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21:46 28.07.2011
Premier Jens Stoltenberg trifft mit seinem Aufruf zu Offenheit und Toleranz ins Herz seiner Landsleute.
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Oslo

80 Prozent der Norweger sagten in einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage, dass der Premier seine schwere Aufgabe „sehr gut“ erfüllt habe, weitere 14 gaben ihm ein „Gut“. Das war sogar besser als das Rating für die Königsfamilie, und ein Resultat von „seltener Eindeutigkeit“, meint der Politologe Anders Todal Jenssen: Stoltenberg habe gezeigt, dass er die Situation unter Kontrolle habe, als ringsum ihn noch Schock und Panik herrschte, er habe Unsicherheit entfernt, Mitgefühl vermittelt, all das mit großer Glaubwürdigkeit.

Dabei hätte Stoltenberg selbst des Trostes bedurft. Der Anschlag richtete sich gegen sein Land, seine Regierung, seine Partei, seine Freunde. Immer wieder merkte man ihm an, wie ihn die Gefühle übermannten, wenn er der Toten gedachte, immer wieder fand er dennoch die richtigen Worte im richtigen Ton. „Ich hatte Angst gehabt, dass der Angriff die Gegensätze und Konflikte aufbauschen würde“, lobt ihn der Rhetorikprofessor Kjell-Lars Berge. „Aber er verzichtete völlig auf hasserfüllte Phrasen und mahnte zu Sammlung und Zusammenhalt.“

Ganz anders als George W.Bush nach den Anschlägen am 11. September 2001: „Let’s hunt them down – Bringen wir Sie zur Strecke“, war die Reaktion des US-Präsidenten, als die Trümmer in New York noch rauchten. „Als die Trümmer in Oslo noch rauchten, sagte mein Freund Jens: Die Antwort auf Gewalt ist größere Offenheit, die Antwort auf Terror mehr Demokratie“, sagte Stoltenbergs schwedische Parteifreundin Mona Sahlin. Das sagt nicht nur etwas über den Unterschied zwischen Stoltenberg und Bush aus, sondern auch über das politische Klima in den USA und in Norwegen: 82 Prozent erklären dort, sie seien einig in der Haltung ihres Premiers. „Das bestätigt, dass das Volk sich von Gewalt nicht knebeln lässt,“ kommentierte Stoltenberg die Zahlen.

Es sind Traumwerte für einen Politiker, der früher durchaus nicht unumstritten war. Mit einem Vater, der Außenminister war und einer Mutter im Parlament wurde Stoltenberg in die Politik hineingeboren. Utøya, die vom Terror heimgesuchte Juso-Insel, war sein Ferienparadies. Er war selbst Juso-Vorsitzender und früh Abgeordneter und Minister, ehe er 2000 erstmals Regierungschef wurde. Doch die folgende Wahl verlor er klar, und ehe er die Macht 2005 zurückeroberte, hatte er viele Abstriche von seinem Reformprogramm machen müssen. Er regiert seither in einer rot-rot-grünen Koalition, die zwar wirtschaftspolitisch erfolgreich, aber nicht populär war, und bei den landesweiten Kommunalwahlen im September drohte der Arbeiterpartei ein Debakel.

Das hat sich jetzt gründlich geändert. Innerhalb weniger Tage ist Stoltenberg zum Hoffnungsträger der Nation aufgestiegen. Entsprechend hoch sind seine Sympathiewerte. Das Ausländerthema, das den Wahlkampf zu überschatten drohte, ist entschärft. Stoltenberg war von der Linken scharf kritisiert worden, dass er in der Asyl- und Einwanderungspolitik viel zu stark nach der Rechten schiele, die Rechte hat ihm Schlappheit vorgeworfen. Niemand wird jetzt wagen, dieses Thema hochzuspielen.

Stoltenberg, zuvor als zynischer Taktiker ohne ideologischen Ballast oftmals angegiftet, wird nun auch vom politischen Gegner höchster Respekt gezollt – ob aus Überzeugung oder aus der Überlegung, dass man gegen die Sympathiewelle nicht ankommen kann, sei dahingestellt. „Stoltenberg tritt wie ein Staatsmann auf, gefühlsmäßig engagiert, aber ohne Panik. Ich glaube nicht, dass irgendjemand die Krise hätte besser meistern können“, stellt der Historiker Hans Olav Lahlum fest.

Der Aufruf des Premiers, auf den Anschlag auf die Demokratie mit verstärktem politischem Engagement zu antworten, scheint Früchte zu tragen. Der Mörder Anders Breivik wollte die Rekrutierungsgrundlage der ihm verhassten Sozialdemokratie zerstören. Jetzt strömen die jungen Menschen in Scharen zur Arbeiterpartei, und nicht nur die jungen. „Ich dachte: was kann ich jetzt tun?“, erzählt die 93-jährige Åsta Sørås, „und da trat ich der Partei bei.“ In deren Büro machte man große Augen: „Wir bekommen ja nicht jeden Tag Mitglieder mit Geburtsjahr 1918.“

Hannes Gamillschegg

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