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Die verhängnisvolle Nacht von Kundus

Afghanistan-Einsatz Die verhängnisvolle Nacht von Kundus

Was war das für eine merkwürdige Nacht? Der folgenreichste Angriff deutscher Militärs seit dem Zweiten Weltkrieg lässt sich selbst für Fachleute nur schwer rekonstruieren. Seit Donnerstag grübelt eine Handvoll deutscher Spitzenpolitiker in Berlin über vertrauliche Unterlagen der Bundeswehr.

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Afghanische Polizeibeamte untersuchen am 4. September 2009 bei Kundus einen der beiden verbrannten Tanklaster.

Quelle: ddp (Archiv)

Wahrscheinlich sind bis zu 140 Menschen ums Leben gekommen, als die Bundeswehr in der Nacht zum 4. September zwei Tanklastzüge in Nordafghanistan bombardieren ließ. Aus einem vertraulichen Untersuchungsbericht deutscher Militärpolizisten, der der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vorliegt, ergibt sich, dass die Entscheidung, zwei 500-
Pfund-Bomben abzuwerfen, sehr einsam gefällt wurde. Sollen mehrere Dutzend feindlicher Kämpfer auf einen Schlag getötet werden? Für die Antwort auf diese Frage ließ sich der kommandierende Oberst in Kundus dem Bericht zufolge nur eine knappe Stunde Zeit. In der Folge kam es offenbar gleich zu mehreren Pannen. Das „Operative Koordinierungszentrum“ konnte er telefonisch nicht erreichen, obwohl es als das Gehirn der Truppe im Feldlager Kundus gilt. Dieses „OCC-P“ steht nur wenige Hundert Meter von dem Befehlshaber entfernt.

Feldjäger, die bundeswehrinterne Polizei, zeichneten fünf Tage später folgendes Bild von der Bombennacht: Gegen 21 Uhr des 3. September wird das deutsche Feldlager darüber informiert, dass zwei Tanklastzüge in der Nähe entführt worden sind. Kurz nach Mitternacht erhält ein Beobachtungssoldat die Information, dass sich die Fahrzeuge im Fluss Kundus festgefahren haben und sich „50 bis 70 Kämpfer“ in der Nähe der Lastwagen befinden. Um 0.39 Uhr versucht Oberst Georg Klein, mit der lagereigenen Operationszentrale Kontakt aufzunehmen. Vergeblich.

Die Anfrage, ob sich afghanische Militärs, die gemeinsam mit den Deutschen kämpfen, in der Nähe der Tanklastzüge aufhalten, bleibt ohne Antwort. In der Sprache der Feldjäger liest sich das so: „Gemäß Anlage 2a hat es den vergeblichen Versuch einer Verbindungsaufnahme mit OCC-P KDZ um 040039D*sep09 durch die TOC PRT KDZ gegeben.“ Auch zu einer Rücksprache mit dem übergeordneten deutschen Brigadegeneral in Masar-i-Scharif kommt es dem Bericht zufolge nicht. Und auch die amerikanische Führung der Afghanistan-Schutztruppe Isaf erhält in dieser Nacht demnach keine Informationen.

Stattdessen bekommen amerikanische Bomberpiloten Falschmeldungen aus dem deutschen Lager in Kundus: So soll es direkte Feindberührungen gegeben haben; auch sei für das gesamte Feldlager Gefahr in Verzug gewesen. Um 1.35 Uhr gibt der Oberst dann den Befehl zum Angriff. „Freigabe“ nennt sich das. Die Bomben fallen.

