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Der Nazi aus dem Darknet

Münchner Amoklauf Der Nazi aus dem Darknet

Ein Jahr nach dem Münchner Amoklauf von David S. verdichten sich Puzzlestücke der Ermittler zu einem alarmierenden Gesamtbild: Der Waffenlieferant könnte auch Mitwisser und Helfer gewesen sein. Beide unterhielten sich vor der Ermordung neun junger Menschen angeregt über ihren Hass auf Fremde.

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„Warum nur?“: Ein Holzkreuz erinnert zum Jahrestag an einem Straßenschild am Olympia-Einkaufszentrum an den Münchner Amoklauf.

Quelle: dpa

München/Berlin. Vier Tage vor seinem Amoklauf fährt David S. noch einmal nach Marburg. Wie schon beim ersten Mal nimmt er den Fernbus aus München. Den Mann, der sich im Darknet „Rico“ nennt, würde der 18-Jährige sofort erkennen. Schließlich war der vorherige Besuch bei seinem Waffendealer erst ein paar Wochen her. Da hatte David S. für 4000 Euro die Glock 17 gekauft, eine Pistole, und dazu 100 Schuss Munition. Nun will er sich weitere Munition beschaffen. 350 Euro hat er noch, 350 Schuss wird David S. dafür bekommen. Er bezahlt mit seinem letzten Geld, hart erspart durch das Austragen von Gratiszeitungen und einen Nebenjob im Computerladen seines Cousins.

Das Darknet – ein Hort für Kriminelle

Im Darknet oder auch hidden Web („verstecktes Netz“) gibt es alles, was illegal ist: Drogen, Waffen, Kinderpornografie. Der Zugang funktioniert über das sogenannte Tor-Netzwerk, das sind Server überall auf der Welt, mit denen die Identität des Nutzers verschleiert wird. Es ist für Ermittler nicht mehr nachvollziehbar, wer mit wem in Verbindung tritt.

Im Darknet sind Internetseiten nicht so einfach zu finden wie im offenen Internet (Surface-web, „Oberflächennetz“). Es gibt weder Google noch eingängige Internetadressen. Viele Adressen bestehen nur aus kryptischen Zahlenkombinationen. Der Nutzer muss wissen, was und wo er sucht. Hilfestellung geben dabei Chatgruppen wie „Deutschland im Deep Web“ (DiDW) oder Marktplätze wie „Silk Road“. Wer sich dort herumtreibt, kann an die richtigen Adressen kommen. Der Betreiber von „Silk Road“, Ross Ulbricht, wurde 2013 vom US-amerikanischen FBI verhaftet und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Bei DiDW-Nutzern uchte auch David S. ein Jahr lang nach einer Waffe, gab immer wieder Nachrichten auf, um Kontakte zu knüpfen. Er beschwerte sich, dass dort viele „Scammer“ (Betrüger) unterwegs seien. Ein persönliches Treffen (im Chatslang: RLT, Real-Life-Treffen) wie mit Philipp K. zur Warenübergabe ist äußerst selten. ­Meistens wird die Ware anonym per Post oder Paket verschickt, die Bezahlung erfolgt über Internetwährungen wie Bitcoin. Doch auch dieser Weg birgt ­Risiken: Der Leipziger „Kinderzimmer-Dealer“ namens „Shiny Flakes“ flog auf, weil er seine Drogenbriefe stets von derselben Packstation versandte. Fahnder nutzen oft die Darknetidentität überführter Nutzer, um an ­weitere Kriminelle heranzukommen.

Neun Menschen wird David S. am 22. Juli 2016 am Münchner Olympia-Einkaufszentrum mit dieser Glock töten. Janos Roberto, 15 Jahre alt. Can, 14. Selcuk, 15. Armela, 14. Sevda D., 45. Giuliano Josef, 16. Dijamant, 20. Chousein, 17. Sabine, 14. Zuletzt richtet sich David S. selbst. Nach den Reisen nach Marburg war S., der im Darknet das Pseudonym „Maurächer“ benutzte, ausgerüstet. Er war keine tickende Zeitbombe mehr. Er war nun eine scharfe Waffe. Philipp K. hatte ihn dazu gemacht.

