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"Sie töten mich, wenn ich zurückkehre"

Flüchtlinge in Idomeni "Sie töten mich, wenn ich zurückkehre"

Das Elend ist groß, die Grenze dicht – wider besseres Wissen setzen Tausende Flüchtlinge auf das Ende der mazedonischen Blockade. Unsere Reporterin Marina Kormbaki berichtet aus Idomeni.

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„Wir wurden geschlagen. Aber ich würde es wieder versuchen“: Flüchtlinge wollen die Grenze zu Mazedonien überwinden.

Quelle: Rodrigo Avellaneda / Anadolu Agency

Idomeni. Ali ist ein Mann der Zahlen. Im nordirakischen Diyala hat er Mathematik studiert und Kindern im Auftrag einer Menschenrechtsorganisation das Rechnen beigebracht. Die Zahlen vermochten lange Ordnung in seinen von Angst und Unsicherheit geplagten Alltag zu bringen. Doch ausgerechnet hier, in der haltlosen Weite Nordgriechenlands, hat ihn sein Gespür für Zahlen plötzlich verlassen.

Wie viele Tage er schon in Idomeni ausharrt? Ali setzt an zu einer Antwort, ein einsamer Laut entweicht seinem Mund. Dann schweigt er lange und schaut sein Gegenüber erschrocken an. „Ich weiß es nicht“, sagt er schließlich. „Ich weiß einfach nicht, ob ich schon 20 Tage hier bin, oder ob es vielleicht schon 25 Tage sind.“

Idomeni: vier Silben, die zum Synonym für das große Scheitern geworden sind. Ein Ort, der wie kaum ein anderer von der mörderischen Wucht all der Kriege und Konflikte des Mittleren Ostens erzählt, mit der die Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden. Der Ort, der Europas Unfähigkeit zu einer gemeinsamen Politik bloßlegt, wenn es mal nicht ums Geld geht, sondern um Menschenleben.

Absurd bunte Tupfer sprenkeln die Landschaft in dem nordgriechischen Ort bis zum klingenbewehrten Grenzzaun. Zwischen den grünen, blauen und roten Zeltkugeln steigen Rauchsäulen auf. Alles landet in den Feuerstellen - nicht nur Holzscheite, sondern auch Filzdecken, Kleiderfetzen, Plastikmüll. Die Temperatur liegt bei bitterkalten fünf Grad, und das Regenreservoir des Himmels ist über diesem elenden Flecken Erde offenbar unerschöpflich.

Ali, Flüchtling aus dem Nordirak: „Ich weiß einfach nicht, ob ich schon 20 Tage hier bin, oder ob es vielleicht schon 25 Tage sind.“

Ali, Flüchtling aus dem Nordirak: „Ich weiß einfach nicht, ob ich schon 20 Tage hier bin, oder ob es vielleicht schon 25 Tage sind.“

Quelle: Kormbaki

Kinder weinen in den Zelten, Kinder waten durch den Schlamm. So viele Kinder, dass man kurz der Illusion anhängen kann, es handle sich hier um ein Riesenkinderferienlager. Aber im Ferienlager gibt es keine frierenden Jungen, die Dosenmilch am Wegesrand verkaufen. Und keine zerlumpten Mädchen, die mit ihren hustenden Geschwisterkindern auf dem Arm für Regenjacken anstehen. Matsch, Müll, Stacheldraht, Fäkalien. Nichts an diesem Ort ist dazu angetan, Trost zu spenden. Und doch ist ausgerechnet hier die Hoffnung groß. So groß, dass sie bei vielen den Blick auf die Wirklichkeit verstellt.

