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Deutschland / Welt Facebook, Twitter und Google ganz kleinlaut
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17:01 02.11.2017
Hochrangige Vertreter von Facebook, Twitter und Google bei der Anhörung im US-Senat. Quelle: AP
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Washington

Die Zahlen sind gewaltig: Mehr als 120 Millionen US-Bürger wurden auf Facebook zwischen 2015 und 2017 mit Propaganda aus verdeckten russischen Quellen konfrontiert. Mehr als 1000 Videos auf unterschiedlichsten YouTube-Kanälen lassen sich auf Moskauer und Petersburger Quellen mit eindeutiger Auftragslage zurückverfolgen.

Und auf Twitter gab es etwa 35 000 Konten, die mehr als eine Million Kurznachrichten zur Wahl in die Welt setzten. Die Masse der Propagandamaterialien lässt sich nach Erkenntnissen der US-Geheimdienste auf die „Internet Research Agency“ in St. Petersburg zurückführen und verfolgt ein sehr grundsätzliches Ziel: die amerikanische Demokratie zu untergraben.

Facebook-Werbungen, mit denen Russland versucht haben soll, Einfluss auf die US-Wahl zu nehmen. Quelle: AP

Wie wenig sich der Twitter-Konzern mit der inhaltlichen Kontrolle auseinandersetzt, zeigen auch jüngste Veröffentlichungen des Medienportals Buzzfeed: Demnach wollte Twitter dem kremlnahen Sender Russia Today (RT) sogar ein großes Anzeigenpaket verkaufen. Und Facebook muss entgegen früherer Aussagen seines Chefs Mark Zuckerberg einräumen, dass es neben 3000 bezahlten Werbebeiträgen aus Russland auch 80 000 unbezahlte Beiträge aus dem Osten gab. Die russischen Trolle waren offenbar weitaus fleißiger und effektiver, als zunächst gedacht.

Die späte Einsicht lässt selbst diejenigen empört zurück, die als langjährige Interessenvertreter der Konzerne in Washington unterwegs sind. „Ihr kapiert es einfach nicht. Das ist der Anfang der Cyber-Kriegsführung“, wirft Dianne Feinstein den Technikfirmen vor. Als Senatorin aus Kalifornien habe sie sich stets schützend vor die Tüftler aus dem Silicon Valley gestellt. Aber dieser naive Gleichmut sei erschütternd: „Ihr habt diese Plattformen erschaffen, die jetzt missbraucht werden. Dagegen müsst ihr etwas unternehmen - sonst werden wir das hier im Parlament erledigen“, droht Feinstein.

Der Chef der Rechtsabteilung von Facebook, Colin Stretch (l-r), der amtierende Chef der Rechtsabteilung von Twitter, Sean Edgett, und der Vizepräsident und Chef der Rechtsabteilung von Google, Kent Walker. Quelle: dpa

Dass diese Botschaft aus Washington ankommt, ist fast zeitgleich auf der anderen Seite des Landes zu beobachten: Facebook-Chef Zuckerberg stellt dort seine neuesten Rekordgewinne vor – und versichert seinem Publikum, dass die Kontrolle der politischen Inhalte verstärkt wird. „Der Schutz unserer Community ist wichtiger als die Maximierung unseres Gewinns“, betont Zuckerberg und kündigt eine Verdopplung seines Personals an. Künftig sollen sich 20 000 Facebook-Angestellte auf die Verbesserung der Sicherheit konzentrieren.

Wie glaubhaft diese Zusage ist, muss sich erst noch erweisen: Die Vertreter von Facebook, Twitter und Google räumten vor dem Geheimdienstausschuss des Senats ein, bereits vor der Wahl von den Manipulationsversuchen gewusst zu haben – sahen jedoch keine Veranlassung, dagegen vorzugehen.

Auch über „Russia Today“ sollte Einfluss auf die US-Wähler genommen werden. Quelle: AP

Wie sich die Propaganda auf das Verhalten der Leser auswirkte, lässt sich nur schwer abschätzen. Nach Erkenntnissen der Geheimdienste war es nicht das erste Ziel, gezielt einen Politiker zu unterstützen, sondern die gesellschaftlichen Debatten zu verschärfen. Wie sehr sich einige US-Bürger davon angesprochen fühlten, zeigte sich im Mai 2016: In texanischen Austin hatte die Gruppe „Heart of Texas“ zu einer Demonstration gegen die Islamisierung des Landes aufgerufen. Zeitgleich protestierte die Gruppe „Muslims of America“. Beide Gruppen wurden nach Erkenntnissen der Geheimdienste von russischen Internettrollen ins Leben gerufen.

Für Senatorin Feinstein, die sich in der Befragung der Firmenvertreter besonders hartnäckig zeigte, ergibt sich mittlerweile ein eindeutiges Bild: Indem die unterschiedlichsten Gruppen aufgepeitscht wurden, sollte möglichst viel Chaos und Zweifel gesät werden. Feinstein verkniff sich zwar die Schlussfolgerung, dass von dieser verunsicherten Stimmung der damalige Kandidat Donald Trump profitierte, aber auch in republikanischen Kreisen findet diese These im Kongress Zustimmung.

Von Stefan Koch / RND

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