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„Es ist schlimmer als ein Albtraum“

Terror in der Türkei „Es ist schlimmer als ein Albtraum“

Die Türkei erleidet den schwersten Anschlag in ihrer Geschichte – doch selbst in ihrem Schmerz über mehr als 120 Tote finden die Menschen im Land nicht zueinander.

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Mit Nelken gedenken zahlreiche Menschen am Sonntag in Ankara der rund 100 Demonstranten, die dort tags zuvor bei den Anschlägen auf eine Friedenskundgebung ihr Leben verloren.  )

Quelle: afp

Ankara. In der Türkei wehen die Flaggen auf Halbmast. Fernsehsender blenden eine Trauerschleife ins Programm ein. Die Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen. Doch selbst der Schmerz über die vielleicht mehr als 100 Toten der Selbstmordattentate von Ankara eint die Nation nicht. Das Land ist gespalten in Gegner und Anhänger des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Ausgerechnet eine Kundgebung für den Frieden zwischen Türken und Kurden, zu der die pro-kurdische Partei HDP gemeinsam mit Gewerkschaften, Berufsverbänden und regierungskritischen Bürgerinitiativen aufgerufen hatte, wurde zum Schauplatz grausamer Verheerungen. Es war der folgenschwerste Terroranschlag in der jüngeren Geschichte des Landes. Die Demonstranten hatten sich am Samstagmorgen vor dem Bahnhof versammelt, um unter dem Motto „Frieden, Arbeit, Demokratie“ für ein Ende der Gewalt zwischen dem türkischen Militär und der kurdischen Guerillabewegung PKK einzutreten.

Junge Frauen und Männer führten kurdische Volkstänze auf, als hinter ihnen die Detonation der ersten Bombe eine gewaltige Feuersäule in die Luft schießen ließ. Drei Sekunden später detonierte etwa 20 Meter entfernt der zweite Sprengsatz. Dann sei Panik auf dem Platz ausgebrochen, berichten Augenzeugen. Viele Menschen versuchten zu fliehen, andere waren starr vor Schock. Der Tatort bot ein Bild des Grauens. Der Platz war übersät mit Leichenteilen, Kleidungsstücken und Schuhen. Leichen wurden notdürftig mit Flaggen und Transparenten von Demonstrationsteilnehmern bedeckt. Der bekannte Kolumnist Mustafa Sönmez twitterte: „Es ist schlimmer als ein Albtraum.“

In Ankara gedachten am Sonntag mehrere tausend Menschen der Opfer. Als die beiden Vorsitzenden der Kurdenpartei HDP, Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag, am Ort des Anschlags Kränze niederlegen wollten, wurden sie von der Polizei zurückgedrängt. Es hieß, die Spurensicherung am Tatort laufe noch.

Eskalation der Gewalt droht

Drei Wochen vor der Parlamentswahl droht dem Land jetzt eine weitere Eskalation der Gewalt. Regierung und Opposition stehen sich unversöhnlich gegenüber. In zahlreichen türkischen Städten gab es am Wochenende Demonstrationen gegen die Regierung. In Istanbul forderten Demonstranten mit Sprechchören wie „PKK, Rache!“ Vergeltung für den Anschlag.

Die Frage nach den Urhebern des Attentats heizt die Feindschaft an. Die Polizei verdächtigt die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Die Sprengsätze glichen jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juni in der Stadt Suruc nahe der syrischen Grenze 33 Menschen tötete. Auch jener Anschlag wurde dem IS zugeschrieben. Doch bisher hat sich niemand zu dem Attentat bekannt, auch der „IS“ nicht. Regierungschef Ahmet Davutoglu lenkt den Verdacht in eine ganz andere Richtung: Er erklärte, das Attentat richte sich „nicht gegen eine einzelne Gruppe sondern gegen das ganze Volk, gegen die Demokratie und die demokratischen Freiheitsrechte“. Davutoglu sagte, es sei bekannt, welche Terrororganisationen zu solchen Anschlägen fähig seien. Er nannte die kurdische PKK als möglichen Urheber.

Bei einem Terroranschlag auf eine regierungskritische Friedensdemonstration in der türkischen Hauptstadt Ankara sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen.

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Ein ungeheuerlicher Verdacht. Es würde bedeuten, dass die PKK gezielt ihre eigenen Leute geopfert hätte, zumal die Attentäter ihre Sprengsätze genau dort zündeten, wo sich die HDP-Delegation zur Teilnahme an der Kundgebung versammelte. Umweltminister Veysel Eroglu präzisierte sogar: Der Anschlag sei „eine Provokation“, damit sich die HDP als Opfer stilisieren könne. Die HDP, die von der Regierung als politischer Arm der PKK dargestellt wird, hatte bei der Wahl im Juni erstmals den Sprung ins Parlament geschafft. Das kostete die Regierungspartei AKP ihre absolute Mehrheit. Nachdem Koalitionsverhandlungen scheiterten, wurden die Neuwahlen am 1. November nötig.

Die Unterstellung, die HDP habe das Attentat inszeniert, löste bei der Partei Empörung aus. Der Parteivorsitzende Demirtas machte die Regierung für den Anschlag mitverantwortlich. Es sei schwer vorstellbar, dass ein Staat, der über einen so mächtigen Geheimdienst verfüge, von den Anschlagsplänen nichts gewusst habe. Teilnehmer der Demonstration berichteten, im Gegensatz zur gängigen Praxis sei die Polizei, die sonst bei jeder Versammlung mit einem Großaufgebot erscheint, bei der Kundgebung gar nicht in Erscheinung getreten. Erst 15 Minuten nach dem Anschlag seien Polizisten aufgetaucht - und hätten Kundgebungsteilnehmer, die Verletzte versorgten, mit Tränengas vertrieben.

Demirtas sagte: „Das ist kein Angriff auf die Einheit unseres Landes oder dergleichen, sondern ein Angriff des Staates auf das Volk.“ An die Adresse der Regierung sagte Demirtas: „Ihr seid Mörder, an euren Händen klebt Blut.“ Auch dieser Anschlag werde nicht aufgeklärt werden, prophezeite der HDP-Chef, wie schon im Juni ein Bombenattentat auf eine HDP-Kundgebung in Diyarbakir und im Monat darauf der Selbstmordanschlag in Suruc.

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