Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Der Terror ist allgegenwärtig

Angst vor Anschlägen Der Terror ist allgegenwärtig

Bombenanschlag in Ansbach, 84 Tote in Nizza, die Axtattacke bei Würzburg – der Terror ist allgegenwärtig. Trotzdem bleiben die meisten Menschen äußerlich gelassen. Doch immer mehr Verunsicherte suchen Hilfe bei Psychologen.

Voriger Artikel
US-Demokraten nominieren Hillary Clinton
Nächster Artikel
Europas Rechtspopulisten attackieren Merkel

Axtattacke bei Würzburg (oben), Bombenanschlag in Ansbach(unten, v.l.), 84 Tote in Nizza – der Terror ist allgegenwärtig.

Quelle: dpa/Montage

Berlin. Dana Zeiler hat einen Entschluss gefasst. "Ich mache jetzt Urlaub", sagt die Mittvierzigerin aus Greifswald und lässt die flache Hand auf den Tisch fallen. In der anderen hält Dana Zeiler ein Wurstbrötchen, sie möchte ein wenig rasten und dem Treiben um sie herum zuschauen. Am Alexanderplatz gastiert zurzeit ein Kleinkunstfestival unter dem Motto „Berlin lacht“. Es ist noch früh am Mittag, kein Künstler weit und breit, aber die Touristen sind längst da. Mit dem Smartphone filmen sie einen feuerspeienden Drachen aus Metallschrott, wählen zwischen Erdbeer- und Exotikbowle und decken sich mit T-Shirts ein, auf denen steht: "Ich könnte es dir erklären, aber dein Gehirn würde explodieren."

Ob ihr nicht ein wenig mulmig zumute ist, hier, auf diesem so zentralen Platz, bei all dem, was in Deutschland und der Welt so los ist? Dana Zeiler besteht darauf: "Ich mache jetzt Urlaub."

Ein eigentümlciher Sommer in Deutschland

Es ist ein eigentümlicher Sommer. Man wünscht sich die Ereignislosigkeit vergangener Jahre zurück. Doch der stete Strom der Schreckensmeldungen reißt nicht ab. Der Massenmord von Nizza, die Axtattacke von Würzburg, der Amoklauf von München, der Selbstmordanschlag von Ansbach, die Tötung eines Priesters in Rouen im Norden Frankreichs: Aus Ortsnamen werden Chiffren des Grauens. Gewalt dominiert die Nachrichten.

Jedem Verbrechen liegen unterschiedliche Motive zugrunde: Aus der Gleichzeitigkeit lässt sich kein innerer Zusammenhang ableiten. Oder: Nicht jedes Attentat ist ein Beleg für die gescheiterte Integration von Migranten oder für die Heimsuchung Deutschlands durch den islamistischen Terrorismus. Und doch gibt es just dafür seit einigen Tagen ein erschreckendes Beispiel. Zum ersten Mal sprengt sich in Deutschland ein Mann muslimischen Glaubens in die Luft und will andere Menschen mit sich in den Tod reißen. Man hat davon schon oft gehört, aus Bagdad, Kabul oder Tel Aviv. In der bayerischen Provinz hätte man eine solche Gewalttat noch bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten.

Bei einem Bombenanschlag in Ansbach wurden 12 Menschen verletzt, drei von ihnen schwer. Der mutmaßliche Täter ist ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien. Möglicherweise hat die Bluttat einen islamistischen Hintergrund.

Zur Bildergalerie

"Jetzt erst recht"

Auffällig ist die äußerliche Gelassenheit, mit der die Menschen in Deutschland auf diesen und die anderen Anschläge reagieren. Das Leben geht weiter. "Jetzt erst recht", sagen sich viele in der Hoffnung, der Gewalt mit Lebenslust trotzen zu können. Fast scheint es, als wäre ein islamistisch motivierter Anschlag in Deutschland längst eingepreist gewesen.

Die Wochen des Juli und August sind Wochen des ausgelassenen Feierns unter freiem Himmel. Das ist auch in diesem Jahr so, der Gewaltwelle zum Trotz. Zwar verzichtete das Opernfestival in Bayreuth am Montagabend aus Respekt vor den Toten von München auf den roten Teppich, und die Kanzlerin sagte ausnahmsweise ihren Besuch ab. Aber: Die Wagner-Festspiele finden statt. Ebenso wie das Maschseefest, das am Mittwoch beginnt und in den nächsten Wochen wieder Tausende Menschen anlocken dürfte; so wie der Kieler Bootshafensommer Wochenende für Wochenende und Dutzende Popfestivals in nächster Zeit. Der Schrecken über die Anschläge führt keinen Bruch im deutschen Alltag herbei. Er raubt ihm jedoch seine Leichtigkeit.

