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Der Meister und sein Volk

Recep Tayyip Erdogan Der Meister und sein Volk

Recep Tayyip Erdogan hat ein einfaches Erfolgsrezept: Er ist ein ganz normaler Türke – aber einer mit Macht. Seine Anhänger und seine Medien feiern den „Großen Meister“, seine Feinde fürchten ihn. Ein Porträt.

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Einfach immer im Recht: Recep Tayyip Erdogan.

Quelle: dpa

Istanbul. Der „Große Meister“ verspätet sich. Ungeduldig wischt sich Cafer Yilmaz den Schweiß von der Stirn. Seit dem Morgen steht der 26-Jährige mit Hunderttausenden AKP-Fans auf einem Platz in Istanbul und wartet darauf, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan die Bühne betritt.

Pralle Sonne hin oder her – für den Auftritt des Mannes, den er über alle Maßen verehrt, hat Cafer seinen Sonntagsanzug aus dem Schrank geholt. „Die Gefühle, die wir für Erdogan empfinden, kann man nicht beschreiben“, sagt er. „Man muss sie ganz einfach leben!“

"Werden ihm ewig dankbar sein"

Mustafa, der mit seiner Familie wenige Meter weiter im Gedränge steht, nickt zustimmend. „Erdogan und die AKP sind in unserem Blut, sie fließen in unseren Adern“, schwärmt er. Mit der Handykamera hält der Familienvater jeden Augenblick für den drei Monate alten Enkel fest, der unbeeindruckt vom Lärm auf dem Arm seiner Mutter schläft. Dann zeigt Mustafa mit dem Finger auf seine jüngste Tochter. „Sie ist jetzt auf der Universität. Trotz Kopftuch! Erdogan hat dafür gesorgt, dass wir unseren Glauben endlich frei leben dürfen. Dafür werden wir ihm ewig dankbar sein.“

Zehntausende Erdogan-Anhänger und -Gegner drängeln sich in Köln: Zum umstrittenen Besuch des türkischen Ministerpräsidenten herrscht Ausnahmezustand in der Domstadt.

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Da ist es wieder, das berühmte Stückchen Stoff. Kaum ein anderes Thema symbolisiert den Aufstieg der türkischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) besser als ihr siegreicher Kampf gegen das Kopftuchverbot an Universitäten und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Kein Wunder in einem Land, dessen Bevölkerung sich zwar zu über 90 Prozent als muslimisch bezeichnet, in dem verschleierte Frauen aber über Jahrzehnte hinweg weitgehend von Beruf und Bildung ausgeschlossen waren. Heute sind Kopftücher überall zu sehen, in Unis, Beamtenstuben und Parlamentssitzungen. Und geschickt schmückt Erdogan seine Reden mit den Floskeln eines tiefgläubigen Türken.

Peinlich oder charismatisch

Das kommt gut an. Dennoch warnt der landesweit bekannte Wahlforscher Adil Gür vor allzu schnellen Schlüssen: „Es ist falsch zu glauben, dass die AKP Wahlen gewinnt, weil sie eine religiös-konservative Partei ist. Sie ist eine Partei der Mitte, die alle Teile der Bevölkerung erreicht.“

Der, der die Massen erreicht, ist der, den seine Anhänger und seine Medien „Großer Meister“ nennen. Drei von vier Wählern, so Analyst Gür, geben ihre Stimme nicht zuerst der AKP, sondern ihrem Gründer Recep Tayyip Erdogan. Als Präsident ist er zur Neutralität verpflichtet, aber er bleibt doch ungeniert ihr Führer. Würde Erdogan die Partei heute im Stich lassen, sie würde morgen in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Denn so polternd, pathetisch oder gar peinlich er auf westliche Zuschauer wirken mag – so charismatisch, anziehend und authentisch erscheinen seine Auftritte in der Türkei. Wenn Erdogan vor laufenden Kameras den Tod eines syrischen Kindes beweint, dann weinen Millionen Türken mit ihm.

Wenn er den syrischen Flüchtlingen die  Staatsbürgerschaft anbietet, dann loben sie seine Menschlichkeit (auch wenn dieser Akt seiner Partei im Zweifel einfach ein paar Millionen dankbare Wähler bescheren soll). Wenn er wieder einmal mit geballter Faust und mit Strafanzeigen über seine Kritiker im In- wie im Ausland herfällt, fragen türkische Frauen eher bewundernd als erschrocken: Kennen wir solche Wutausbrüche nicht auch von unseren Brüdern und Vätern zu Hause? 

