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Radioaktiven Müll

Deutschland sucht das Endlager


Es kommt Bewegung in den geplanten Neustart bei der Suche nach einem Lager für hochradioaktiven Müll: Baden-Württemberg schlägt vor, vier Standorte prüfen zu lassen - Niedersachsen denkt an eine „Bunkerlösung“, Bundesumweltminister Röttgen wartet ab.
Atomfass

Berlin. Der SPD-Politiker Matthias Miersch spricht gerne vom „doppelten Röttgen“. Da sei zum einen der Bundesumweltminister, der mit großer Rede den Atomausstieg preise, zum anderen sei da aber ein Mann, bei dem man nicht so genau wisse, was er wirklich wolle. So rätseln SPD, Linke und Grüne derzeit auch, ob Röttgen überhaupt einen echten Neustart bei der Suche nach einem Endlager für Millionen Jahre strahlenden hochradioaktiven Atommüll anstreben will.

Bis Jahresende hat der CDU-Vize Vorschläge angekündigt, die in ein Endlagersuchgesetz münden sollen. Doch als er Ende September wegen vieler offener Fragen in den Bundestag zitiert wurde, konnte er zu einem Zeitplan nur wenig konkretes sagen - Röttgen betonte, er wolle einen Konsens in dieser Frage. Doch der ist noch fern und das macht es für ihn auch so schwer, mit eigenen Vorschlägen vorzupreschen.

Es gibt streng genommen vier Optionen: Ein Festhalten an der Erkundung Gorlebens mit ergänzenden geologischen Prüfungen („Gorleben Plus“); eine Langzeitzwischenlagerung mit Option auf eine Endlagerung im Ausland; eine Endlagerung nicht in tiefen geologischen Schichten, sondern zum Beispiel in Bunkern und viertens eine bundesweite neue Endlagersuche.

Alternativoptionen entwickeln

Röttgen bekräftigte nun in einem Brief an Niedersachsens Ministerpräsidenten David McAllister (CDU), dass erst einmal Gorleben weiter erkundet werden soll. Aber das Risiko ist nicht unerheblich, dass Gorleben sich in einigen Jahren als ungeeignet entpuppt. Eine interdisziplinäre Projektgruppe der Europäischen Akademie kam gerade nach zweieinhalbjähriger Arbeit zu der Empfehlung, Gorleben in einem fest abgesteckten Zeitplan weiter zu erkunden, jedoch für den Fall des Scheiterns Alternativoptionen zu entwickeln („Gorleben Plus“).

McAllister scheint aber vom seit 30 Jahren als einzigem Standort auf der Agenda stehenden Salzstock Gorleben abrücken zu wollen, sein Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) schlug eine Lagerung etwa in früheren militärischen Bunkeranlagen vor. Kritiker sehen darin ein Verschieben des Problems auf künftige Generationen und womöglich ein Vehikel, um die 29 000 Tonnen hochradioaktiven Müll aus deutschen Atomanlagen nach einer Langzeitzwischenlagerung im Ausland entsorgen zu können - zum Beispiel für viele Milliarden in Russland. Wie könnte aber verhindert werden, dass nukleare Stoffe zweckentfremdet werden? Und wie sollte so viel Atommüll sicher transportiert werden?

Mit den Vorstößen Niedersachsens wird zudem eine grundsätzliche Frage aufgeworfen, die die bisher vorherrschende Fachmeinung infrage stellt: Könnte der Atommüll - anders als in Gorleben, wo das Salz den Müll umschließen würde - nicht auch rückholbar gelagert werden? Das würde den Spielraum an Optionen deutlich erweitern. Die Röttgen beratende Entsorgungskommission (ESK) lehnt das klar ab und plädiert für die nicht-rückholbare Variante. „Dann wäre das ganze Endlager nach 60 bis 80 Jahren sicher verschlossen und wartungsfrei“, sagt der ESK-Vorsitzende Michael Sailer. Wenn man den Müll in hunderten Meter Tiefe lagere und den Standort nicht verschließe, könne Wasser eindringen und radioaktiv verseuchtes Wasser wieder austreten. „Zudem hinterlässt man das Problem dann auch zukünftigen Generationen, da eine ständige Überwachung und Instandhaltung garantiert werden muss.“

Die vierte Variante ist die einzige, die ein echter Neustart wäre. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) baut mit einem Eckpunktepapier Druck auf, damit sich etwas bewegt. Sollten sich weitere Bundesländer seinen Vorschlägen nach einer bundesweiten Prüfung von vier Alternativstandorten anschließen, könnte erstmals ein Abrücken von Gorleben erreicht werden. Nur Standorte mit Ton- und Salzgesteinen sollen demnach einbezogen werden und bis 2014 vier Alternativmöglichkeiten unter Bürgerbeteiligung ausgewählt werden. Bis 2020/2021 sollen dann zwei Standorte in die Endauswahl kommen.

Aber schon das Scheitern des Gesetzes zur unterirdischen Speicherung des Klimakillers CO2 zeigt, dass sich einzelne Länder bei der Entsorgung von Energiemüll gerne in die Büsche schlagen - getreu der Devise: Nicht in meinem Hinterhof. Röttgen legt den Finger in die Wunde, wenn er betont: „Keine Generation hat das Recht, Kernenergie zur Stromproduktion zu nutzen und die Abfälle der nächsten Generation unbehandelt zu hinterlassen“.

dpa/kas

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