Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 9 ° Gewitter

Navigation:
Die neue deutsche Teilung

Leitartikel Die neue deutsche Teilung

Man muss das Kürzel AfD einfach mal anders lesen: Angst-Index für Deutschland. Denn der Einzug der AfD in den Bundestag deutet auf eine neue Teilung der Deutschen hin. Eine Teilung in Zuversichtliche und Ängstliche, meint Matthias Koch.

Voriger Artikel
Die neue deutsche Teilung
Nächster Artikel
Mindestens acht Tote bei Unabhängigkeitsprotesten

Die staatliche Einheit wird farbenfroh gefeiert – wie hier am Brandenburger Tor. Doch das Land steht vor einer neuen Teilung ...
 

Quelle: dpa

Hannover.  Alle Jahre wieder wird am 3. Oktober gefragt: Wie kommen wir voran im Verhältnis zwischen Ost und West? Es ist Zeit aufzuhören mit einem Denken in den überkommenen Kategorien von Himmelsrichtungen. Der Einzug der AfD in den Bundestag deutet auf eine neue, eine in Zukunft viel wichtigere Teilung der Deutschen hin. Es ist die Teilung in Zuversichtliche und Ängstliche.

In Ost wie West gibt es jene, die sich gut gelaunt in den besseren Vierteln der Städte versammeln, die nachts in leuchtenden Bars neue Ginsorten probieren und den nächsten Modernisierungsschub des digitalen Kapitalismus kaum erwarten können. Wer als Modernisierer, Programmierer oder gar Teil der „kreativen Klasse“ unterwegs ist, hat keine Angst vor den kommenden Dingen. Man spricht Englisch, man verbessert die Welt und stets auch sich selbst, mit Bleaching, Fitness und Yoga: Jeder ist seines Glückes Schmied.

In Ost wie West gibt es aber zugleich auch die Blassen und die Hohläugigen. Die zum Beispiel, die täglich weit pendeln: zwischen einem Job, der vielleicht bald wegautomatisiert wird, und einem Haus, das von Jahr zu Jahr weniger wert ist. In sterbenden deutschen Dörfern verlieren derzeit immer mehr Regierte das Vertrauen in die Regierenden. Zugleich wachsen dort Ängste: vor Einsamkeit, Altersarmut, Immobilität. Wenn die ohnehin Verunsicherten dann noch über Nacht mit der Ansiedlung von Asylunterkünften konfrontiert werden, bekommen sie endgültig einen Knacks.

Belastungen, jeder Psychologe weiß das, werden umso besser ertragen, je mehr ein Mensch sich seinerseits sozial eingebunden fühlt. Doch genau daran fehlt es.

Der Graben zwischen Zuversichtlichen und Ängstlichen wird immer tiefer. Kopfschüttelnd zeigen die einen auf die anderen – und finden Bestätigung in den jeweils eigenen digitalen Echokammern. Ein kultureller Konflikt braut sich zusammen, ein innerdeutscher „clash of civilizations“. Wer hat die Kraft, ihn zu moderieren? Geradezu niedlich ist die Ansage der Kanzlerin, man werde jetzt „mit guter Politik“ die „Probleme lösen“. Was will sie tun? Die Arbeitslosigkeit senken? Die ist auch in vielen Regionen mit hohem AfD-Anteil verblüffend niedrig, in Sachsen etwa, auch in Niederbayern.

Man muss das Kürzel AfD einfach mal anders lesen: Angst-Index für Deutschland. Dann wird manches klarer. Angst ist weder rein ökonomisch fassbar noch politisch. Angst sitzt, äußerlich unerkennbar, zwischen den Ohren. Man wird sie nicht in Zuversicht wandeln per Beschluss in einem sich selbst überschätzenden Berlin. Die Eindämmung von Angst ist eine Aufgabe für alle, ein nicht zuletzt kulturelles und gesellschaftliches Thema. Sie muss vor Ort beginnen: mit guter Kommunalpolitik, mit Engagement von Freiwilligen, mit einem neuen menschlichen Zusammenrücken.

Von Matthias Koch/RND

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Deutschland / Welt
HAZ-Kandidatensofa mit Anja Stoeck

Vor der Landtagswahl kommen die Spitzenkandidaten in die Wohnzimmer der Leser. In der zweiten Folge besucht Linken-Chefin Anja Stoeck Vera Seegers in Laatzen.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.

24. Juli 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Es gibt eine Wahrheit, vor der auch ich mich schon lange drücke. Eine, die auszusprechen weh tut: Um die Türkei steht es im Moment nicht gut. Ach was, um die Türkei steht es im Moment miserabel.

mehr