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Der traurigste Campingplatz Europas

Flüchtlingskrise Der traurigste Campingplatz Europas

Mehr als 1500 Flüchtlinge sitzen an der mazedonischen Grenze fest, können nicht vor und nicht zurück – eine Momentaufnahme vom traurigsten Campingplatz Europas.

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„Was sollen wir tun, wenn es nicht mehr weitergeht?“ Ein Übersetzer erklärt den Flüchtlingen, dass die mazedonische Grenzpolizei sie nicht durchlassen wird.  

Quelle: afp

Idomeni. Sieben Grad zeigt das Thermometer. Es regnet, kalt und unerbittlich. Die kleinen Igluzelte auf den Bahngleisen halten noch. Die anderen, etwas abseits in einem kleinen Graben aufgeschlagen, sind in riesigen Pfützen verschwunden. Der Schlamm macht das Feld fast unpassierbar. An die 1500 Menschen haben sich unter notdürftig gespannten Zeltplanen versammelt, reißen alle paar Minuten die Arme hoch, um das Wasser wegzudrücken. Alle drängen sich hier, bis auf die, die im Regen anstehen für Decken und Taschen.

Und bis auf die Iraner. Ganz vorne auf dem traurigsten Campingplatz Europas, gleich vor den Plexiglasschilden der mazedonischen Polizei, steht ein Mann und ruft auf Farsi seine Parolen. „Iraner, Pakistaner, alle hierher!“ Drei Dutzend junge Männer sind dem Ruf gefolgt, sitzen ergeben auf den Eisenbahnschienen, folgen dem Befehl aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Ein junger Mann mit schütterem Bart und unheimlich großen Augen kann ein bisschen Englisch. Er zittert am ganzen Leibe. „Not doctor“, sagt er. „I die here“: Hier sterbe ich. Minuten später fassen ihn seine Gefährten unter und schleppen ihn zum Zelt der Ärzte ohne Grenzen.

Im griechischen Grenzdorf Idomeni ist Schluss. Auf der anderen, der mazedonischen Seite bauen sie gerade einen fast drei Meter hohen Zaun. Die Regierung hat offiziell erklärt, dass Menschen aus Marokko, Sri Lanka, Sudan, Nigeria, Pakistan und dem Kongo ab sofort nicht mehr durchgelassen werden. Auch Serbien und Kroatien habe erklärt, dass künftig für alle außer Syrer, Iraker und Afghanen die Grenze dicht ist. „Wirtschaftsflüchtlinge werden abgewiesen“, lauteten die Schlagzeilen. Was das bedeuten soll, hat niemand dazugesagt.

Immer noch kommen im strömenden Regen an der Grenze bei Idomeni im Stundentakt neue Busse aus Athen an. Im Hafen von Piräus sind die Flüchtlinge gelandet - und dort sofort von Händlern mit Bustickets gen Norden und europäischen Handykarten versorgt worden. Meist sind es Familien, die in Idomeni aussteigen, Gruppen von jungen Männern, alle ähnlich gekleidet, viele mit festen Schuhen. Sie schleppen ihr Gepäck zum Ankunftszelt. Eine Frau hat ihren drei Kindern ihre Wolldecke über die Köpfe gelegt, sie stapfen durch die Pfützen wie ein dreiköpfiges Gespenst.

„Das hat 3000 Euro gekostet bis hierher!“

Familie Kademi hat sich erst vor zwei Wochen in Teheran auf den Weg gemacht. „Wir sind Christen“, sagt Vater Eli. Seine Frau hält mit Mühe die Tränen zurück, die zehnjährige Tochter mit den schwarzen Zöpfen schaut zu Boden. Gekommen sind sie, weil sie ahnten, dass es nicht mehr lange gut gehen würde, sagt Eli. Sie sind eine Woche zu spät.

