Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Deutschland / Welt Die neue deutsche Teilung
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Die neue deutsche Teilung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:30 02.10.2017
Die staatliche Einheit wird farbenfroh gefeiert – wie hier am Brandenburger Tor. Doch das Land steht vor einer neuen Teilung ... Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Alle Jahre wieder wird am 3. Oktober gefragt: Wie kommen wir voran im Verhältnis zwischen Ost und West? Es ist Zeit aufzuhören mit einem Denken in den überkommenen Kategorien von Himmelsrichtungen. Der Einzug der AfD in den Bundestag deutet auf eine neue, eine in Zukunft viel wichtigere Teilung der Deutschen hin. Es ist die Teilung in Zuversichtliche und Ängstliche.

In Ost wie West gibt es jene, die sich gut gelaunt in den besseren Vierteln der Städte versammeln, die nachts in leuchtenden Bars neue Ginsorten probieren und den nächsten Modernisierungsschub des digitalen Kapitalismus kaum erwarten können. Wer als Modernisierer, Programmierer oder gar Teil der „kreativen Klasse“ unterwegs ist, hat keine Angst vor den kommenden Dingen. Man spricht Englisch, man verbessert die Welt und stets auch sich selbst, mit Bleaching, Fitness und Yoga: Jeder ist seines Glückes Schmied.

In Ost wie West gibt es aber zugleich auch die Blassen und die Hohläugigen. Die zum Beispiel, die täglich weit pendeln: zwischen einem Job, der vielleicht bald wegautomatisiert wird, und einem Haus, das von Jahr zu Jahr weniger wert ist. In sterbenden deutschen Dörfern verlieren derzeit immer mehr Regierte das Vertrauen in die Regierenden. Zugleich wachsen dort Ängste: vor Einsamkeit, Altersarmut, Immobilität. Wenn die ohnehin Verunsicherten dann noch über Nacht mit der Ansiedlung von Asylunterkünften konfrontiert werden, bekommen sie endgültig einen Knacks.

Belastungen, jeder Psychologe weiß das, werden umso besser ertragen, je mehr ein Mensch sich seinerseits sozial eingebunden fühlt. Doch genau daran fehlt es.

Der Graben zwischen Zuversichtlichen und Ängstlichen wird immer tiefer. Kopfschüttelnd zeigen die einen auf die anderen – und finden Bestätigung in den jeweils eigenen digitalen Echokammern. Ein kultureller Konflikt braut sich zusammen, ein innerdeutscher „clash of civilizations“. Wer hat die Kraft, ihn zu moderieren? Geradezu niedlich ist die Ansage der Kanzlerin, man werde jetzt „mit guter Politik“ die „Probleme lösen“. Was will sie tun? Die Arbeitslosigkeit senken? Die ist auch in vielen Regionen mit hohem AfD-Anteil verblüffend niedrig, in Sachsen etwa, auch in Niederbayern.

Man muss das Kürzel AfD einfach mal anders lesen: Angst-Index für Deutschland. Dann wird manches klarer. Angst ist weder rein ökonomisch fassbar noch politisch. Angst sitzt, äußerlich unerkennbar, zwischen den Ohren. Man wird sie nicht in Zuversicht wandeln per Beschluss in einem sich selbst überschätzenden Berlin. Die Eindämmung von Angst ist eine Aufgabe für alle, ein nicht zuletzt kulturelles und gesellschaftliches Thema. Sie muss vor Ort beginnen: mit guter Kommunalpolitik, mit Engagement von Freiwilligen, mit einem neuen menschlichen Zusammenrücken.

Von Matthias Koch/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Referendum in Katalonien kennt nur Verlierer. Dem nach Unabhängigkeit strebenden Volk der Katalanen wird die Abstimmung wenig nutzen – und Spaniens Demokratie ist nachhaltig beschädigt, meint Daniel Killy.

02.10.2017

Überschattet von Polizeigewalt gegen Bürger hat Katalonien sein Unabhängigkeits-Referendum abgehalten. 50 Prozent der Wahlberechtigten haben es an die Urnen geschafft – eine große Mehrheit spricht sich für eine Abspaltung von Spanien aus, der Regionalpräsident kündigt eine Unabhängigkeitserklärung an. Wie wird Madrid reagieren?

02.10.2017

Jean Asselborn, Außenminister Luxemburgs, hält das AfD-Ergebnis wegen der deutschen Geschichte für gravierender als die Erfolge des Front National in Frankreich. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) fordert er, mit Argumenten gegenzuhalten.

02.10.2017
Anzeige