Wörtlich heißt es in dem Feldjägerbericht: „Anlage 2a und 3 terminieren die CAS-Freigabe durch Kdr PRT KDZ übereinstimmend auf 040135D*sep09.“ Und weiter heißt es: „Was unter der in diesem Zusammenhang in Anlage 2a beschriebenen Prüfung/Gewissheit, dass bei einem Bombenabwurf keine zivilen Verluste zu erwarten sein werden, zu verstehen ist, ist in den Unterlagen nirgends erläutert.“ Oberst Klein stand allein mit einem Oberfeldwebel, als er seine Entscheidung traf. So steht es zumindest in dem Bericht. In Berliner Fachkreisen gab es gestern aber noch ganz andere Hinweise. Die Beobachtungsgeräte, die der Offizier in dieser Nacht nutzte, standen im Bereich des „Kommandos Spezialkräfte“, des legendären KSK. Diese Elitesoldaten werden zumeist dorthin geschickt, wo es richtig brennt. Dass sich diese Männer aus der Entscheidungsfindung des Obersts völlig herausgehalten haben, ist möglich – erscheint Experten aber unwahrscheinlich. Die KSK-Leute waren es schließlich, die zu dem einzigen afghanischen Späher Kontakt hielten, der das Geschehen am Rande des Gefechtsfelds beobachtete.

In dem Feldjägerbericht heißt es lediglich: „Aus den Unterlagen geht nicht hervor, welcher Personenkreis zur nächtlichen Entscheidung des Kdr PRT KDZ beigetragen hat. Der Rechtsberater-StOffz aus der dortigen Zelle für Informations- und Nachrichtenaufklärung war hierbei nicht eingebunden.“ Zu Deutsch: Dieser Stabsoffizier, der eigentlich zwingend zurate zu ziehen war, lag im Bett.

Die Liste der Merkwürdigkeiten reicht aber noch weiter. Obwohl die Soldaten in Kundus von einem dutzendfachen Tod ausgehen mussten, dauerte es noch zwei weitere Stunden, bis die übergeordnete Stelle in Masar-i-Scharif informiert wurde. Dort war das diensthabende Personal offenbar so übermüdet, dass die Nachricht bis zum frühen Morgen liegen blieb. Der Kommandeur wurde erst zur üblichen Lagebesprechung am Vormittag in Kenntnis gesetzt.

Was die Fachkreise in Berlin gestern am meisten überraschte: Das Bombardement wurde befohlen – aber nach der Durchführung bemühte man sich nicht, umgehend die Folgen zu erkunden. Auch das ein Regelverstoß. Vielmehr dauerte es bis zum Mittag, bis sich die ersten deutschen Soldaten zum Gefechtsfeld aufmachten, das sie mit ihren Fahrzeugen in 20 Minuten erreichen konnten.

Auf dem Schlachtfeld bot sich ein überraschendes Bild. „Ein geradezu klinisch gesäuberter Platz“, heißt es bei den Feldjägern. Zahlreiche Dorfbewohner aus der Nähe und afghanische Soldaten tummelten sich bei guter Stimmung an den Granattrichtern. Den Deutschen wurde zu diesem „Erfolg“ gratuliert – laut Feldjägerbericht wurden ihnen sogar Geschenke überreicht. Aber es gab keine Spur von den Toten. Die Feldjäger benutzten dazu folgende Formulierung: „Es sind nur noch minimalste Spuren von Humanmaterial zu finden, weder Tote noch Verletzte sind vor Ort.“ Sämtliche Spuren des vielfachen Sterbens waren beseitigt.

Bei den anschließenden Nachforschungen ergab sich kein klares Bild. Die Dorfältesten aus der Umgebung sprachen von einem wirkungsvollen Schlag, der längst überfällig gewesen sei. Einige meinten, dass es keine zivilen Opfer gegeben haben könnte. Ihre Begründung: Zu nachtschlafender Zeit halte sich kein ordentlicher Mann bei Taliban-Kämpfern auf. Bemerkungen, denen die Feldjäger nicht weiter nachgingen – zumal die Gespräche mühsam übersetzt werden mussten.

In Berlin fiel gestern zudem ein ganz anderes Detail höchst unangenehm auf. Der vorgesetzte Brigadegeneral von Oberst Klein schickte dem Einsatzführungskommando in Potsdam einen ungewöhnlichen Bericht. In einem zweiseitigen Papier, das ebenfalls dieser Zeitung vorliegt, beschrieb General Jörg Vollmer die Details des Luftschlags. Gleich im Anschreiben bat er seine Kameraden: „Nach jetzigem Stand wird eine Weitergabe an den Einsatzführungsstab nicht empfohlen.“ Das Wort „nicht“ ist dick unterstrichen. Warum?

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