Nur ein paar Meter hinter den protestierenden Iranern herrschen schon Stille und Depression. Masai aus Eritrea ist schon seit zwölf Tagen hier. Das ist Rekord. Mit jedem Tag ist es kälter und nässer geworden. Seine Familie, sechs Leute, ist seit einem halben Jahr in Deutschland. „Al-ten-ber-rek“, sagt Masai und meint wohl Altenberg in Sachsen. Vier junge Männer aus Marrakesch fangen an zu überlegen, ob es nicht doch besser sei, nach Marokko zurückzukehren. „Das hat 3000 Euro gekostet bis hierher!“, wirft einer ein. „Dafür muss man in Marokko zwei Jahre arbeiten!“

3000 Euro hat auch die Familie Kademi ausgegeben, ist mit Autos und Kleinbussen von Teheran durchs türkische Anatolien gereist. 1000 Euro waren noch einmal fällig für die Überfahrt auf dem wackeligen Plastikfloß zur griechischen Insel Kos. Auf einmal geht es nicht mehr weiter, Schluss, Ende der Reise. „Niemand sagt uns etwas“, schimpft Touman, ein Kongolese, der mit seinen 38 Jahren schon zu den Älteren gehört. „Was sollen wir tun? Jetzt, wo es nicht mehr weitergeht?“ Touman ist aus dem zentralafrikanischen Kongo nach Istanbul geflogen. Jetzt ist das Geld alle.

Etliche Helfer gibt es hier, vom Roten Kreuz, von Ärzte ohne Grenzen, von griechischen Hilfsorganisationen. Die einen haben Kleider, die anderen etwas zu essen, die dritten Medikamente. Save the Children hat sogar ein Spielzelt für die Kinder aufgebaut, in dem während des Regens alle gedrängt wie die Sardinen stehen. Für vieles ist gesorgt. Für guten Rat aber ist niemand zuständig. „Wir erklären den Leuten auf Nachfrage, wie sie Asyl in Griechenland beantragen können“, sagt die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks auf der mazedonischen Seite. Das Wort Asyl kennt in Idomeni nur eine Minderheit, über Fluchtgründe kriegt man nur spärlich Auskunft. „Ich bin Christ“, sagt Yusef, ein 23-jähriger Buchhalter, „und Christen haben es bei uns in Pakistan schwer.“ Der Kongolese Touman bringt vor: „Bei uns können Sie alle Politiker vergessen.“ Seinen Vater hätten Regierungsmilizen erschossen, „einfach so“.

Flüchtlinge tüfteln an Notfallplänen

Nicht alle hier sind still und traurig. Manche, wie die jungen Marokkaner, tüfteln an Notfallplänen. Manche sind wütend, so wie die Iraner ganz vorn am Grenzzaun, die Parolen skandieren und Plakate aufgehängt haben. „Wir sind keine Terroristen“, steht darauf, „wir wollen Freiheit!“

Riguène, ein junger, tadellos gekleideter Kongolese, politisiert in gestochenem Französisch: „Europa macht einen schweren Fehler! Warum werden die Afrikaner abgewiesen? Es sind doch gerade Syrien, der Irak und Afghanistan die Länder, aus denen die Terroristen kommen!“ Das möge man bitte Angela Merkel ausrichten. „Europa weist uns so lange ab, bis eines Tages die Terroristen alle aus dem Kongo, aus Gabun, Kamerun kommen!“

"Wir sind keine Terroristen"

Dass Syrer, Iraker, Afghanen als Kriegsflüchtlinge weiterreisen dürfen, alle anderen aber nicht, ist nach den Regeln der Genfer Flüchtlingskonvention tatsächlich nicht in Ordnung. Jeder, der an der Grenze eines Landes um Asyl ersucht, muss eingelassen werden und hat das Recht auf ein Verfahren. Sogar das flüchtlingsfeindliche Ungarn hält sich daran, formal wenigstens: Der martialische Zaun an der Grenze zu Serbien hat immerhin Tore, durch die jeder durch darf, der „Asyl“ sagt - nur endet das Verfahren in Ungarn nach 24 Stunden mit einer Ablehnung.

Die Iraner, die hier in Idomeni eine der größeren Gruppen ausmachen, hätten in Deutschland gute Chancen auf Asyl oder würden wenigstens nicht abgeschoben - wenn sie nicht schon an der mazedonischen Grenze aufgehalten würden. Die „Schutzquote“ für Iraner liegt in Deutschland bei 52 Prozent und damit sogar höher als bei Afghanen. Auch Masai aus Eritrea dürfte bleiben: In die härteste Diktatur Afrikas wird niemand abgeschoben. Deutschland hält sich ans Völkerrecht. Auf dem Feld von Idomeni nützt Masai das nichts.

Von Norbert Mappes-Niediek

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