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Die Ehre des Soldaten Pordzik

Bundeswehr-Auszeichnungen Die Ehre des Soldaten Pordzik

Als das Karfreitagsgefecht 2010 nahe Kundus in Afghanistan außer Kontrolle zu geraten scheint, übernimmt Hauptfeldwebel Oliver Pordzik die Führung. Für seinen Einsatz verleiht ihm der einstige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg das Ehrenkreuz für Tapferkeit. Pordzik selbst sieht sich nicht als Helden.

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Keine Sozialarbeiter in Uniform, sondern Soldaten im Krieg: Ein Einsatz der Bundeswehr in Baghlan in Nordafghanistan.

Quelle: dpa

Seedorf. Ein, zwei Minuten, das war’s. Mehr Zeit brauchte der einstige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nicht, um die Verdienste des Hauptfeldwebels Philipp Oliver Pordzik zu würdigen. Um damals, am 29. November 2010, zu erläutern, wofür der Fallschirmjäger das Ehrenkreuz für Tapferkeit erhielt, die höchste Auszeichnung der Bundeswehr. „Die zwei Minuten haben ausgereicht“, sagt Pordzik. „Mehr gibt’s nicht zu sagen.“

Weil seine Worte bar jeder Eitelkeit sind, ist man geneigt, ihnen Glauben zu schenken: ein Soldatenleben – auserzählt in zwei Minuten.

Aber nun, gut vier Jahre später, währt das Gespräch in der Kaserne in Seedorf schon drei Stunden, ohne dass ein Ende absehbar wäre. Denn Pordziks Geschichten vom Leben und vom Sterben im Krieg sind eigentlich zu viele, um Platz zu finden in nur einem Menschenleben.
Die Laufbahn des Hauptfeldwebels Pordzik, 38, ist ein Abbild des grundlegenden Wandels, den die Bundeswehr in den vergangenen 15 Jahren vollzogen hat. Von einer Armee der Landesverteidigung, die als solche nicht zum Einsatz kam, hin zu einer Einsatzarmee, die fernab der Landesgrenzen Deutschlands Werte und Interessen verteidigt. Pordzik war 2002 im Kosovo. Dort spielte er mit Dorfjungen Fußball, dort stieß er auf ein Massengrab. Verstört kehrte er vom Einsatz zurück. Und er war dreimal in Afghanistan, 2007, 2010, 2013. Dort spähte er nachts, am Fallschirm hängend, Dörfer und Gebäude aus, verhandelte ­tagsüber mit Stammesfürsten und Polizeichefs um Unterstützung und Infor­mationen und war mittendrin, als die deutsche Armee angesichts der wieder erstarkten Taliban vor vier, fünf Jahren zum Angriff überging. „Das war ungewohnt“, sagt Pordzik. „Aber dieses Sich-beschießen-Lassen brachte uns nun mal nicht weiter.“

Soldaten sind keine Sozialarbeiter

Jahre vergingen, bis der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, der nach den Anschlägen vom 11.  September 2001 seinen Anfang nahm und vor wenigen Wochen sein offizielles Ende fand, als das bezeichnet wurde, was er war: als Krieg. Spätestens nach dem Karfreitagsgefecht 2010 in der Ortschaft Isa Khel nahe Kundus lässt sich nicht mehr leugnen, dass in den deutschen Uniformen keine Sozialarbeiter stecken, sondern Soldaten, die töten und getötet werden.

Als Hauptfeldwebel Pordzik gegen Mittag jenes blutigen Freitags den Befehl erhält, mit seinem Zug raus nach Isa Khel zu fahren, tobt das Gefecht bereits. Pordzik soll drei Verwundete aus der Kampfzone holen. „Aber da war nur Chaos. Keine Führung, kein Funk, kein Überblick, keine Rückzugsmöglichkeiten. Soldaten hockten an der Wand, hielten sich die Hände vors Gesicht. Andere führten ziellos eigene Gefechte.“ Pordzik übernimmt die Führung. Beim Rückzug zündet ein Sprengsatz der Taliban unter einem Bundeswehrfahrzeug, zwei Soldaten sterben, mehrere werden schwer verletzt. Am Ende dieses neuneinhalbstündigen Gefechts sind drei Deutsche tot und acht verwundet.

