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Deutschland / Welt Die Wunden des NSU-Anschlags sind nicht verheilt
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17:37 11.07.2018
Hasan Yildirim in dem Friseursalon, den er zusammen mit seinem Bruder Özcan in der Kölner Keupstraße betreibt. Quelle: Martina Goyert
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Köln

Während die Bilder der Urteilsverkündung über den Bildschirm flimmern, rasiert Hasan Yildirim einem Kunden mit einem Bartmesser Hals und Wangen. Es riecht nach Shampoo und Haargel in dem kleinen Hinterhofzimmer, das Hasan und sein Bruder Özcan Yildirim bezogen, nachdem vor ihrem großzügigen Laden auf der Keupstraße 29 die Nagelbombe explodiert war. Hasan Yidirims Blick ist weich und abwesend. Immer, wenn die Reporter den Namen „Zschäpe“ im Fernsehen in den Mund nehmen, blickt der Friseur auf. Yildirim will schon lange nicht mehr mit Journalisten sprechen. Er möchte nicht mehr an den 9. Juni 2004 erinnert werden, als wie heute warm die Sonne schien, als wie heute Schulkinder über die Straße glucksten, als er wie in diesem Moment einen Kunden bediente – bevor die Nagelbombe Teile seiner Haut zerstörte und die Verdächtigungen der Ermittler seine Psyche und sein Vertrauen in den Rechtsstaat zerstörten. Er hat die Geschichten zu oft erzählt.

Die Worte sind schon lange verbraucht

Doch Hasan Yildirim ist ein höflicher Mensch – der weiß, dass heute ein besonderer Tag ist. Also sagt er: „Das Urteil gegen Beate Zschäpe finde ich gut. Was die anderen vier bekommen haben, ist ein Witz. Und es ist auch ein Witz, dass nur fünf Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“ Yildirim wendet sich wieder seinem Kunden zu, seine Hand mit dem Messer ist ruhig. Irgendwann blickt er noch mal auf und sagt: „Mein Leben ist seit dem Anschlag ein anderes als vorher. Ich kann schon die Tat nicht vergessen, und noch weniger, was danach geschehen ist.“ Natürlich dürfe die Fotografin ein Bild machen, aber – er bitte um Verständnis – mehr sagen wolle er nicht. Die Worte sind schon lange verbraucht. Die ARD geht nach dem Urteil zur Tagesordnung über und sendet ein Quiz mit Guido Cantz. Yildirim schaltet auf einen türkischen Sender, der einen Naturfilm zeigt.

„Hier sind durch falsche Verdächtigungen Existenzen zerstört worden“

Es fühlt sich unangemessen an, am Tag der Urteilsverkündung durch die Kölner Keupstraße zu laufen und Geschäftsleute zu befragen, voyeuristisch. Man begegnet hektischen Kameraleuten, die verzweifelt nach „guten Zitaten“ suchen und Unternehmern, die distanziert und freundlich bleiben. „Die Leute hier sind müde und enttäuscht“, sagt ein junger Konditor. „Hier sind durch falsche Verdächtigungen Existenzen zerstört worden“, sagt ein Kioskmitarbeiter. „Aber Deutschland regt sich lieber über ein Foto von Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten auf.“ Den Özil-Vergleich hört man oft. Am Telefon redet auch Adnan Erdal davon, Anwalt, der in München den Nebenkläger Talat T. vertreten hat. Talat T. war nur sechs Meter von der Bombe entfernt, die vor dem Friseursalon explodierte – er überlebte nur, weil ein Transporter zwischen ihm und der Bombe geparkt hatte.

