Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 16 ° wolkig

Navigation:
Warum diese Männer zurück in den Irak fliegen

Flüchtlinge in Deutschland Warum diese Männer zurück in den Irak fliegen

Shamoo Khider ist vor dem „Islamischen Staat“ geflohen. Doch in Deutschland werden er und seine Familie nicht glücklich. Nun kehren sie zurück in den Krieg – zermürbt vom Leben im Paradies, das keines war. Heute um 17.30 Uhr startet ihr Flugzeug.

Voriger Artikel
Kaum Verstöße gegen Waffenruhe in Syrien
Nächster Artikel
Ein Treffen der Harmonie

"Deutschland ist nicht auf alles eine Antwort“: Shamoo Khider fliegt heute zurück in den Irak.

Quelle: Fuchs

Oldenburg. Wahrscheinlich war es vom ersten Moment an klar. Von jenem Augenblick an, in dem er im Land seiner Hoffnung ankam. Es war der 8. Dezember 2015, als Shamoo Khider Deutschland erreichte, ein Dienstag, zu Fuß überquerte er die Grenze, und alles, was er sah, war ihm fremd. Die Polizisten in ihren Uniformen, die Sprache, in der er an keiner Stelle eine Bedeutung auch nur erahnte, die vielen Schilder, die ihm nichts sagten.
Shamoo Khider, 35 Jahre alt, seine Frau und die drei Kinder waren am Ziel. In Sicherheit. „Aber eigentlich“, sagt er, „ahnte ich von Anfang an, dass es falsch war.“

Von Bayern über Berlin und Braunschweig bis nach Oldenburg

Dafür ist er dann noch ziemlich weit gekommen. Von Bayern über Berlin und Braunschweig bis nach Oldenburg, in den nordwestlichen Winkel Deutschlands. Aber von hier an geht es nun zurück. Nur dass der Rückweg erheblich schneller sein wird als die wochenlange Reise nach Deutschland mit Lastwagen, Schlauchboot, zu Fuß und in Zügen. Heute, an diesem Sonnabend, geht ihre Maschine. Lufthansa Flug 696, ab Frankfurt 17.30 Uhr, Ankunft Erbil, Irak, am Sonntag, 4.15 Uhr. Sie müssen nicht zurück. Sie wollen es. Es ist ihre Entscheidung.

„Wir waren in der Hölle und wollten ins Paradies“, sagt er. „Jetzt sind wir im Paradies und gehen freiwillig zurück in die Hölle.“ In der Unterkunft packt seine Frau schon die Taschen. Khider erzählt seine Geschichte in einem Flüchtlingscafé. Verrückt, sagen die anderen hier, wenn sie von seinem Entschluss erfahren, das sei doch verrückt: als Jeside zurück in den Irak. Shamoo Khider zuckt mit den Schultern. „Ich kann nicht anders“, antwortet er.

Tausende Flüchtlinge wollen so schnell wie möglich zurück

Die Geschichte von Shamoo Khider, von seinem Cousin Khaled und Rakan Anz, um die es später gehen wird, handelt von einem Irrtum. Alle Flüchtlinge wollen nach Deutschland und für immer bleiben, das ist ja so eine sehr beliebte Weltsicht in Deutschland. Sie ist nur nicht ganz korrekt. Tausende Flüchtlinge wollen so schnell wie möglich zurück, sogar in so geschundene Länder wie den Irak und Syrien, manche lieber heute als morgen. „Ich hatte Leute hier, die sind in meinem Büro zusammengebrochen, als sie erfahren haben, dass sie noch eine Woche länger bleiben müssen“, sagt Ilyas Yanc von der Interkulturellen Arbeitsstelle in Oldenburg, der in einem Raum  neben dem Flüchtlingscafé Rückkehrer berät.

Aber im Grunde handelt diese Geschichte somit natürlich von einem doppelten Irrtum. Denn es geht ja auch darum, dass Shamoo Khider dachte, er wüsste, wie Deutschland ist. Dass das Leben ein Spaziergang sein würde, wenn sie erst mal hier wären. Was dann nicht so war. „Wenn kein Krieg mehr wäre und die Städte heil, dann würden es viele so machen wie wir“, sagt Khaled Khider. Dann würden die Heimkehrer nicht als verrückt gelten, sondern als Vorbild.

Als der Islamische Staat kam

Shamoo und sein 27-jähriger Cousin Khaled waren Polizisten in der Kleinstadt Khanasor im Nordirak, „er für die großen Fische, ich für die Kleinen“, sagt Khaled lächelnd. Von den Häusern, in denen sie lebten, erzählen sie, „15 Leute konnten darin wohnen“, und von ihren Autos, Marke Opel. Zumindest in ihrer Erinnerung war alles groß und schön und gut in ihrer Heimat. Jedenfalls bis zum 3.  August 2014. Das war der Tag, an dem sie am Horizont weiße Pick-ups mit den aufgepflanzten schwarzen IS-Flaggen auf ihre Stadt zufahren sahen. Der Tag, an dem die Katastrophe für sie begann.

Die Khiders sind Jesiden, Angehörige einer religiösen Minderheit im Nordirak, Syrien und der Türkei, keine Muslime. Für die Schlächter des „Islamischen Staats“ sind sie die Ungläubigsten der Ungläubigen, die Islamisten versklaven, vergewaltigen, ermorden sie, wo immer sie sie finden. Mit Zehntausenden anderen Jesiden fliehen auch die Khiders ins nahe Sindschar-Gebirge. Sieben Tage harren sie da in ihren Verstecken aus, ohne Nahrung, ohne Wasser. „Babys, Ältere, die sind da einfach unter unseren Händen gestorben“, sagt Shamoo Khider. Kurdische Milizen, unterstützt von amerikanischen Bombern, können sie schließlich befreien. Nach dem Abzug des IS fanden die Soldaten Gräber: Hunderte jesidische Männer, Frauen, Kinder, lebendig begraben.

