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Fatou Mbengues Hoffnung auf eine neue Station

Hilfe im Senegal Fatou Mbengues Hoffnung auf eine neue Station

Armut, Überbevölkerung, Misswirtschaft: Die Probleme im Senegal sind gewaltig, doch deutsche Organisationen leisten engagierte Hilfe.

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Der „Kreißsaal“ von Medina Thioub: Hebamme Fatou Mbengue und die jungen Mütter freuen sich auf neue Räume.

Quelle: Joachim Riecker

Dakar. Fatou Mbengue ist eine Frau, die so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Mehr als 100 Babys bringt die 55-jährige Hebamme jedes Jahr in einem kleinen Dorf im Senegal zur Welt. Medina Thioub heißt die Ortschaft, die nordöstlich der Hauptstadt Dakar liegt. Die Bedingungen, unter denen sie dort arbeiten muss, sind deprimierend: Ein enger Raum mit einer schmuddeligen Liege, deren Streben vom Rost angefressen sind. In dem winzigen Kreißsaal werden nicht nur Kinder zur Welt gebracht, sondern auch medizinische Notfälle behandelt – manchmal gleichzeitig. 

Über eine Bekannte, die im Senegal Urlaub machte, erfuhr der Münchner Pharmazeut Gerhard Gensthaler vor einigen Jahren von den unhaltbaren Zuständen in der Mutter-Kind-Station. Als Mitglied der Organisation „Apotheker helfen“ nahm er mit dem Gesundheitskomitee des Ortes Kontakt auf. Solche Komitees gibt es in vielen Dörfern des Landes. Im Auftrag der Bewohner kümmern sie sich um die ärztliche Versorgung. Mehrfach hatte der Rat von Medina Thioub beim Gesundheitsministerium in Dakar beantragt, dass in dem Dorf ein neues Geburtshaus gebaut wird. Doch es tat sich nichts.

Nur wenig Geld für Krankenhäuser

Als Gensthaler den Ort 2013 schließlich selbst besuchte, lag im Gesundheitshaus eine junge Frau, die gerade ihr Baby entbunden hatte. „Plötzlich kam ein Notfall, ein Junge mit einer tiefen blutenden Wunde im Gesicht“, berichtet der Pharmazeut. Weil es keine anderen Räumlichkeiten gab, musste das verletzte Kind direkt neben der Frau und dem Neugeborenen versorgt werden. „Nach diesem Erlebnis habe ich beschlossen, meiner Organisation den Neubau einer Mutter-Kind-Station vorzuschlagen – auch wenn man natürlich auch den Standpunkt vertreten kann, dass das die Aufgabe des senegalesischen Staates wäre.“ Doch die Regierung in Dakar konzentriert sich auf große Infrastrukturprojekte wie den Bau von Autobahnen oder einem neuen Flughafen für die Hauptstadt, wie die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in ihrem Lagebericht zum Senegal feststellt. Für Geburts- oder Krankenhäuser ist schon seit Jahren nur wenig Geld übrig.

„Ich bin dankbar dafür, dass uns die Deutschen hier helfen“, freut sich die Hebamme Fatou Mbengue. Es ist bereits das zweite Projekt dieser Art, das „Apotheker helfen“ zusammen mit der Partnerorganisation „Internationale Familienhilfe“ (INFA) im Senegal finanziert. Im Januar 2012 wurde in der Kleinstadt Toubab Dialaw an der Küste ebenfalls ein neues Mutter-Kind-Haus eröffnet. Dort werden Frauen nicht nur während ihrer Schwangerschaft und bei der Entbindung betreut, sondern erhalten auch Informationen zur Empfängnisverhütung. „Wir bereden, welche Methode die passende ist“, sagt Awa Touré, die dort als Hebamme arbeitet. Eine Beratung kostet umgerechnet 75 Cent, eine Entbindung 7,50 Euro. Die Medikamente werden aus Deutschland gespendet und zu niedrigen Preisen an die Frauen abgegeben. Bei vielen jungen Müttern folgt gleich nach dem Ende der Stillzeit oder sogar noch früher gleich die nächste Schwangerschaft. „Ich versuche die Frauen zu überzeugen, dass ein Abstand von drei Jahren bis zum nächsten Kind besser wäre“, sagt Touré. Oft mit Erfolg, denn rund die Hälfte der Frauen, die sich beraten lassen, entscheidet sich für eine Empfängnisverhütung.

Arbeitsplätze für junge Senegalesen schaffen

Die hohe Geburtenrate ist ein großes Problem des Landes. Nach UN-Angaben wird sich die Einwohnerzahl von jetzt knapp 13 Millionen bis 2050 auf rund 33  Millionen Menschen mehr als verdoppeln. Auch im Senegal verschärft die schnell wachsende Bevölkerung „die Konkurrenz um knappe Naturressourcen wie Ackerland, Wald und Wasser“, wie Ex-Umweltminister Klaus Töpfer sagt, der jetzt Mitglied im Kuratorium der „Stiftung Weltbevölkerung“ ist. 43  Prozent der Senegalesen sind jünger als 15 Jahre. Für sie in den nächsten Jahren attraktive Arbeitsplätze zu schaffen ist eine enorme Herausforderung für Wirtschaft und Politik des Landes.

