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Deutschland / Welt Ein linker Rebell führt die Labour-Partei
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00:16 16.09.2015
Jeremy Corbyn. Quelle: afp
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London

Anderen hätte man es wohl als lange inszenierte Selbstdarstellung ausgelegt - doch so etwas liegt Jeremy Corbyn nicht. Nachdem er am Sonnabend mit 59,5 Prozent als Sieger aus dem Rennen um den Vorsitz der britischen Labour-Partei hervorging, sang er in einem Pub Arbeiterlieder. Damit lieferte er einen Vorgeschmack auf das, was seiner Partei bevorstehen dürfte: Der 66-Jährige gilt als Altlinker, als notorischer Rebell. Er will die Bahn wieder verstaatlichen, den Sparkurs der Regierung beenden, Reiche höher besteuern und die britischen Atomwaffen abschaffen.

Corbyn ist die größte Überraschung der britischen Politik seit Langem. Seit 32 Jahren sitzt er für den Londoner Wahlkreis Islington-Nord im Unterhaus, doch bis vor wenigen Monaten kannte ihn außerhalb der Hauptstadt kaum jemand. Mehr als 500-mal soll der Sohn eines Ingenieurs und einer Mathematiklehrerin, zweier Friedensaktivisten, gegen die Labour-Linie gestimmt haben. Nun steht er selbst ganz oben in der Partei.

Die ersten Reaktionen verrieten: Corbyn dürfte parteiintern umstritten bleiben. Nur eine Minute nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses gab Yvette Cooper ihren Rückzug aus dem Schattenkabinett Labours bekannt. Bis zum Abend folgten fünf weitere Sozialdemokraten. Die britische Presse wertete Corbyns Sieg als definitives Ende der Ära Blair, der die Labour-Partei einst in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt hatte. Manche befürchten bereits eine Spaltung der Partei.

Dabei könnte paradoxerweise ausgerechnet das Eingreifen Blairs in den parteiinternen Machtkampf den Ausschlag für Corbyns Sieg gegeben haben. Der frühere Premierminister sprach sich vor Wochen in einem Meinungsbeitrag klar gegen Corbyn aus: Mit diesem drohe Labour eine „Selbstzerstörung“, warnte er. Blair ist parteiintern so sehr geschwächt und bei seinen Gegnern eine Reizfigur, dass seine Argumente die Popularität Corbyns nur noch steigerten. Für den eindeutigen Sieg Corbyns gegen seine drei Gegenkandidaten sorgte allerdings auch eine Skurrilität: Nicht nur Parteimitglieder durften abstimmen, sondern auch zuvor registrierte „Parteifreunde“. Offenbar waren gerade sie für Corbyn.

Der überzeugte Fahrradfahrer begibt sich politisch gern in verminte Felder. Zum nordirischen Politiker und mutmaßlichen früheren IRA-Mitglied Gerry Adams etwa pflegte er bereits Kontakte, als dieser in Westminster noch als Persona non grata galt. Die Hisbollah bezeichnete er einmal öffentlich als „Freunde“. Mit seinen beigefarbenen Jacketts wirkt Corbyn wie ein Gemeinschaftskundelehrer. Der frühere Gewerkschaftsfunktionär gilt als aufrichtig und direkt - was ihm allerdings offenbar auch im Privatleben Probleme bereitete. Corbyn ist zum dritten Mal verheiratet und hat drei Kinder. Seine zweite Ehe soll laut „Guardian“ geschieden worden sein, weil sich seine Frau weigerte, einen Sohn die Gesamtschule besuchen zu lassen und ihn an einem Gymnasium anmeldete.

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