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14:42 25.01.2013
Nicht nur im Internet ist eine neue Debatte um alltäglichen Sexismus entbrannt. Quelle: dpa
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Berlin

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter kochen am Tag nach Veröffentlichung des „stern“-Artikels bei vielen Nutzern die Emotionen weiter hoch, die Zeitungen berichten reihenweise über den Fall und immer mehr Journalisten melden sich zu Wort. Der Journalistinnenbund hält den Bericht der Journalistin Laura Himmelreich über die mutmaßliche Zudringlichkeit des FDP-Bundestagsfraktionschefs für einschneidend. Die Vorsitzende der Vereinigung, Andrea Ernst sagte, dass der Artikel enorm dazu beiträgt, dass sich das Verhältnis zwischen traditionsreichen Parteien und Presse verändern werde.  

Altherrenrunden müssen Distanz lernen  

„Denn allzu große Nähe, Anzüglichkeiten und Übergriffe werden öffentlich. Für die Altherrenrunden der politischen Macht ist das besonders schmerzlich. Sie müssen ab nun professionelle Distanz lernen“, betonte Ernst. „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl äußerte sich ähnlich. Die Berichterstattung werde dazu führen, dass sich Politiker künftig genauer überlegen, ob sie sich abfällig an eine Frau heranmachen, sagte sie am Freitag im Deutschlandfunk.

In dem mehrseitigen Porträt über Brüderle beschreibt die „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich eine Situation vor gut einem Jahr, in der der 67-Jährige auf ihre Brüste geschaut und gesagt haben soll: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Zudem soll er ihre Hand genommen, diese geküsst und im Verlauf des Gesprächs gesagt haben: „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“ Mitte des Monats hatte bereits eine Autorin von „Spiegel Online“ über frauenfeindliche Szenen im politischen Alltag der Piratenpartei berichtet.

Der am Donnerstag erschienene Artikel über Brüderle hatte nicht nur Zuspruch erhalten. Vor allem in der FDP wurde der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts kritisiert.  

„Unglaublich mutig“  

Die Autorin Ursula Kosser sprang der Autorin dagegen bei. „Es ist schlichtweg unfair, ihr vorzuwerfen, sie hätte das doch direkt vor einem Jahr machen können“, sagte sie am Freitag im Deutschlandfunk. Himmelreich hätte zunächst überprüfen müssen, ob es sich bei dem Verhalten des Politikers um einen einmaligen „Ausrutscher“ gehandelt habe.

Dass sie sich entschlossen habe, die Geschichte jetzt zu schreiben, halte sie für „unglaublich mutig“, sagte Kosser. Die ehemalige Spiegel-Journalistin hatte im Jahr 2012 das Buch „Hammelsprünge“ veröffentlicht, in dem sie die Beziehung von Sex und Macht in der Bonner Republik schildert.
Auf Twitter kochten derweil die Emotionen weiter hoch und gehen weit über die Personalie Brüderles hinaus: Unter dem Hashtag #aufschrei etwa tauschen die Nutzer ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus aus. Mal handeln sie etwa von aufdringlichen Professoren, mal von beleidigenden Polizisten oder schamlosen Ärzten. Die Lawine an Tweets hatte die Bloggerin Anna Wizorek losgetreten, die als @marthadear die Kurznachricht "Wir sollten diese Erfahrungen unter einem Hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor" getweetet hatte. Der Hashtag ist mittlerweile auf Platz eins der Trending Topics bei Twitter.

Gelobt wurde unter #aufschrei der Videoblog der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, die den Kommentar des "Bild"-Kolumnisten Franz Josef Wagner als "sexistischen Mist" bezeichnete. Wagner hatte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) am Donnerstag mit den Worten "Sie sind wie eine Cousine, die keinen Mann bekommen hat" beschrieben.

Die Bundesregierung wollte sich derweil nicht konkret zu den Sexismus-Vorwürfen gegen Brüderle äußern. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag, die Debatte um den Artikel betreffe "in keiner Weise die Arbeit der Bundesregierung". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) plädiere stets für einen professionellen und respektvollen Umgang miteinander, auch zwischen Politik und Medienvertretern. Dies halte sie auch selbst so. Er fügte hinzu, die Bundesregierung arbeite mit dem FDP-Fraktionsvorsitzenden "gut zusammen".

dapd/frs/dpa

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