Pordzik, ein Mann von fast zwei Metern, die Augen grün-braun wie seine Uniform, sagt: „Wir hatten Glück. Es hätte schlimmer kommen können.“

„Sie waren mutig, selbstlos und tapfer.“

„Sie haben soldatische Tugenden im besten Sinne gezeigt. Sie waren mutig, selbstlos und tapfer.“ Das waren die Worte von Verteidigungsminister zu Guttenberg, als er Pordzik mit dem ­Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit auszeichnete, für seinen Einsatz beim Karfreitagsgefecht und den vielen weiteren Kämpfen, die im Frühsommer 2010 folgen sollten. Als zu Guttenberg im Bendlerblock erzählte, wie Pordzik Soldaten aus dem Kugelhagel holte und ein ums andere Mal Anschläge überlebte, saß auch die Ehefrau des Fallschirmjägers unter den Gästen. Zu Hause sprachen sie nie über den Krieg. Erst von Guttenberg erfuhr sie, was ihr Mann bei der Arbeit tut, was ihm dort droht. Der Schock zerrüttete das Familienleben.

Ein Klima des Schweigens herrscht vor, nicht nur in vielen Soldatenfamilien.  Die friedliebende Gesellschaft der Bundesrepublik hadert mit den kriegerischen Aufgaben der Bundeswehr. Lieber will man nicht so genau wissen, was der Soldat im Einsatz tut. Lieber errichtet man eine unsichtbare Mauer zwischen Zivilgesellschaft und Armee.

Das war nicht immer so. „Im Krieg entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut, Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens.“ Das schrieb der preußische Generalstabschef Helmuth von Moltke 1880 – zu einer Zeit also, in der das ­Eiserne Kreuz, ein Kriegsabzeichen, nicht nur Gräber und Denkmale zierte, sondern auch im zivilen Leben präsent war. „Seine Bedeutung war in weiten Teilen der Bevölkerung bekannt, es diente als Motivation zur Kriegsteilnahme“, sagt Harald Potempa vom Zentrum für Militärgeschichte der Bundeswehr. Zu einer Inflation der Orden kam es im Verlauf des Ersten Weltkriegs. An dessen Ende waren von 13,4 Millionen Kriegsteilnehmern etwa fünfeinhalb Millionen Männer Träger des Eisernen Kreuzes. Adolf Hitler erließ noch am Tag des Überfalls auf Polen eine „Verordnung über die Erneuerung des Eisernen Kreuzes“, statt der Krone prangte nun ein Hakenkreuz auf dem Symbol. Nach 1945 war der Bedarf an Ehrenzeichen gering.

Soldaten werden geehrt

Inzwischen aber, da sich die Einsätze der Bundeswehr in Kriegsgebieten mehren, wächst in Politik und Militär der Wunsch, Soldaten zu ehren. Die Tapferkeitsmedaille wurde 2009 eingeführt und bisher 28-mal verliehen, viermal postum. „Heute geht es nicht mehr um Motivation zur Kriegsteilnahme“, sagt der Historiker Potempa, „eher ist es umgekehrt: Wer sich im Dienst hervorgetan hat, dem wird Anerkennung gezollt.“

Das Ehrenkreuz eignet sich schon deshalb nicht zur Motivation, weil es ­außerhalb der Armee kaum jemand kennt. In Großbritannien und den USA ehrt man Veteranen mit Pomp und Pathos; die Verleihungen des Bundesverteidigungsministeriums finden im Stillen statt. Es fällt schwer, über die todernsten Aufgaben der Bundeswehr zu sprechen. Stattdessen bemüht sich die Armee, sich als gewöhnlicher Arbeitgeber zu präsentieren, mit Aufstiegsmöglichkeiten, Kinderbetreuung und WLAN in der Stube.

Es ist nicht so, dass Pordzik mit dem Wort Ehre nichts anfangen kann. Während seiner Ausbildung musste er mal einen Aufsatz schreiben, freies Thema. „Ich hätte beschreiben können, wie man ein Sturmgewehr zerlegt und zusammenbaut. Aber ich entschied mich für die Ehrbezeugung des militärischen Grußes. Die Arbeit hat meinen Umgang mit Kameraden und Gegnern geprägt.“ Ehre: für Pordzik eine Umschreibung für Respekt und Disziplin. „Manchmal schwankt man im Einsatz zwischen Hass und Selbstaufgabe. Eine Frage der Ehre ist es, die Balance zu halten.“

Sein Ehrenkreuz jedoch verstaubt in einer Kiste. „Persönlich bedeutet mir die Auszeichnung nichts. Ich sehe mich nicht als Helden“, sagt er. „Da wird einer ausgezeichnet für die Arbeit von 40, 50 Mann, das ist doch seltsam.“ Pordzik freut anderes. Zum Beispiel, dass seine Taktiken aus dem Karfreitagsgefecht in die Ausbildung der Panzertruppen eingeflossen sind. „Klasse“ sei das. Und ein Satz noch zum Ehrenzeichen: „Diese Auszeichnung bedeutet vor allem Tod, Verwundung, Verluste, Ängste, Trauer – das ist die Kehrseite der Medaille.“

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