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Deutschland / Welt Deutsche Soldaten verteidigen den Luftangriff
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21:17 11.09.2009
Von Klaus von der Brelie
Quelle: ddp

ie Vorwürfe gegen Oberst Georg Klein, der den Befehl zum Abwurf der Bomben gab, werden diskutiert und verworfen. „Was hätte er anders machen sollen? Gab es nicht genug Beweise, dass die Taliban die Tanker gekapert hatten, um damit einen Angriff auf unser Lager zu verüben? Wo hätte er die Soldaten für einen Angriff am Boden hernehmen sollen, viele waren doch seit Tagen an der Operation Aragon beteiligt?“

Eine der Fragen, die Isaf-Kommandeur Stanley McChrystal nach dem Vorfall Oberst Klein gestellt hatte, ist diese: Warum haben die Deutschen das Problem der entführten Tanklastwagen nicht mit Bodentruppen gelöst? Und warum sind sie nicht sofort nach dem Angriff zum Ort des Geschehens gefahren? Im Lager Kundus lautet eine Antwort: Die Schützenpanzer „Marder“ waren während in der fraglichen Nacht nicht verfügbar, weil sie weit entfernt von Kundus gegen Taliban-Kämpfer eingesetzt sind. Panzerhaubitzen wie im Süden gibt es in Nordafghanistan nicht. Deshalb kam für Oberst Klein am Ende nur ein Luftangriff in Frage, um das Feldlager und die darin lebenden Soldaten zu schützen.

Der Kommandeur, zu dem die Soldaten so loyal stehen, äußert sich nicht mehr öffentlich zu den Ereignissen des vergangenen Wochenendes. „Wir müssen die Untersuchungen abwarten“, heißt es in seiner Umgebung. Außerdem ermittelt ein deutscher Staatsanwalt gegen den Oberst. Ende des Monats kehrt Klein nach Deutschland zurück, planmäßig, wie die Bundeswehr betont, an eine vorzeitige Ablösung sei nicht gedacht.

In Kundus hat Klein in den vergangenen Tagen viele prominente Besucher empfangen, darunter McChrystal und hohe afghanische Repräsentanten. Immer wieder dreht sich das Gespräch um den Luftangriff und die Frage nach der Schuld für den Tod so vieler Menschen.

Auch wenn er sich schon des öfteren als „böser Bube“ zu erkennen gegeben habe, auf den Gouverneur von Kundus, Mohammed Omar, lassen die deutschen Soldaten derzeit nichts kommen. Er ist bereits am Montag ins Feldlager gekommen. Die Deutschen seien „vorbildlich“ vorgegangen, Oberst Klein habe „sehr besonnen gehandelt“ und „die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit getroffen“, sagt Omar und verspricht, seine Erkenntnisse auch der Regierung in Kabul zu übermitteln. Beschwerden über zivile Opfer seien ihm nicht zu Ohren gekommen. „Die Deutschen haben die volle Unterstützung der Bevölkerung“, sagt er. Mehr Rückendeckung ist kaum möglich. Doch Omar steigert sich.

Einen Tag nach dem Besuch des Gouverneurs trifft eine afghanische Untersuchungskommission im deutschen Camp ein – und schlägt ähnliche Töne an wie Omar. Mirza Mohammad Yarmand, Chef der Kriminalpolizei, wirft den zivilen Opfern des Luftangriffs vor, die Taliban unterstützt zu haben. „Zu der Zeit, als die Bomben abgeworfen wurden, trieben sich in der Gegend nur Aufständische und Kriminelle herum“, sagt er und kommt zu dem Schluss: „Die Bombardierung war in unseren Augen legitim.“ Die Opfer seien mitschuldig an ihrem Tod, die Hauptverantwortung aber trage Mullah Abdurrahman, der „Schattengouverneur“ der Taliban in Aliabad, einem Bezirk südlich von Kundus. Abdurrahman habe die Lastwagen entführen lassen und Anwohner aus 16 umliegenden Dörfern zu den festgefahrenen Fahrzeugen gerufen, um ihnen Benzin zu verkaufen.

Die Bundeswehrsoldaten mögen weder dem Gouverneur noch dem Chef der Kripo widersprechen. Aus Kundus gibt es keine Nachrichten über Demonstrationen gegen die Schutztruppe Isaf, auch von Schadensersatzforderungen ist keine Rede. Ein Feldwebel in einem Innenhof des Feldlagers berichtet Journalisten aus Deutschland, dass sich ein Mullah vor ihm verneigt habe.

Wer die deutschen Soldaten fragt, woran es liegen könnte, dass die Taliban in der Region Kundus so stark werden konnten, bekommt klare Antworten. Gut 500 Polizisten seien 2007 aus Nordafghanistan abgezogen und nicht ersetzt worden, sagt der deutsche Regionalkommandeur Jörg Vollmer. Er wünscht sich 2000 zusätzliche Polizisten und sagt: „Die Polizei ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Die Männer in der Schnellen Eingreiftruppe (QRF) der Bundeswehr reden nicht nur über Versäumnisse und Defizite bei den Afghanen. „Was nützen große Offensiven, wie wir sie im Raum Kundus erlebt haben“, fragt ein junger Zugführer, „wenn die von den Taliban gesäuberten Gebiete anschließend nicht sauber gehalten werden? Die Taliban sickern da doch sofort wieder ein.“ Es müsse gelingen, in den zurückeroberten Dörfern die Menschen sofort mit zivilen Hilfsprojekten für sich einzunehmen. „Aber das findet nicht statt. Vieles hier im Norden ist nur Schnullibulli.“

Der Chef der QRF, ein Oberstleutnant, glaubt zu wissen, wie die meisten der 400 ihm unterstellten Soldaten denken und reden.Deshalb beschönigt er nichts. Schon mehrfach seien sie angegriffen worden. „Wenn auf uns geschossen wird, dann schießen wir zurück, dann töten wir Menschen, die auf uns schießen.“

Und wie wird sich die Lage in den nächsten Tagen entwickeln? Auch diese Frage treibt die deutschen Soldaten in Kundus um. Die Taliban haben Rache geschworen. „Wir sind stark genug, um gegen die Deutschen zu kämpfen und gegen alle, die sonst noch sterben wollen“, teilt der „Schattengouverneur“ in der Provinz Kundus, Maolawi Ahmad, den Nachrichtenagenturen telefonisch mit.

Auch Gouverneur Omar verschweigt nicht, dass er die Kontrolle über weite Teile der Provinz verloren hat. Er wünscht der laufenden, afghanisch-deutschen Operation „Aragon“ viel Erfolg und bittet dringend darum, mehr Truppen nach Nordafghanistan zu schicken. „Anders können wir die Taliban nicht vertreiben.“

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