Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Der Kandidat für Amerikas Verlierer

Donald Trump Der Kandidat für Amerikas Verlierer

2016 wählen die Amerikaner einen neuen Präsidenten. Bei der Kandidatensuche der Republikaner liegt Donald Trump in den Umfragen weit vorn. Er sammelt das Heer der enttäuschten Normalbürger hinter sich. Dabei spielt es keine Rolle, welche Ausfälle er sich im Wahlkampf leistet.

Voriger Artikel
Alte Diesel sollen aus Städten verschwinden
Nächster Artikel
SPD-Fraktionschef Klaus Ness gestorben

Umstritten: Donald Trump.

Quelle: JUSTIN SULLIVAN

Manassas. Vor der Bühne herrscht dichtes Gedränge. Viele Gäste tragen rote T-Shirts und rote Baseballmützen mit dem Namen ihres Favoriten. Aus übergroßen Lautsprechern schallt Rockmusik. Es sind überwiegend Weiße, die an diesem Nachmittag im Messezentrum von Manassas auf den Präsidentschaftsbewerber warten. Ein paar Afroamerikaner, ­Lateinamerikaner und Menschen mit asiatischen Wurzeln mischen sich darunter. Dann öffnet sich der Vorhang: Donald Trump eilt auf die Bühne - begleitet von einem Dutzend afroamerikanischer Pastoren. Bevor er zu seiner Rede ansetzt, bittet er: Gemeinsam soll der Opfer des Massakers im kalifornischen San Bernardino gedacht werden. Der so populistische wie undurchsichtige Kandidat versteht es auch an diesem Abend, seine Gäste zu überraschen. Er überrascht das ganze Land.

Zu den vielen Statistiken amerikanischer Wahlkämpfe zählt auch diese: Wer zu Beginn der Weihnachtspause das Feld der Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur seiner Partei mit großem Vorsprung anführt - der wird in der Regel als Kandidat nominiert. Donald Trump liegt bei den Republikanern mit 33 Prozent in den Umfragen weit vorn. Der Mann, von dem alle Welt glaubte, dass er sich mit skurrilen Auftritten und extremen Positionen selbst disqualifizieren würde, ist eine ernst zu nehmende Option.

Trump hat eine schlichte Botschaft

Trump tritt an einem bemerkenswerten Ort auf: Vor sieben Jahren sprach hier in Manassas Barack Obama vor fast 100.000 Menschen über sein Amerika-Bild. Der Senator aus Illinois wollte die innere Teilung des Landes überwinden und der islamischen Welt die Hand reichen. Der Milliardär Trump hingegen will keine Moslems mehr ins Land lassen, er will die Sippenhaft für Verwandte von Terroristen einführen und das Internet begrenzen.

Sein Versprechen: „Wir lassen Amerika wiederauferstehen! Wir werden es reich machen, ja, reich!“

Eine schlichte Botschaft. Dem Umfragekönig Trump ist sie gerade recht so. Er pfeift auf Manuskripte und dröhnt los. Unmittelbar, unverfälscht, so empfinden es die Amerikaner, die ihn in so großer Zahl bejubeln: „Er sagt, was er denkt.“

Die Versprechen sind vollmundig

Es ist nicht leicht, der Rede im Detail zu folgen: Trump spricht frei, kein Teleprompter versperrt den Blickkontakt zum Publikum. Doch er ergeht sich in Andeutungen, reißt ein Thema an, wechselt zum nächsten, wiederholt sich, schiebt eine launige Bemerkung ein, wird weitschweifig, wenn es um seine persönlichen Erfolge als Geschäftsmann geht. Mimik und Gestik sind geradezu clownesk und ein Fest für jeden Bildberichterstatter: ein grimmiger Blick, wenn er auf Amerikas Feinde zu sprechen kommt. Ein überbreites Lächeln, wenn er die goldene Zukunft des Landes heraufbeschwört. Trump bietet eine schillernde Fassade. Was verbirgt sich dahinter?