Erdal hatte für seinen Mandanten beantragt, für das Urteil das Kreuz aus dem Oberlandesgericht München zu entfernen. „Weil der Staat zur Religionsneutralität verpflichtet ist, aber auch aus Respekt vor den acht ermordeten Menschen anderen Glaubens.“ Das Gericht hatte den Antrag abgelehnt – Talat T. war deswegen nicht zum Urteilstermin erschienen. Der Fall Özil, der zur Staatsaffäre erhoben wurde, hier, der Wunsch, aus Respekt vor den Opfern eines für den Staat beschämenden Falls ein Kreuz in einem Gerichtssaal abzuhängen, da – so viel zum Loch, das sich nicht erst seit, aber auch durch die lange nicht als solche erkannten Morde der Rechtsextremen aufgetan hat.

Viele Fragen bleiben in der Keupstraße offen

Im Restaurant Istanbul, gleich neben dem Friseurladen der Yildirims, findet nach der Urteilsverkündung eine Pressekonferenz statt. Wer sind die Hintermänner des NSU-Trios? Wer von den Beamten, die Akten schredderten, Informationen verschwiegen, Opfer in die Enge drängten, wurde nie zur Rechenschaft gezogen? Könne man wirklich nur ein Urteil gegen fünf Täter vom deutschen Rechtsstaat erwarten? Für Meral Sahin, die eloquente Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, sind viele Fragen offen. „Es wäre schön, wenn jeder sich die Frage stellen würde, ob er mit so einem Urteil 14 Jahre nach einer Tat, die schon 24 Stunden später türkischen Banden zugeschrieben wurde, zufrieden ist?“, sagt sie. „Lässt sich die Schuld wirklich auf einen oder ein paar Menschen reduzieren?“ Sie wünsche sich das, was sie schon seit Jahren fordere, sagte Sahin: „Solidarität, von der wir nach dem Anschlag zum Glück auch viel erfahren haben, Engagement, und Journalisten, die helfen, die Versäumnisse der Behörden aufzudecken.“ Der Nagelbombenanschlag vom 9. Juni 2004 sei „noch längst nicht abgeschlossen, aber die Hoffnung ist mit diesem Urteil auch nicht gestorben“.

„Opfer der Anschläge nicht in Vergessenheit geraten lassen“

„Mir bleiben vor Enttäuschung die Wörter im Hals stecken“, sagte der ehemalige Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, Mitat Özdemir. „Die Debatte wird sich bald dem Thema zuwenden, wann Frau Zschäpe entlassen wird. Wie viele türkischstämmige Menschen fühle ich mich in diesem Land aber nicht sicher, solange die Mordserie nicht wirklich aufgeklärt ist. Und das ist sehr traurig.“

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker nannte das Urteil gegen die Hauptangeklagte eine „gerechte Strafe“ und ein „für die Überlebenden der Anschläge ein wichtiges Zeichen“. Es liege in der „Verantwortung der Kölner Stadtgesellschaft, die Opfer der Anschläge, die durch die diskriminierende Behandlung nach dem Anschlag ein zweites Mal zu Opfern wurden, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“.

Stimmungslage seht gemischt

Mehr als 30 Kölner Betroffene waren am Dienstag auf Einladung der Stadt nach München gereist, um das Urteil vor Ort zu verfolgen. Die Stimmungslage unter den Kölner Nebenklägern sei auch in München sehr gemischt gewesen, sagte die Kölner Anwältin Monika Müller-Laschet. Eine ihrer drei Mandantinnen, die bei dem Anschlag in der Keupstraße verletzt worden war, freue sich über das Urteil und könne nun „besser abschließen“, andere seien „verbittert und enttäuscht“.

Das Aktionsbündnis „Keupstraße ist überall“ erinnerte an der Keupstraße mit Porträts der neun von den Rechtsextremen Ermordeten und einer Schweigeminute an die Anschlagserie. „Nachdem 2011 feststand, dass Rechtsextreme für die Anschläge verantwortlich sind, hieß es in einem Leitartikel, nun müsse ein Ruck durch Deutschland gehen“, sagte Peter Bach von dem Aktionsbündnis. „Das ist geschehen – leider allerdings nicht in Richtung Toleranz und Solidarität, sondern im Gegenteil in Form eine nationalistisch-rassistischen Atmosphäre.“

Von Uli Kreikebaum

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