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Zusatzbeiträge

Fast 500.000 wechseln Krankenkasse

Hunderttausende Versicherte haben wegen der Zusatzbeiträge den Krankenkassen den Rücken gekehrt. Im ersten Halbjahr gab es deutliche Abwanderungen bei den ersten 16 betroffenen gesetzlichen Kassen. Inklusive beitragsfrei Mitversicherten verlor allein die DAK 307.000 Mitglieder.

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Vermehrt Zusatzbeiträge und Sozialausgleich dürften aber ab 2012 die Kassenlandschaft weiter durcheinanderwirbeln.

Vermehrt Zusatzbeiträge und Sozialausgleich dürften aber ab 2012 die Kassenlandschaft weiter durcheinanderwirbeln.

© dpa

Hunderttausende Versicherte haben den ersten Krankenkassen mit Zusatzbeiträgen den Rücken gekehrt. Im ersten Halbjahr gab es deutliche Abwanderungen bei den ersten 16 betroffenen gesetzlichen Kassen. Das belegen Informationen aus Branchenkreisen.

Die DAK verließen bis 1. Juli rund 241.000 Mitglieder, wie ein DAK-Sprecher bestätigte. Inklusive beitragsfrei Mitversicherten gibt es sogar 307.000 weniger Menschen mit dem orangefarbenem DAK- Kärtchen. Rund 60.000 der Mitglieder seien der Kasse nicht durch Kündigungen verloren gegangen, sondern durch Todesfälle oder den Wechsel in die beitragsfreie Familienversicherung, so die DAK.

Die KKH-Allianz verlor 147.000 Versicherte, davon 116.000 Mitglieder. Erstmals hätten auch viele Rentner und Hartz-IV-Empfänger gewechselt, sagte eine KKH-Allianz-Sprecherin. Früher zogen fast nur jüngere Gutverdiener zu Kassen mit niedrigeren Beitragssätzen.

Die BKK Gesundheit musste einen Aderlass von 20 Prozent ihrer Mitglieder hinnehmen. „Wir können das eindeutig auf den Zusatzbeitrag zurückführen, mittlerweile geht die Abwanderung zurück“, sagte eine Sprecherin. Marktführer Barmer GEK verzeichnete dagegen ein Plus von 69 000 Versicherten, die Techniker Krankenkasse sogar von 238.000. Mehr als 521.000 Versicherte gewannen die 14 AOKen seit Januar dazu. Diese Kassen brauchen keine Zusatzbeiträge.

Die KKH-Allianz äußerte sich optimistisch, im kommenden Jahr wieder ohne Aufschlag auszukommen. Der DAK-Sprecher sagte, für Prognosen sei es zu früh. „Die angesprungene Konjunktur führt im kommenden Jahr auch zu einer Entspannung in der gesetzlichen Krankenversicherung“, sagte Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) der dpa. Außerdem sollen die Beiträge von 14,9 auf 15,5 Prozent steigen.

Vermehrt Zusatzbeiträge und Sozialausgleich dürften aber ab 2012 die Kassenlandschaft weiter durcheinanderwirbeln. „Die Unterschiede bei der Liquidität der einzelnen Kassen ist groß“, sagte der Essener Gesundheitsökonom Jürgen Wasem der dpa. Wer also mehr zahlen muss, dürfte dahin wechseln, wo es weniger kostet. Viele Kassen dürften in Druck geraten. Wasem meinte, absehbar werde die Zahl der Kassen von derzeit 163 auf 100 sinken. FDP-Chef Guido Westerwelle sagte RTL, die Koalition sorge dafür, „dass ein Wettbewerb zwischen den Kassen jetzt wirklich stattfinden kann“.

Mit Spannung erwarten Kassen und Koalitionsfraktionen den Gesetzesentwurf von Minister Philipp Rösler (FDP) nach dem Sommer. Die bisher auf maximal ein Prozent des Einkommens begrenzten Zusatzbeiträge sollen künftig unbegrenzt steigen können. Der Ausgleich aus Steuern soll aber verhindern, dass Versicherte mehr als zwei Prozent ihres Einkommens zahlen.

Die Ersatzkassen warnen vor neuer Ungerechtigkeit. Im Fall vermehrter Zusatzbeiträge „werden Besserverdienende relativ weniger stark belastet als Menschen mit mittlerem und niedrigem Verdienst“, sagte der Chef ihres Verbands vdek, Thomas Ballast.

Die Kassen pochen auf stärkere Einsparungen. Die Vorsitzende des Kassen-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer, sagte der dpa: „Mit den bisher bekannten Eckpunkten bleibt die Bundesregierung deutlich hinter ihren Einsparplänen zurück.“ Nullrunden bei Ärzten und Krankenhäusern hätten die zusätzliche Belastung von Versicherten ihrer Ansicht nach merklich verringert. „Es ist unverständlich, dass die Koalitionäre selbst in so schwierigen Zeiten diejenigen schonen, die in den letzten Jahren massive Zuwächse verzeichnen konnten.“ Westerwelle versicherte, es gehe auch darum, „die Kostenexplosion zu dämpfen“.

Forscher: Bald nur noch 100 Krankenkassen

Die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen wird sich nach Einschätzung des Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem weiter drastisch vermindern. „In fünf Jahren werden wir bei rund 100 Kassen sein“, prognostizierte der Essener Forscher der Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Seit Anfang vergangenen Jahres verringerte sich die Zahl der Kassen von 202 auf heute 163.

Vor allem bei den heute noch 128 Betriebskrankenkassen (BKK) werde es Zusammenschlüsse geben. „Bei den BKKs gibt es drei Typen“, sagte Wasem. Einige der Kassen stünden gut da. Andere hätten Probleme, mit den Mitteln aus dem Gesundheitsfonds auszukommen, verfügten aber noch über Rücklagen für einige Jahre. „Und wieder andere haben weder Rücklagen noch bekommen sie ausreichend Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds. Der Druck zu Fusionen steigt bei ihnen rasch an.“

Die geplante Beitragserhöhung von 14,9 auf 15,5 Prozent sowie die wieder angesprungene Konjunktur bringe der Krankenversicherung im kommenden Jahr wieder mehr Einnahmen. „Ein Teil der Kassen, die Zusatzbeiträge erheben, haben deutliche Chancen, davon wieder herunterzukommen“, sagte Wasem. Allerdings sei noch nicht sicher, ob die Sparankündigungen der Koalition im Gesundheitswesen in die Tat umgesetzt würden. Außerdem könnten Kassen beim Zusatzbeitrag bleiben, wenn sie annehmen, dass sich die Finanzlage bald wieder verschlechtere.

„Fest steht, dass 2012 und stärker noch 2013 vermehrt mit Zusatzbeiträgen zu rechnen ist“, sagte Wasem. „Die Zusatzbeiträge werden steigen, und die Spannbreite zwischen den Krankenkassen wird wachsen.“

Reicht einer Kasse das Beitrags- und Steuergeld aus dem Gesundheitsfonds nicht aus, kann sie Zusatzbeiträge von ihren Mitgliedern erheben. Heute tun dies 16 Kassen. Laut Gesundheitskompromiss der Koalition sollen die Versicherungen künftig - anders als heute - Zusatzbeiträge in unbegrenzter Höhe nehmen dürfen. Ein Sozialausgleich soll aber verhindern, dass Versicherte mehr als zwei Prozent ihres Einkommens bezahlen müssen.

dpa


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