„Rico“ bietet dem Attentäter eine Maschinenpistole an

Philipp K. und David S., die einander nur als „Rico“ und „Maurächer“ kennen, schließen nicht nur ihren Deal ab, sie kommen auch ins Gespräch. Den Ermittlungen zufolge geht es bereits beim ersten Treffen Mitte Mai zur Sache. David S. fragt, ob der Händler auch an Größeres als eine Glock käme. Philipp K. bejaht und bietet eine defekte Maschinenpistole an. David S. aber möchte keine Waffe, die er erst reparieren muss. Sie müsse sofort einsatzbereit sein. Für 40 Scheine à 100 Euro wechselt die Glock den Besitzer, 2400 Euro Gewinn macht der 32-jährige Philipp K. mit dem Deal. Zwei Monate später, als er sich erneut im Darknet-Forum anmeldet, um die zweite Tranche Munition zu kaufen, wird viel geredet. David S. schimpft über die Ausländer, besonders die Deutschtürken in seiner Gegend. So erzählt er es den Ermittlern. Was hat sein Kunde vor? „Maurächer“ beruhigt ihn, er brauche die Waffe, um sich selbst zu schützen. Mehr ist nicht überliefert.

In Chats grüßt er häufig mit „Heil Hitler“

Wie neue Ermittlungserkenntnisse zeigen, trifft der junge Münchner mit seinen fremdenfeindlichen Parolen bei Philipp K. allerdings auf einen zugewandten Gesprächspartner. Man könnte auch sagen: einen Kameraden im Geiste. Enge Freunde und die Staatsanwaltschaft München I bestätigen die rechtsextreme Gesinnung des Waffenhändlers. Auf K.s Handy wurden Bilder von Hakenkreuzen gefunden, in Chats grüßt er häufig mit „Heil Hitler“, „Sieg Heil“ oder „Hitler lebt“. Auch in einem Passwort für den verschlüsselten Internetzugang findet sich die Phrase „Heil Hitler“. Er schimpft über Ausländer und erzählt, das 90 Prozent seiner Kunden Angst vor Flüchtlingen oder Einbruch hätten.

Ein Jahr nach dem Attentat stellt sich die Frage: War es womöglich ein Zusammenschluss der beiden Rechtsextremen, der das Attentat in München geplant hat? In Marburg am Busbahnhof trafen sich nicht nur Verkäufer und Käufer eines illegalen, todbringenden Geschäfts. Es trafen sich auch zwei Rechtsextreme. Worüber haben sie im Detail gesprochen? Ging es um allgemeine Hetze gegen Ausländer – oder wurde David S. konkreter? Weihte er Philipp K. in seine Pläne ein, deutete er an, wozu er die Waffe verwenden wollte? Hat Philipp K. dem Attentäter gar bewusst bei seiner Tat geholfen?

Philipp K. trägt eine geladene Waffe im Schulterholster

Der Mann, der die Waffe für den Amoklauf liefert, wirkt nicht wie ein Gewinnertyp. Er ist groß, blass, Brillenträger und stark übergewichtig. Er fährt einen alten, zerbeulten Polo, bei dem sich ein Motorschaden ankündigt. K. hat die Hauptschule beendet, als Lagerist gearbeitet und Anfang 2016 seine Arbeit verloren. Aus Köln zieht er zu seiner Freundin nach Marburg, weil er sich keine Wohnung mehr leisten kann.

Gleichzeitig aber will Philipp K. das ganz große Rad drehen. Er ist Waffennarr und wird zum Waffenhändler. Im Angebot hat er Glocks, Ceskas, sogar Maschinenpistolen. Einige lagern in seinem Versteck, einer am Autobahnkreuz Köln-Ost vergrabenen Metallkiste. Andere bewahrt er in seiner Marburger Wohnung auf. Eine geladene Ceska trägt er ständig im Schulterholster mit sich herum. Die illegalen Waffen besorgt er sich bei klandestinen Treffen in der Schweiz, der Slowakei, in Tschechien. Versteckt hinter der Rückbank seines Polos schmuggelt K. die Waffen nach Deutschland, tauscht und verkauft. Ungewöhnlich für die Szene: Er trifft sich mit seinen Kunden, entweder in Köln oder Marburg, lässt sich in bar bezahlen. Die meisten Händler im Darknet scheuen diese Risiken, sie verschicken per Paketversand, kassieren anonym in der Internetwährung Bitcoin.

Undercover-Ermittler überführen ihn im Darknet-Chat

Viele Monate gehen K.s Geschäfte gut. Doch am 16. August 2016, vier Wochen nach dem Amoklauf von München, schlagen die Zollfahnder zu: Die Ermittler hatten einen Kunden von K. überführt und dessen Identität im Darknet angenommen. Über Wochen chatten sie mit K., auch über den Amoklauf von München. Er habe „Maurächer“ die Waffe verkauft, gibt er an. Man fädelt ein Waffengeschäft ein, es geht um eine tschechische Maschinenpistole. K. und der Undercover-Fahnder gehen zu K.s Polo, der Händler öffnet die Heckklappe, im nächsten Moment liegt der Waffenhändler schon am Boden. Die Fahnder ließen ihm keine Zeit, nach der Ceska im Schulterholster zu greifen.