Viele Senegalesen wollen nicht mehr warten, bis sich die Lage vielleicht irgendwann bessert. Nach einer Untersuchung der Universität „Cheikh Anta Diop“ in Dakar können sich rund 75 Prozent der Bürger des Landes vorstellen, ihre Heimat in den nächsten fünf Jahren zu verlassen. „Nicht für immer“, betont der Migrationsforscher Papa Demba Fall, der die Untersuchung leitete. Die Menschen hofften, dass sie durch einen Aufenthalt in Europa die Lebensbedingungen für ihre zurückgebliebene Familie verbessern und sie irgendwann auch selbst mit genug Geld nach Hause zurückkehren können. Wie viele Senegalesen fordert Demba Fall eine Liberalisierung der europäischen Visa-Politik. „Wenn die Menschen frei reisen könnten, wären sie nicht mehr zu einer abenteuerlichen Flucht gezwungen“, sagt der Wissenschaftler.

Bei den Herkunftsländern der rund 47 500 Menschen, die in diesem Jahr bis Mai von Libyen über das Mittelmeer nach Italien flüchteten, stand der Senegal mit rund 2300 Migranten auf dem sechsten Platz. Auch unter den mehr als 1000 Opfern der Schiffskatastrophen vor der libyschen Küste im April waren mindestens 200 Senegalesen.

Durchschnittseinkommen: 875 Euro im Monat

Moctar Sonko, der den Bau der Geburtshäuser betreut, weiß, was es heißt, als Afrikaner ohne Aufenthaltsberechtigung in einem europäischen Land zu leben. Vor mehr als 15 Jahren reiste er selbst mit einem Touristenvisum nach Italien, tauchte dann unter und wurde schließlich abgeschoben. Nach der Heirat mit einer Schwedin und als Mitarbeiter einer staatlich anerkannten Hilfsorganisation kann er mittlerweile ohne Probleme in die EU einweisen. An die Zeit als „Illegaler“ in Italien denkt er nur ungern zurück. „Es war hart, sehr hart“, sagt der 44-Jährige.

Das Durchschnittseinkommen im Senegal liegt bei nur 875 Euro im Jahr. Mehr als 80 Prozent der erwerbsfähigen Menschen arbeiten in der wenig produktiven Landwirtschaft oder etwa als Tagelöhner. Beim Index für menschliche Entwicklung der UN, der auch Faktoren wie Bildung und Lebenserwartung mit einbezieht, steht der Senegal auf Platz 163 von knapp 190 Ländern. Auch die im Jahr 2000 beschlossenen „Millen­niumsziele“ haben die Situation nicht entscheidend verbessert. Die in den Vereinten Nationen vertretenen Staaten beschlossen damals, die weltweite Armut in den nächsten 15 Jahren zu halbieren. 2015 wird jetzt Bilanz gezogen – und die fällt sowohl für den Senegal als auch für die meisten anderen Länder südlich der Sahara ernüchternd aus.

Einfluss auf "tatsächliche Entwicklung" gering

Zwar wurden die „Milleniums-Ziele“ seit 2001 in allen Armuts- und Entwicklungsstrategien der Regierung erwähnt, wie die GIZ feststellt. Der Einfluss auf die tatsächliche Entwicklung sei „jedoch eher gering“. Von den sieben Einzelzielen, die Themen wie Armut, Bildung und Umwelt umfassen, werde der Senegal vier ganz und die restlichen drei teilweise verfehlen. Als Hauptursachen nennt die GIZ „die geringe Qualität der öffentlichen Investitionen und Entwicklungsprogramme“, was auf die „mangelnde Effizienz administrativer Prozesse sowie schwache Rahmenbedingungen“ zurückzuführen sei. Anders gesagt: Schuld an der Malaise des Landes ist vor allem das weitgehende Versagen des Staates.

Und weil die Regierung auch nicht willens oder in der Lage war, für die Frauen von Medina Thioub ein Geburtshaus zu bauen, springt jetzt „Apotheker helfen“ ein. 50 000 Euro will die Organisation dafür ausgeben, für den Herbst ist die Eröffnung geplant.

Zuletzt ist allerdings ein Problem aufgetaucht: Der Chef des örtlichen Gesundheitskomitees, der Dorflehrer Ousman Thiouf, ist vor einigen Wochen zu seiner Zweitfamilie ins Nachbarland Guinea gereist und seitdem auch telefonisch nicht mehr erreichbar. „Die Bewohner des Dorfes und ich hoffen sehr, dass er bald wieder zurückkommt“, sagt Gentshaler. Und er betont, dass sich das neue Geburtshaus nach einer Übergangszeit auch finanziell selbst tragen müsse.
In dem Küstenort Toubab Dialaw sei das bereits gelungen. Das Personal der dortigen Mutter-Kind-Station könne durch die Einnahmen aus dem Verkauf der Medikamente aus Deutschland bezahlt werden. „Das ist unser Prinzip“, sagt der Pharmazeut. „Wir wollen Hilfe zur Selbsthilfe leisten.“

Von Joachim Riecker

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