Es ist angesichts all dessen klar, dass die Khiders wegwollten. Einerseits. Aber es ist, andererseits, mit westeuropäischem Blick auch nicht leicht zu verstehen, wie wenig sie über das Land wussten, das sie Paradies nennen. „Bayern München, Dortmund, Klopp“, sagt Khaled Khider. Und Merkel? „Jaaa, Merkel!“ „Mutter der Jesiden“, so heißt sie bei ihnen. Und dann wussten sie noch das, was die Schleuser in ihrem Flüchtlingslager streuten. Dass es ein Haus geben würde, für jeden. Und Arbeit auch.

Shamoo und Khaled Khider waren nie zuvor größer verreist. Weiter als bis Erbil waren sie nie gekommen. Sie sprechen keine Sprachen außer Kurdisch und Arabisch. Es war klar, dass es schwer werden würde. Aber vielleicht ist Unwissen für manche auch die einzige Möglichkeit, einen solchen Weg überhaupt auf sich zu nehmen.

„Gleichberechtigung, Demokratie, Ordnung“

In Oldenburg wohnen sie jetzt in einem ehemaligen Großmarkt. Vier Familien zusammen in einer Parzelle, von der nächsten abgetrennt mit Stellwänden. Arbeiten? Dürfen sie nicht. Über Deutschland sagen sie dennoch kein schlechtes Wort. „Gleichberechtigung, Demokratie, Ordnung“, sagt Shamoo Khider, „für die Deutschen ist Deutschland großartig.“ Aber für sie passe es einfach nicht. „Ich vermisse meine Eltern, das Essen, das Wetter“, sagt Khaled Khider. Er habe seine Freundin zurückgelassen, zu ihr wolle er zurück, sagt der 25-jährige Rakan Anz, der in Khanasor eine Shisha-Bar hatte. Über die Konflikte in den Flüchtlingslagern reden sie nicht. Man kann aber ahnen, welche Beherrschung das Zusammenleben in so einer Einrichtung erfordert. „Wenn du hinter der Stellwand die Worte hörst, zu denen deinen Verwandten die Kehle durchgeschnitten wurde“, sagt Shamoo Khider, „dann ist das schwer erträglich.“

Es ist eine kleine Minderheit, die aus freien Stücken Deutschland den Rücken kehrt. Klar ist aber auch, dass ihre Zahl steigt. Wie viele es sind, wird nicht genau erfasst. Es gibt nur Anhaltspunkte. Zum Beispiel, dass die irakische Botschaft in Berlin im letzten Quartal 2015 rund 1250 Reisepapiere ausgestellt hat, zehnmal so viele wie in den gesamten neun Monaten zuvor. Oder das Geld, das Bund und Länder Rückkehrern zahlen – im vergangenen Jahr an insgesamt 37 220 Menschen. Wobei einiges dafür spricht, dass es weit mehr Heimkehrer gibt. Zum einen, weil manchem die bürokratische Prozedur zu lange dauert. Zum anderen, weil Flüchtlinge aus Kriegsgebieten keine Rückkehrhilfen erhalten. Dabei registriert zum Beispiel auch Beraterin Magdalena Kruse beim Raphaelswerk eine wachsende Zahl heimkehrwilliger Syrer. Einer ihrer Klienten etwa musste seine Frau in Aleppo zurücklassen – und erträgt nun die Trennung von ihr nicht mehr. Andere sind entnervt von der langen Dauer ihrer Asylverfahren oder haben schlicht Heimweh. „Deutschland“, sagt Kruse, „ist eben nicht auf alles eine Antwort.“

Flug und 2400 Euro Starthilfe

Welche Hilfe Rückkehrer erhalten, hängt davon ab, woher sie kommen. Menschen vom Balkan bekommen eine Busfahrkarte. Das war’s. Shamoo Khider bekommt für sich und seine Familie den Flug und 2400 Euro Starthilfe. Was – um das klarzustellen – kein Geschäft für ihn ist. Schon wegen der 4000 Euro, die er den Schleppern für den Hinweg zahlte. Und um die Kosten der gesamten vergangenen Monate zu ermessen, genügt es, zwei Bilder zu vergleichen.

Das erste zeigt Shamoo Khider vor rauchenden Ruinen in der Uniform der kurdischen Milizen, als er gegen den IS kämpfte: kräftig, aufrecht. Und dann Khider heute in Oldenburg: ausgezehrt, gebeugt, mit tiefen Falten, gezeichnet von der Zerrissenheit zwischen der Hölle namens Heimat und einem unerreichbaren Paradies.

Heimatort Khanasor unbewohnbar

Nach der Ankunft in Erbil morgen früh werden sie in das Flüchtlingslager Zakho fahren, die Zelt- und Barackenstadt, in der sie ihre Eltern und Verwandten wiedertreffen. Ihr Heimatort Khanasor ist unbewohnbar. Kein Strom, kein Wasser, die Häuser vom IS geplündert. Arbeit? Als Friseur vielleicht, sagt Shamoo Khider. Besser als nichts.

Ihre Taschen werden nicht sehr voll sein, viel besitzen sie ja nicht. Aber Spielzeug werden sie auf jeden Fall noch mitnehmen, vor allem Zaubertafeln. Das sind Tafeln, auf die man jedes erdenkliche Bild zeichnen kann, und wenn man dann den Schieber darüberzieht, dann ist es so, als habe es dieses Bild nie gegeben. „Das“, sagt Khider, „ist hier ihr Lieblingsspielzeug geworden.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Deutschland / Welt
Von Redakteur Thorsten Fuchs

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.