Am 28. August beginnt vor dem Landgericht München I der Prozess gegen Philipp K. Die Anklage lautet auf verbotenen Waffenhandel und fahrlässige Tötung in neun Fällen. K. habe in Kauf genommen, dass David S. mit der Glock Menschen töte.

War der Waffenhändler in die Tatpläne eingeweiht?

Aber hat er noch mehr getan? Es gibt zumindest einige Hinweise. Nach dem Amoklauf wandte sich ein Dark­net-Nutzer aus der Waffenhändler-Community an die ermittelnden Inspektoren des Hauptzollamts Frankfurt. Der Tippgeber holt weit aus: „Rico“, also Philipp K., habe sogar Hinweise gegeben, wie „Maurächer“ seinen Amoklauf planen solle. Die Staatsanwaltschaft München I bestätigt diese Kontaktaufnahme. Allerdings habe der Hinweisgeber von den Sicherheitsbehörden Gegenleistungen für eine konkrete Aussage verlangt. Schließlich sei der Kontakt abgebrochen. Seine Angaben hätten sich nicht erhärten lassen. „Das Problem in solchen Verfahren ist, dass es regelmäßig Trittbrettfahrer gibt, die solche Behauptungen aufstellen“, sagt Oberstaatsanwältin Anne Leiding. „Wir haben bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass der Waffenhändler Kenntnis von der geplanten Tat hatte.“

Der Münchner Rechtsanwalt Yavuz Narin gibt sich damit nicht zufrieden. Er vertritt mehrere Familien der Opfer und glaubt, dass sich im Darknet noch weitere Nachrichten finden lassen, die den Hinweis dieses Nutzers auf eine Zusammenarbeit oder Mitwisserschaft des Waffenhändlers erhärten. Er fordert daher, die Verhandlung wegen des Waffenverkaufs an David S. abzutrennen von den anderen Waffenhandelsvergehen, die in einem gemeinsamen Prozess verhandelt werden sollen. Sein Argument: Im Juni wurde in Karlsruhe der Betreiber der Plattform „Deutschland im Deep Web“ verhaftet, auf der „Rico“, „Maurächer“ und andere ihre Geschäfte abwickelten. Die Auswertung der Festplatten ist noch nicht abgeschlossen und wird vermutlich auch nicht mehr rechtzeitig zum Prozess geschehen können. Narin glaubt, dass sich der Verdacht mit den neuen Daten so weit erhärten könnte, dass Philipp K. wegen Beihilfe zum Mord angeklagt werden kann. Sollte er aber bereits wegen fahrlässiger Tötung verurteilt werden, wäre kein neues Verfahren in derselben Sache mehr möglich.

Die Frage nach dem Motiv: Fremdenhass oder Kränkung?

Noch ist unklar, wer sich in Marburg zusammenfand: Zwei Rechtsradikale, die zusammen über einen Amoklauf redeten? Oder doch eher ein skrupelloser Waffenhändler und ein junger Mann voll psychischer Probleme? Die Ermittler gehen bisher davon aus, dass nicht Fremdenhass, sondern „Kränkung“ das leitende Motiv der Tat von David S. gewesen sei. Trotz der rechtsextremen Anklänge habe beim Amokläufer die „Kränkung“ stets im Vordergrund gestanden, urteilt der Abschlussbericht des Landeskriminalamts.

Doch die jeweiligen Anteile von Fremdenhass und psychischer Labilität sind schwer auszumachen. David S. schrieb ein Manifest – wie sein Vorbild, der rechtsradikale Attentäter Anders Breivik. „Die Rache an diejenigen, die mich auf dem Gewissen haben“ hat er es überschrieben. Auf einem Stadtplan von München kreiste er die Stadtteile Feldmoching-Hasenbergl und Milbertshofen ein, beides Viertel mit rund 50 Prozent Ausländeranteil. Er fabuliert in dem Schriftstück von einem „Virus“, das die „ausländischen Untermenschen“ befallen habe. Sein Hass richtete sich vor allem auf deutschtürkische Jugendliche, denn Schüler mit diesem Hintergrund hatten ihn angeblich jahrelang gemobbt.

„Das Leid wird zurückgegeben“

Diesem Text, verfasst ein Jahr vor dem Amoklauf, fügte S. am Tattag ein zweites Dokument hinzu. In dem auf dem Computer gespeicherten Text schrieb David S.: „Das Mobbing wird sich heute auszahlen. Das Leid, was mir zugefügt wurde, wird zurückgegeben.“ Der Name der Datei lautet: „Ich werde jetzt jeden deutschen Türken auslöschen egal wer.docx“.

Von Jan Sternberg

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