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Rückkehr zum Schwarz-Weiß-Denken

Amerika Rückkehr zum Schwarz-Weiß-Denken

Jetzt also die Nationalgarde, das letzte Mittel, um den Bürgerkrieg zu beenden. Ganz offen benutzen sie dieses Wort inzwischen, auf den Straßen, in den Diskussionsrunden, in den Kommentarspalten. Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten von Amerika, im August 2014. Und wieder geht es um Schwarz und Weiß.

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Die Bilder der Gewalt aus der Stadt am Mississippi empören nicht nur liberale Bürgerrechtler, sondern auch 
konservative Politiker.

Quelle: Ed Zurga

Ferguson. Der Bürgerkrieg tobt in den Straßen von Ferguson, einem Vorort von St. Louis am Mississippi. Am 9. August ist dort Michael Brown von Polizisten erschossen worden. Mit sechs Schüssen, zwei davon in den Kopf. Michael Brown soll in einem Laden geklaut haben. Dann, sagt die Polizei, sei er mitten auf der Fahrbahn einer Hauptstraße entlanggelaufen und habe sich der Festnahme entzogen.

Michael Brown war 18 Jahre alt. Er war unbewaffnet. Er war schwarz. 60 Prozent der 21 000 Einwohner von Ferguson sind schwarz. 82 Prozent der Polizisten von Ferguson sind weiß. Augenzeugen sagen, Brown habe seine Arme bereits in die Luft gestreckt gehabt, als er von den tödlichen Schüssen getroffen wurde. Die Menschen, die seit seinem Tod jede Nacht protestieren und randalieren, glauben, dass der Junge das Opfer von Rassismus geworden ist.

LZ Granderson fühlt sich zurückversetzt in die sechziger Jahre: „Polizisten in voller Kampfmontur, die Hunde auf schwarze Demonstranten loslassen – das erinnert nur allzu sehr an Alabama im Jahr 1965.“ Der afroamerikanische Kommentator für den Nachrichtensender CNN ist nicht der Einzige in den USA, der in diesen Tagen an die schwersten Zeiten des Kampfes um die Bürgerrechte für schwarze Amerikaner vor fast 50 Jahren denken muss.

In den USA macht sich angesichts der schier unlösbaren Konfrontation zwischen Protestierern und Staatsgewalt in Ferguson das Gefühl breit, dass sich an der Lage der Schwarzen im Land seit den Tagen von Martin Luther King im Grunde nichts geändert hat: „Es wird für uns nie ­Gerechtigkeit geben“, schreibt Mychal Denzel Smith in seinem Blog für die ­politische Wochenschrift „The Nation“. „Der Tod von Michael Brown zeigt uns einmal mehr, dass wir in diesem Land einfach nicht erwünscht sind.“

Die Demonstrationen in Ferguson und in den gesamten USA sind getragen von ebendiesem Gefühl. Aus gutem Grund: Allein die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen einen tief verwurzelten institutionellen Rassismus der amerikanischen Ordnungskräfte.

Es sterben noch mehr

In Los Angeles wurde, zwei Tage nach Michael Brown, Ezell Ford erschossen. Der geistig behinderte Junge wurde ohne ersichtlichen Grund von Polizisten zu Boden geworfen und wie bei einer Exekution in den Rücken geschossen. Sein Verbrechen? Er lebte in einer „Problemgegend“ und war schwarz. Das reichte der Polizei aus, um mit maximaler Gewalt vorzugehen.

Nur Tage zuvor wurde in Dayton im Bundesstaat Ohio John Crawford von Polizisten erschossen. Crawford war gerade dabei, seinem kleinen Sohn eine Spielzeugpistole zu kaufen. Wie in den beiden anderen Fällen zogen die Beamten die Waffen, bevor sie auch nur versuchten herauszufinden, was da gerade passiert.

„Angst, wenn ich an einem Polizisten vorbeilaufe“

Die Serie von Vorfällen ist indes nur die Kulmination eines bekannten Problems. Bürgerrechtler weisen schon lange darauf hin, dass das amerikanische Rechts-, Ordnungs- und Strafvollzugswesen an einem tief sitzenden Rassismus krankt. „Ich bin es leid, jedes Mal Angst davor zu haben, erschossen oder verhaftet zu werden, wenn ich an einem Polizisten vorbeilaufe“, schrieb LZ Granderson in seinem Kommentar.

Die Angst ist begründet. So trat der neue New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio zu Beginn des Jahres mit dem Versprechen an, die schändliche „Stop and frisk“-Strategie der New Yorker Polizei zu beenden. Unter „Stop and Frisk“ durften Beamte wahllos und ohne begründeten Verdacht Personen auf der Straße anhalten, durchsuchen und in Gewahrsam nehmen. Von der schikanösen Praxis waren jedoch zu 80 Prozent Latinos und Afroamerikaner betroffen. Schwarze und lateinamerikanische Nachbarschaften fühlten sich terrorisiert.

Ein „Kastensystem“

Auch die Inhaftierungszahlen für schwarze Amerikaner sprechen für einen systematischen Rassismus der amerikanischen Institutionen. So sind 60 Prozent der amerikanischen Gefängnisinsassen schwarz, obwohl Schwarze nur 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Soziologin Michelle Alexander spricht deshalb von einem „Kastensystem“, durch das insbesondere männliche Schwarze dauerhaft von der Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Es sind längst nicht nur liberale Bürgerrechtler, die aufgeschreckt sind. In einem aufsehenerregenden Kommentar für das Magazin „Time“ schreibt der konservative Senator Rand Paul: „Für manche Amerikaner ist es praktisch unmöglich, nicht das Gefühl zu haben, dass der Staat sie im Visier hat. Wenn man sich das ethnische Ungleichgewicht in unserem Justizsystem ansieht, dann muss ein Afroamerikaner einfach das Gefühl haben, dass die Regierung es besonders auf ihn abgesehen hat.“ Und dann schreibt der – weiße – Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner: „Jeder, der immer noch glaubt, dass Rassismus nicht immer noch Polizeiarbeit und Rechtsprechung in diesem Land beeinflusst, hat einfach nicht richtig aufgepasst.“

von Sebastian Moll

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