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Drohnen über Deutschland

Überwachung Drohnen über Deutschland

Teils ist es Spielzeug, gesteuert von Teenagern – teils sind es Überwachungsgeräte der Polizei: Neue Gesetze in Berlin bedeuten Aufwind für unbemannte Flugobjekte aller Art.

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Drohnen könnten in Deutschland demnächst noch mehr eingesetzt werden.

Quelle: dpa

Berlin/Hannover. Brummend wie ein wütendes Insekt erhebt sich das rotierende Gerät und schwirrt in Schräglage himmelwärts. Zwei Jungs, 14 und 15 Jahre alt, steuern das Gerät per iPhone. Es ist einer der ersten halbwegs milden Februartage in einem Einfamilienhausviertel in Hannover. Die Teenager lassen die Drohne auf sechs Meter Höhe steigen, dann schwebt sie in einer eleganten Seitwärtsbewegung über einen Zaun, hinter dem ein älterer Nachbar gerade die Terrasse fegt. Der Rentner blickt blinzelnd nach oben und kratzt sich am Kopf: Was ist das für ein surrendes Konstrukt, das über ihm brausend am Himmel steht? Was der alte Mann nicht ahnt: Das ferngesteuerte Gerät liefert sein verdutztes Gesicht als Videosignal auf das Mobiltelefon der kichernden Jugendlichen.

Die Drohnen kommen. Landauf, landab werden sich noch in diesem Frühjahr immer mehr unbemannte Flugobjekte in den Himmel über Deutschland erheben: Hightech-Spielzeug wie im Fall der Teenager aus Hannover, private Kamerasysteme von Firmen und Filmproduzenten, aber auch teure und schwere Aufklärungsdrohnen von Polizei und Bundeswehr.

Techniker und Wirtschaftsleute sehen bereits einen Megatrend kommen und sprechen von enormen Potenzialen. Deutsche Firmen gehören weltweit zu den führenden bei Drohnenbau und -entwicklung. „Das ist ein weltweit rasch expandierender  Markt“, orakelt ein Branchenkenner. „Da geht es um Milliarden.“

Weil in Deutschland der Drohnenflug gesetzlich bislang nirgends geregelt war, flickte ein Bundestagsausschuss erst vor wenigen Tagen mit den Stimmen der schwarz-gelben Koalition und der SPD einen zusätzlichen Satz ins Luftverkehrsgesetz: „Ebenfalls als Luftfahrzeuge gelten unbemannte Fluggeräte einschließlich ihrer Kontrollstationen, die nicht zu Zwecken des Sports oder der Freizeitgestaltung betrieben werden (unbemannte Luftfahrtsysteme).“

Der Ausdruck „Drohnen“ wurde bei der Gesetzesnovelle bewusst vermieden – in Berlin fürchtet man die militärische Assoziationen, die der Begriff weckt. Dabei ist die Technik prinzipiell die gleiche  – nur mit dem Unterschied, dass etwa die schweren Drohnen der amerikanischen Luftwaffe, die derzeit am Hindukusch im Einsatz sind, neben Kameras oft auch Bomben tragen. In den USA wollen Behörden die Drohnen aber auch zu friedlichen Zwecken im Inland aufsteigen lassen, etwa zur Überwachung von Umweltschutzauflagen.

Im Inland, in Nordrhein-Westfalen und Sachsen, werden Drohnen bereits eingesetzt, um Hooligans bei Fußballspielen zu überwachen oder Cannabispflanzen in Maisfeldern zu finden. In den Niederlanden fliegt ein „Cana Chopper“ der Polizei, der über empfindliche Sensoren Hasch-Plantagen sogar in Häusern aufspürt. In Großbritannien wird in diesem Sommer zur Zeit der Olympischen Spiele über London eine 22 Meter große Drohne schweben, um die Aktivitäten am Boden zu überwachen. Weiter gehen Pläne in Frankreich, Drohnen mit elektrischen Hochspannungswaffen auszustatten, um Rädelsführer während möglicher Unruhen in den Vorstädten außer Gefecht setzen zu können.

