erleben. „Wenn man einen solchen Schritt geht, wie ich ihn gegangen bin, dann muss man das auch durchstehen können“, sagt er. Für die CDU, seine neue Partei, kam Helms 1979 ins Europaparlament, blieb dort bis 1984. Viel später, 1990, ging es vor Gericht noch einmal um die aufregenden Ereignisse vom April 1972. Helms ging gegen eine Passage in den Brandt-Memoiren an, in der ihm ein finanzielles Motiv für den Fraktionswechsel nachgesagt wurde: Gegenüber Brandt habe er angegeben, „wegen seines Hofes“ mit der CDU/CSU stimmen zu wollen. War der FDP-Mann also bestochen worden? Helms ging gerichtlich dagegen an, scheiterte aber. Das Oberlandesgericht München wies seine Klage zurück – Brandt durfte die Aussage in seinem Buch so stehen lassen.

Der frühere SPD-Europaabgeordnete Klaus Wettig, der Helms in den achtziger Jahren in Brüssel kennengelernt hatte, sagt über ihn: „Er war ein überforderter Politiker, dessen Harmlosigkeit ausgenutzt worden war.“

Am 18. Dezember 2013 würde Willy Brandt 100 Jahre alt werden. Das Leben des früheren Bundeskanzlers in Bildern.
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