Megaprojekte mehren den Ruhm

Der Patriarch ist einfach immer im Recht. Sogar dann, wenn er sich für ein Fehlverhalten entschuldigen muss. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets und der darauffolgenden Eiszeit zwischen Ankara und Moskau hat Erdogan die geforderte offizielle Entschuldigung verweigert – aber jetzt die Familie des Toten um Verzeihung gebeten. Generös gehandelt, befinden seine Anhänger, und doch unter Wahrung des eigenen, des türkischen Gesichtes.

„Ein Großteil der Gesellschaft meint, sich in Erdogan zu spiegeln“, erklärt der Gesellschaftspsychologe Murat Paker das Phänomen.  „Er hat sich aus der Armut herausgekämpft, hat keine sonderlich gute Ausbildung, drückt sich einfach und verständlich aus. Ein ganz normaler Türke eben. Aber jetzt hat er Macht. Da denken viele: Wenn ich mich mit dem verbinde, gibt mir das auch Macht.“

Ein Trugschluss, den Erdogan geschickt auszunutzen weiß. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Fernsehzuschauer an seine Megaprojekte und die wachsende Bedeutung der Türkei erinnert werden:

  • Der 2014 eröffnete Marmaray in Istanbul ist der weltweit erste interkontinentale Metrotunnel.
  • Die dritte Bosporusbrücke ist die längste Hängebrücke der Welt.
  • Der neue Istanbuler Flughafen, mit mehr als 150 Millionen Passagierabfertigungen jährlich, wird der größte Airport aller Zeiten sein.
  • Größer, schneller, weiter heißt die Botschaft, mit der Erdogan seine Anhänger bei jeder Gelegenheit berauscht. Sogar der Istanbuler Versammlungsplatz in Yenikapi, wo an diesem Morgen Hunderte der Ankunft Erdogans entgegenfiebern, gilt als der größte Europas. 

Der 61-jährige Metin hat ein Plakat mitgebracht, auf dem US-Präsident Obama in unterwürfiger Pose neben Erdogan zu sehen ist. Die Welt wird uns die Hand küssen, steht darunter. Rentner Metin nickt eifrig. „Europa, Amerika – alle beneiden uns. Die Türkei ist der Welt wieder ein Begriff. Wir produzieren unsere eigenen Waffen, eigene Computersoftware, eigene Satelliten. Unsere Autobahnen durchziehen das ganze Land, unsere Metros sind hochmodern.“

Pro-Kopf-Einkommen hat sich verdreifacht

Auch wenn Metin wie ein Großteil seiner Landsleute nie im Ausland war und selbst alles andere als reich ist: Das Wirtschaftswachstum der letzten zehn Jahre gibt ihm das Gefühl, direkt am Aufstieg des Landes beteiligt zu sein. Tatsächlich hat sich das Pro-Kopf-Einkommen unter Erdogan von 3500 auf gut 10 000 Dollar im Jahr fast verdreifacht. Smartphone und Internetanschluss gehören zum Alltag wie zuckriger Cay und Gebetskettchen. Das müssen auch Erdogans Gegner anerkennen.

Nun aber stagniert das Wachstum. Vor allem die terrorbedingte Tourismuskrise, befeuert von Anschlägen wie jüngst auf den Istanbuler Flughafen,  sorgt dafür, dass die Lira fällt, die Preise steigen. Bringt dies das Ende des Erfolgs der AKP? Im Gegenteil. Umfragen zeigen: Wären an diesem Sonntag Parlamentswahlen, die AKP würde erneut um die 50 Prozent der Stimmen erhalten.

Selbstmordattentäter haben eines der wichtigsten Drehkreuze des internationalen Luftverkehrs ins Visier genommen und dabei Dutzende Menschen getötet. Die drei Täter sollen am Dienstagabend am Istanbuler Atatürk-Flughafen um sich geschossen und sich dann selbst in die Luft gesprengt haben.

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„Viele Türken fürchten inzwischen etwas anderes viel mehr als den wirtschaftlichen Abstieg“, beobachtet Psychologe Paker. Der Angstmacher: die andere Hälfte der Gesellschaft. „Die aktuelle Regierung und ihre Anhänger leiden an einer Art Massenpsychose, in der jeder Andersdenkende als gefährlich eingestuft wird.“

AKP ist längst nicht mehr nur eine Partei

Nie zuvor war die Polarisierung so stark. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Erdogan seine Anhänger vor ihren Feinden warnt, die angeblich mit aller Macht zu einer sozialen Ordnung zurückwollen, in der die kemalistischen Eliten das Sagen haben, während die sogenannten schwarzen Türken, zu denen Erdogan selbst gehört, unterdrückt werden.