Die Versprechen des fast Siebzigjährigen sind vollmundig, konkrete Maßnahmen und Projekte einer Präsidentschaft bleiben eher vage. Vor allem aber lässt sich Trump nur schwer zuordnen: „Natürlich müssen die Steuern runter, für die hart arbeitende Mittelschicht, für die kleinen Geschäftsleute. Aber doch nicht für die Großen!“ Seine Parteifreunde gruselt’s angesichts solch liberaler Anwandlungen. Der Politshowmaster will die ­Superreichen (zu deren oberster Kaste er selbst gehört) zur Kasse bitten und die College-Ausbildung wieder bezahlbar machen: „Unsere Absolventen starten mit 100 000 Dollar Schulden ins Berufsleben und bekommen dann nur Praktika oder schlecht bezahlte Jobs. Das ist ein Unding!“

Er beklagt die Folgen der Globalisierung

Auf die Jobsituation kommt der Bau- und Medienunternehmer immer wieder zu sprechen: „Lasst uns die Arbeit zurückholen - aus China, aus Japan, aus Vietnam.“ Der Saal jubelt, wenn Trump die Folgen der Globalisierung beklagt: „Früher war auf unseren Hemden ‚made in USA‘ zu lesen. Das stand für gute Qualität.“ Heute würden die Hemden zwacken. Damit ist er bei seinem Lieblingsthema angekommen.

Der Mann mit der wilden Haartolle, den Ehefrauen aus Tschechien und der Slowakei, Besitztum in Kanada, Brasilien, Aserbaidschan schürt den Groll gegen alles Fremde. Die Mauer, die er entlang der Grenze zu Mexiko bauen will, ist viel mehr als nur eine Absicherung gegen illegale Einwanderung: Sie steht für die Abschottung der USA gegenüber einer immer komplizierter werdenden Welt. Mit seinen Angriffen gegen Einwanderer ohne gültige Papiere („Sie bringen Drogen, sie bringen Verbrechen, sie sind Vergewaltiger“) formuliert er die Ängste der Erwerbstätigen, die im Vergleich zu deutschen Facharbeitern keine tiefer gehende Ausbildung besitzen. Mit zwei, drei Jobs und langen Arbeitszeiten halten sie sich irgendwie über Wasser. Ausgerechnet der erbitterte Konkurrenzkampf auf den unteren Stufen der Lohnskala ist das Hauptthema des Kandidaten, der von sich behauptet, vielfacher Milliardär zu sein. Der Kandidat setzt auf das Heer all derer, die sich als Verlierer fühlen.

Er zelebriert sich als ewiger Sieger

Da spielt es keine Rolle, dass er mit Blick auf internationale Krisen im Ungefähren bleibt: Das Atomabkommen mit dem Iran „wird von Teheran gebrochen, noch ehe die Tinte unter dem Vertrag trocken ist“. Putin ist „hochwillkommen, wenn er die Milizen des ,Islamischen Staats‘ mit Bombenteppichen belegt“. Ein Halbsatz zum Nahen Osten, ein Schlenker zu China („Die verkaufen uns für dumm“). Weiter geht’s zu seinen Konkurrenten im Rennen um das Weiße Haus: Jeb Bush sei sympathisch, aber schlaff. Hillary Clinton kenne sich gut aus in der Welt, lege sich aber gern früh schlafen. Marco Rubio, ein netter junger Kerl, sollte erst einmal seinem Amt als Senator gerecht werden.

Sich selbst dagegen zelebriert Trump als ewigen Sieger. Sogar die Partei, die ihn so wenig liebt, ist beeindruckt: In einem internen Papier der Republikaner, das die „Washington Post“ veröffentlichte, rät die Parteiführung den Mitbewerbern, sich Trump anzupassen, um von seinem Nimbus zu profitieren. Entgegen allen Erwartungen steigt seine Popularität gerade unter Afroamerikanern, die mit breiter Mehrheit eigentlich der Demokratischen Partei zugeordnet werden. Die höchsten Zustimmungswerte finden sich unter weißen Arbeitern, die keine College-Ausbildung haben. Aber auch unter Republikanern mit College-Abschluss bekennen sich überdurchschnittlich viele zu ihrer Trump-Anhängerschaft. Etablierte Konservative, die längst mit einem Ende des Trump-Hypes gerechnet hatten, sehen sich getäuscht: Die Vorwahlen in New Hampshire und Iowa rücken näher, und Trump erreicht immer neue Umfragehochs.

Überschreitet Trump eine entscheidende Grenze?

Gefährlich werden könnte dem impulsiven Geschäftsmann aber ein Verdacht, der neuerdings unter Politikern beider Parteien gestreut wird: Überschreitet Trump mit seinen Ausfällen gegen Zuwanderer, Moslems, Frauen und Behinderte die Grenze zum Faschismus? Sämtlichen Muslimen die Einreise nach Amerika verbieten zu wollen ist auf jeden Fall verfassungswidrig. Doch selbst die linksliberale „New York ­Times“ empfiehlt, den Ball flacher zu halten. Bei aller berechtigten Kritik an Trump sollten sich die Republikaner lieber fragen, warum sie sich so lange nicht für die Alltagssorgen der arbeitenden Bevölkerung interessiert haben.

