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Deutschland / Welt Die Ministerin für Verteidigung der Doktorarbeit
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00:15 30.09.2015
 „Ich habe nach einem Hinweis, den ich Ende August bekommen habe, sofort die MHH gebeten, meine Doktorarbeit durch neutrale Experten prüfen zu lassen“, Ursula von der Leyen. Quelle: dpa
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Berlin/Hannover

Viele Fragen machen jetzt in Regierungskreisen die Runde. Unter anderem diese: Warum haben die Plagiatsjäger, die im Jahr 2011 Karl-Theodor zu Guttenberg zur Strecke brachten, Ursula von der Leyen nicht schon früher ins Visier genommen?

Guttenberg, daran erinnert man sich lebhaft im Ministerium, hatte anfangs die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als „abstrus“ zurückgewiesen – was sich als falsche Verteidigungsstrategie erwies: Ganze Absätze waren abgeschrieben. Von der Leyen geht die Sache umsichtiger an. „Ich habe nach einem Hinweis, den ich Ende August bekommen habe, sofort die Medizinische Hochschule Hannover gebeten, meine Doktorarbeit durch neutrale Experten prüfen zu lassen“, erklärte sie am Sonntag.

In dem für von der Leyen idealen Fall hätte die Affäre sogar lautlos enden können – wenn die MHH schon Entwarnung gegeben hätte, bevor die Enthüllungen auf der Plagiatsplattform VroniPlag Wellen schlagen. Doch nun muss auch von der Leyen damit leben, eine Ministerin zu sein, die noch Prüfungen abwarten muss – und der die Uni vielleicht nachträglich den Doktortitel entzieht.

Schon oft führte der Entzug des Titels zum Verlust des Amtes. Guttenberg trat 2011 zurück, Bildungsministerin Annette Schavan 2013. Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin musste 2014 ihren Posten als stellvertretende Präsidentin des Europäischen Parlaments an den Nagel hängen. Nun entscheiden hannoversche Professoren über die Zukunft einer Politikerin mit, die in Berlin sogar als mögliche Nachfolgerin Angela Merkels gilt.

Von der Leyens Regelverstöße, so viel steht fest, waren weniger massiv als die Guttenbergs. Seltener als der CSU-Mann hat sie fremde Gedanken als eigene hingestellt. Hier und da allerdings kam es doch zu breiten Übereinstimmungen mit Texten von anderen Autoren. Martin Heidingsfelder, Gründer der Plagiatsplattform VroniPlag, verweist auf Seite 13 der Dissertation und sagt, von der Leyen habe den Inhalt von mehr als der Hälfte dieser Seite aus einem Fachbuch übernommen. Den Autoren erwähne sie zwar, kennzeichne aber nicht, dass sie alles bis auf ein paar wenige Auslassungen fast wörtlich übernimmt.

Immerhin: Von der Leyen nennt sehr viele Quellen. Allerdings immer wieder auch solche, die ihre Aussagen nicht belegen. Mitunter soll sie Namen falsch geschrieben haben, etwa „Edgard“ statt, wie es korrekt heißen müsste, „Egard“, oder „Higgins“ statt „Higginson“, „Gerwurz“ statt „Gewurz“. Dies legt für Kritiker den Schluss nahe, dass von der Leyen nicht das Original heranzog, sondern Namen aus Sekundärquellen falsch übernahm. „Sie war extrem faul und hat gnadenlos kopiert“, sagt Heidingsfelder. „Deshalb müsste die Medizinische Hochschule ihr den Titel entziehen. Die Wissenschaft tut sich keinen Gefallen, wenn sie renommierte Politiker schützt.“

„Eher ein mittelschwerer als ein schwerer Fall“

In Kreisen von Plagiatsexperten heißt es allerdings, die Neigung zu wissenschaftlichem Fehlverhalten dieser Art sei unter Medizinern vergleichsweise groß. Der Juraprofessor Gerhard Dannemann von der Berliner Humboldt-Universität, sagte „Spiegel Online“, von der Leyens Arbeit sei „eher ein mittelschwerer als ein schwerer Fall“.

Im Fall eines Rücktritts würde die Kanzlerin eine wichtige Mitstreiterin verlieren. Als es jüngst bei einer Sitzung der CDU/CSU-Fraktion wegen der umstrittenen Flüchtlingspolitik hoch herging, traten drei Redner hervor, die Merkel ausdrücklich den Rücken stärkten: Generalsekretär Peter Tauber aus dem hessischen Gelnhausen, die Parlamentarische Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium, Maria Flachsbarth aus Hannover sowie eine weitere wichtige Politikerin Niedersachsen: von der Leyen.

von Dieter Wonka und Conrad von Meding

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