Auch in Deutschland wird der Staat einer der Hauptkunden sein. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) zum Beispiel ließ bereits einen Castor-Protest per Drohnenflug überwachen – und löste in Fachkreisen Grundsatzdebatten aus. Die Grünen sprachen von einem illegalen Eingriff in Persönlichkeitsrechte.
Die Linkspartei schlägt inzwischen ganz generell Alarm: „Immer mehr Überwachungsdrohnen am deutschen Himmel – das wäre ein Albtraum für jeden, dem der Rechtsstaat wichtig ist“, sagt Wolfgang Neskovic, Rechtsexperte der Linken im Bundestag.

Wer fängt die Drohnen wieder ein? Kritiker fürchten, nach der Änderung des Luftverkehrsgesetzes seien weitere Regelungen per Verordnung oder in Landespolizeigesetzen möglich, ohne dass der Bundestag beteiligt werde.

Einstweilen setzt aber auch die Technik den Drohnen Grenzen. Wegen schlapper Akkus müssen die kleineren Modelle oft schon nach wenigen Minuten wieder landen. Hinzu kommt, dass sie einen Aufstieg in allzu große Höhen nicht verkraften: Wenn der Wind zupackt, wird schnell die Entfernung zum Steuerungselement zu groß – die Drohne gerät dann außer Kontrolle und wird zum Spielball der Naturgewalten.

Deutsche Polizisten betreiben ihr Drohnentrainung daher am liebsten in Turnhallen. Die Beamten Nils Müller und Johannes Faust aus Hannover zum Beispiel gelten als Spezialisten. Ihre kleine fliegende Untertasse war den Kollegen schon oft eine große Hilfe. „Unmanned Aircraft System Police“ heißt das Gerät mit den vier Rotoren, an dem auch eine Wärmebildkamera befestigt werden kann. Einmal half die Drohne schon, einen Brandherd ausfindigzumachen, inmitten eines mit 1500 Lastwagen vollgestellten Parkplatzes. „Ein Hubschraubereinsatz wäre erheblich teurer gewesen“, sagt Faust und steuert mit seinen Daumen die Schalthebel an der Fernbedienung. Der Nachteil des Systems: Schon bei Windgeschwindigkeiten ab sechs Meter pro Sekunde muss die Drohne am Boden bleiben, und nach etwa 15 Minuten macht der Akku schlapp.

Doch es gibt noch ganz andere Kaliber. Bei Microdrones im nordrhein-westfälischen Siegen haben 25 Mitarbeiter seit 2005 rund 700 „Flugplattformen“ produziert und weltweit exportiert. Das Militärische bereitet Marketingchef Michael Toss Unbehagen. „Davon sind wir weit entfernt“, sagt er und berichtet lieber von Einsätzen beim Vermessen von Baugrundstücken, der Überwachung von Pipelines und Windkraftanlagen sowie der Kontrolle von Solaranlagen auf Dächern. Die 20.000 bis 40.000 Euro teuren Fluggeräte aus dem Siegerland haben es sogar bis in die Antarktis geschafft, um dort Pinguine zu zählen. Und einem japanischen Team halfen sie in der afrikanischen Serengeti bei Tieraufnahmen. „Vieles von dem, was unsere Geräte können, würden einen Hubschrauberpiloten nur ermüden“, sagt Toss, der von einem „Geschäft im Aufwind“ spricht.

Thomas Krüger redet ebenso zuversichtlich von einem „Markt der Zukunft“. Er ist Forscher am Institut für Luft- und Raumfahrttechnik der Technischen Universität Braunschweig. Elf Experten arbeiten dort an neuer Drohnentechnik; bis zu 3,60 Meter Flügelspannweite erreichen die Exemplare, mit deren Hilfe bereits Schädlinge in Wäldern und Pflanzenkrankheiten auf Äckern ausfindig gemacht wurden. 

„Der Spaßfaktor bei der Arbeit mit Drohnen ist hoch“, sagt Albert Claudi vom Institut für Energietechnik der Universität Kassel. Und dieser „Faktor“ ist schon für unter 300 Euro zu haben. Der US-Hersteller Parrot brachte 2010 seine „AR Drone“ mit Kamera auf den deutschen Markt. „Wir sind sehr zufrieden mit den Verkaufszahlen“, sagt eine Sprecherin. Und was will die Industrie tun, wenn Nachbarn einander per Drohne ausspionieren? „Wir weisen unsere  Kunden auch auf die Datenschutzbestimmungen hin“, sagt Microdrone-Manager Toss. „Aber man kann natürlich den Leuten nicht in den Kopf schauen.“

Aber in die Wohnung – auch durch die Fenster in den oberen Stockwerken.

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