Ob die Faschismusdebatte bei Trump bereits Eindruck hinterlassen hat, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Auffällig ist, wer sich bei seinem Besuch in Manassas mit Fragen an den Kandidaten wenden darf: Zuerst meldet sich ein etwa achtjähriger weißer Junge zu Wort. Dann wird eine ­attraktive Afroamerikanerin auf die Bühne gebeten. Anschließend äußern sich ein gebürtiger Lateinamerikaner und ein Mann mit russischem Akzent.

Allem Anschein nach setzt Trump die Segel neu, bevor der Sturm losbricht.

Fünf Fakten aus den vielen Leben des Donald Trump

Der Kadett : Der junge Donald war so ungebärdig, dass seine Eltern ihn im Alter von 13 Jahren in ein Internat mit militärischem Reglement steckten, die New York Military Academy in Cornwall-on-Hudson. Im Lauf der fünf Schuljahre hat der ehrgeizige „Cadet Captain“ einige Sportauszeichnungen gewonnen – und eine Medaille für Sauberkeit und Ordnung. Zum Erstaunen seiner Mitschüler hat Trump den Schulbesuch in Uniform (Bild) und militärischem Drill jüngst verglichen mit dem Kriegsdienst, den viele seiner Generation in Vietnam leisten mussten: „Ich habe mehr militärisches Training erhalten als viele Soldaten.“ Ein Fersensporn hatte Trump davor bewahrt, eingezogen zu werden.
Der Alkoholfreie : Donald Trump ist strenger Anti-Alkoholiker. Dem „Forbes Magazine“ erzählte der Gesellschaftslöwe vor Jahren, dass er nie trinke und dass ihm das leichtfalle. Sein älterer Bruder kämpfte mit Alkoholsucht und starb.
Der Illegale : Die Geschichte der Trumps geht zurück auf Donalds deutschen Großvater Friedrich Drumpf. Der war Friseur in Kallstadt in der Pfalz. 1885 wanderte Drumpf in die USA aus, machte ein Vermögen mit Restaurants, nannte sich „Frederick Trump“. Der Wunsch, nach Kallstadt zurückzukehren, scheiterte. Das Deutsche Reich wollte den „illegalen Auswanderer“ und „Militärdienstvermeider“ nicht wiederhaben. Die Kallstädter tragen bei den Nachbarn an der Deutschen Weinstraße bis heute den Spitznamen „de Brulljesmacher“ – die Angeber.
Der Bestsellerautor : Der Immobilienmogul, dessen schier unermessliches Vermögen auf den Mietskasernen seines Vaters Fred in New York fußt, gibt gerne Insidertipps. 16 Bücher hat er seit dem Erstling „Trump. Die Kunst des Geschäfts“ verfasst. Die Themen der folgenden Bestseller ähneln sich: „Trump. Wie man reich wird“, „Nicht kleckern, klotzen! Der Wegweiser zum Erfolg – aus der Feder eines Milliardärs“ oder „Trump. Gib niemals auf!“.
Der Selbstdarsteller : Donald Trump liebt die Filmkamera. Bevorzugte Rolle: Donald Trump. Überzeichnet und karikiert von sich selbst in zwölf Filmen und TV-Serien („Kevin – Allein in New York“, „Sex and the City“, „Mein Geist will immer nur das Eine“). Seinen Stern auf Hollywoods „Walk of Fame“ erhielt er allerdings nicht wegen seines Schauspieltalents – sondern als Produzent und Selbstdarsteller in der Reality-Show „Der Lehrling“.

sus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Forderung von Anwälten
Foto: Darf Trump vielleicht bald nicht mehr nach Großbritannien?

Eine Vereinigung schwarzer Anwälte in Großbritannien reagiert auf Donald Trumps rassistische Forderung, Muslime nicht mehr in die USA einreisen zu lassen - indem sie ein Einreiseverbot für den US-Präsidentschaftsbewerber in Großbritannien fordert.

mehr
Mehr aus Deutschland / Welt

Die Wahl ist entschieden: Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Auf unserer Themenseite finden Sie aktuelle Berichte, Analysen und Hintergrundinformationen zur Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. mehr

CDU-Parteitag in Hameln

Zum Landesparteitag der niedersächsischen CDU in Hameln haben sich rund 450 Delegierte versammelt, um über einen Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2018 zu entscheiden. Sie nominierten einstimmig Bernd Althusmann.

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.