"So ist das Leben jetzt nun mal"

Martin Jenrossek sitzt mit seiner Frau und den drei Kindern am Alexanderplatz, sie essen Frühlingsrollen. Die Jungs wissen, was im Fall des Falles zu tun ist. Ihr Vater hat sie auf dem Weg nach Berlin vorbereitet. "Wenn ihr Schüsse hört, duckt ihr euch schnell unter den Tisch", sagt der Düsseldorfer Jenrossek. Sein jüngster Sohn probt das kurz, in der Hand eine Frühlingsrolle. Keinen Moment lang sei ihnen jedoch in den Sinn gekommen, die Reise in die Hauptstadt abzusagen, sagt Jenrossek. "So ist das Leben jetzt nun mal."

Professor Jürgen Gerhards lehrt Soziologie an der Freien Universität Berlin. Er sagt: "Verängstigung und Risikowahrnehmung nehmen in der Bevölkerung derzeit deutlich zu. Die Menschen leben in dem Bewusstsein, selbst Opfer eines Anschlags werden zu können."

Ein Anruf in einer psychotherapeutischen Praxis bestätigt diese Einschätzung. "In den vergangenen zwei Wochen haben die Anfragen sehr verunsicherter Menschen stark zugenommen", sagt Miriam Junge. Die Psychologin führt zwei große Praxen in Berlin und in Hamburg mit insgesamt fast 50 Therapeuten. "Die eigene Gefährdung durch Terrorismus wird in laufenden Therapien eigentlich immer angesprochen." Die Psychologin beobachtet bei vielen Menschen ein "schwelendes Gefühl der eigenen Verletzbarkeit". Besonders unter ihren Patienten in der Hauptstadt sei eine unterschwellige Gewissheit zu spüren, dass es irgendwann auch in Berlin einen Anschlag geben wird. "Im Alltag aber greifen die Verdrängungs- und Selbstschutzmechanismen", sagt Miriam Junge. "Bei Massenveranstaltungen beruhigt man sich mit dem Gedanken: Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass es unter Tausenden ausgerechnet mich trifft."

"Überwachung der Bürger wird ausgebaut"

Auch der Soziologe Gerhards rechnet nicht damit, dass die Häufung von Anschlägen den Alltag der Menschen ändert. "Vorsichtsmaßnahmen der Bürger werden sich schnell wieder abschleifen", sagt er. Wesentlich nachhaltiger seien die langfristigen politischen Folgen: "Rechte Parteien werden stärker, denn die Anschläge werden meist mit den Themen Migration und Islam in Verbindung gebracht." Dabei dürften viele Menschen ahnen, dass sie mit den Flüchtlingen in einem Boot sitzen. Dass die meisten derer, die aus Syrien oder Afghanistan geflohen sind, vor nichts so viel Angst haben wie davor, auch hier von der Gewalt eingeholt zu werden. Wir fürchten das Gleiche. Und bekommen gleichermaßen zu spüren, was Gerhards voraussagt:"Die Überwachung der Bürger wird ausgebaut."

Dass die Attentate in der Politik tiefere Spuren hinterlassen als im Alltag der meisten Menschen, lässt sich auch an der Urlaubsgestaltung der Kanzlerin ablesen. Angela Merkel verzichtet auf ihren jährlichen Wanderurlaub in Südtirol und weilt in der Uckermark, von wo aus sie schnell wieder in Berlin sein kann. Zum Beispiel am Donnerstag: Dann will Merkel über "aktuelle Themen der Innen- und Außenpolitik" informieren. In ihren Ferien. Der Innenminister hat seinen USA-Urlaub nach zwei Unterbrechungen ganz abgebrochen. Schließlich diskutiert das Land gerade hitzig über eine Verschärfung der Innen- und Flüchtlingspolitik, da sähen Bilder eines urlaubenden Thomas de Maizière seltsam aus. Und so mahnt der Minister zu Hause demonstrativ zur Besonnenheit. Auch seine Parteifreunde. Aus den Unionsreihen kommen ständig neue Forderungen nach mehr Polizei, mehr Kontrollen, einem strengeren Umgang mit Asylbewerbern. Ob das die Bürger wirklich beruhigt?

Der Soziologe Gerhards plädiert für ein anderes Rezept: mehr Realismus. "Das Verrückte ist: Die Risikowahrnehmung und die tatsächliche statistische Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Anschlags zu werden, klaffen weit auseinander", sagt er und kommt auf die jährliche Zahl der Verkehrstoten zu sprechen. 2015 verloren 3459 Menschen ihr Leben bei einem Autounfall. Das sind neun Verkehrstote pro Tag. "Die Menschen nehmen die Welt über die Medien wahr", sagt Gerhards. Sein Vorschlag: "Würde die 'Tagesschau' häufiger die Anzahl der Verkehrstoten pro Tag benennen, könnten die Zuschauer tatsächliche Gefahren besser einschätzen."

Von Marina Kormbaki, RND

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Deutschland / Welt

Die Wahl ist entschieden: Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Auf unserer Themenseite finden Sie aktuelle Berichte, Analysen und Hintergrundinformationen zur Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. mehr

CDU-Parteitag in Hameln

Zum Landesparteitag der niedersächsischen CDU in Hameln haben sich rund 450 Delegierte versammelt, um über einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2018 zu entscheiden. Sie nominierten einstimmig Bernd Althusmann.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.