„Viele AKP-Anhänger fürchten: Sie werden kommen und uns zerstören. Sie werden uns wieder die Kopftücher verbieten. Deswegen müssen wir, was auch immer passiert, zu unserer Partei und unserem Führer halten“, sagt Paker.

Konservativ in Erdogans Sinn – die AKP

  • Eine mächtige Partei: Wenn die AKP gemeinhin als „Erdogans Partei“ bezeichnet wird, dann ist das zwar ­eine Verkürzung. Ganz falsch aber liegt man damit nicht: Sie wurde im August 2001 federführend von drei einflussreichen Männern gegründet, einer davon war Recep Tayyip Erdogan, der damalige Bürgermeister Istanbuls. Die Partei erhielt bei der Wahl 2002 die Mehrheit der Stimmen und gewann seither alle folgenden Parlaments- und Kommunalwahlen.
  • Die AKP bezeichnet sich selbst als „konservativ-demokratische“ Volkspartei und bezieht sich in ihrem Programm positiv auf Demokratie, Konsenskultur, Grund- und politische Freiheitsrechte sowie die rechtliche Begrenzung von politischer Macht. Nach dem Verständnis der AKP richtet sich „konservativ“ unter anderem gegen „staatlich aufgezwungene Modernisierung. Der AKP-Erfolg ist eng verknüpft mit dem Aufkommen einer religiös-bürgerlichen Schicht anatolischer Herkunft und dem Entstehen einer intellektuellen Elite in der Türkei. Die AKP sieht sich zwischen zwei gegensätzlichen Kräften: einer radikalen islamischen und autoritären Bewegung und einer Bewegung des Säkularismus innerhalb der staatlichen Bürokratie und des Militärs.
  • Politik auf weltanschaulicher Basis lehnte die AKP zunächst ab und stellte offiziell keine Forderungen auf der Grundlage des Islams. Nun aber setzt sie  sich dafür ein, dass das Spektrum islamischen Glaubens seinen Ausdruck im öffentlichen Leben findet. So sorgte die Partei etwa dafür, dass das Kopftuchverbot an staatlichen Schulen aufgehoben wurde.

Die AKP ist keine Partei mehr, für die man alle vier Jahre seine Stimme abgibt. Sie ist eine Bewegung, die man unterstützt, um nicht mit ihr unterzugehen. Sie zu wählen bedeutet eine Entscheidung in der scheinbar relevantesten Frage der heutigen Türkei: Wir oder die? So glaubt nicht nur Beobachter Paker, dass Erdogan Spaltung und Angst in der Gesellschaft ganz bewusst schürt. Den neu aufgeflammten Krieg gegen die Kurden sehen nicht wenige als Hauptgrund für den überraschend hohen AKP-Sieg bei den Wahlen im November 2015.

"Die Welt ist gegen die Türkei"

Auch auf dem Versammlungsplatz in Yenikapi, wo mehr als eine Million AKP-Wähler begeistert jubeln, als der Große Meister endlich die Bühne betritt, ist die Angst vor den angeblichen Feinden allgegenwärtig. Egal ob Kurden oder Kemalisten, kritische Journalisten, Europäer oder Amerikaner – überall lauert Gefahr.

London, Madrid, Paris, Brüssel - seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA stehen auch europäische Metropolen im Fokus islamistischer Attentäter. Mehrfach diente der öffentliche Nahverkehr als Ziel.

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„Unsere Unfreunde“, poltert Erdogan, „neiden uns bis heute die Eroberung Konstantinopels. Doch niemand ist dazu fähig, unser Land zu zerstören!“   Die Rechnung geht auf, die Masse grölt. Und jede Kritik wird zum Teil ­eines teuflischen  Plans, mit dem die Türkei kleingehalten werden soll. Ein Grund mehr für AKP-Wähler Cafer, auch beim nächsten Mal wieder für Erdogan und die AKP zu stimmen.

„Ich sage es Ihnen ganz offen“, ruft der 26-Jährige Fähnchen schwenkend, „die Welt ist gegen die Türkei. Würde Erdogan nicht gegen sie aufstehen, wer weiß, in welchem Zustand unsere Nation heute wäre.“

Von Luise Sammann

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