Sie hoffen auf das Wunder

„Ich hoffe darauf, dass sie die Grenze öffnen“, sagt Ali, der Mathematiker. Er sitzt zwischen all den Zelten, den Lumpen und dem unerbittlichen Regen und erzählt. Die Milizen des „Islamischen Staates“ waren in seine Heimat eingefallen, die irakische Armee konnte die Terrorbanden später vertreiben. Doch zurzeit verfolgen schiitische Milizen in der Provinz Diyala die Sunniten mit Gewalt, und Ali ist Sunnit. „Sie würden mich töten, wenn ich zurückkehrte“, sagt der 24-Jährige. Er will nach Deutschland, Österreich oder nach Schweden. Er haust direkt am Grenzzaun, die mazedonischen Militärfahrzeuge patrouillieren keine zehn Meter vor seinem Zelt. Er will zu den ersten gehören, die weiterkommen, wenn der Zaun fällt. Er glaubt fest daran. Obwohl er die Nachrichten verfolgt. Er sagt: „Am Donnerstag treffen sich die EU-Regierungschefs in Brüssel. Dann werden sie doch beschließen, dass wir weiterkönnen, oder?“

Wer meint, die Bilder von Idomeni schreckten Flüchtlinge von der Fahrt hierher ab, der irrt. Ständig treffen neue Großfamilien in dem Lager ein, bepackt mit Zelten und Decken. Die Taxifahrer setzen sie ein paar Kilometer vorher ab, denn die griechische Polizei verbietet den Transfer direkt nach Idomeni. Also kommen die Leute das letzte Stück zu Fuß. „Vor einem Monat sind wir in Kandahar in Afghanistan aufgebrochen“, sagt Nakib, 33, an beiden Händen ein kleines Kind. „Wir sind glücklich, hier zu sein. Wir kommen voran.“ Auch Nakib will nach Deutschland. Er weiß nicht, wie viele Länder, wie viele Grenzen ihn und seine Familie von Deutschland noch trennen. Er hofft, dass seine Kinder auf dem Weg dorthin nicht krank werden.

„We want to Germany“: Flüchtlinge an der Grenze.

„We want to Germany“: Flüchtlinge an der Grenze.

Quelle: dpa

Unter den Ankömmlingen waren auch jene Menschen, die tags zuvor auf Anraten eines rätselhaften Flugblatts mit dem Titel „Kommando Norbert Blüm“ zuvor die grüne Grenze nach Mazedonien überschritten hatten. 1500 Flüchtlinge machten sich auf einen gefährlichen Weg bis zu einem Fluss. Sie wurden zurückgebracht nach Griechenland. „Sie haben uns dort geschlagen. Aber ich würde es wieder versuchen“, sagt ein junger Afghane, den Aktivisten einer Hilfsorganisation gerade in Idomeni abgesetzt haben. Die Urheber der Aktion sind nicht bekannt. Vielleicht waren es Schlepper, vielleicht Aktivisten. Sicher ist nur: Die Flüchtlinge im Wartestand klammern sich in Idomeni an jeden Funken Hoffnung, und sei es nur ein dubioses Flugblatt.

Derweil langweilt sich der Fahrer des Busses, an dessen Frontscheibe ein Schild für die Fahrt nach Athen wirbt. „Es wollen nur wenige Leute zurück“, sagt der Fahrer. Die Menschen haben Angst, dass sie dann ganz zurückgeschickt werden, nach Hause.

„Unerträglich, so viele Menschen im Elend zu sehen“

Etwas abseits steht die Polizei. „Es ist unerträglich, so viele Menschen in solchem Elend zu sehen“, sagt ein Polizist. Er glaubt nicht daran, dass das Lager geräumt werden wird. Er bezweifelt, dass sich irgend etwas bessern wird. „Was Sie hier sehen, ist ein Sinnbild für das Griechenland der Zukunft. Es werden immer mehr Flüchtlinge kommen, und wir sind schlicht nicht in der Lage, sie in Würde leben zu lassen.“ Der Vize-Verteidigungsminister Dimitris Vitsas sagte am Dienstag, inzwischen stauten sich im ganzen Land rund 46 000 Migranten, die meisten davon Kriegsflüchtlinge.

Griechenland steckt nach wie vor in einer tiefen Wirtschaftskrise. In Nordgriechenland, in der Gegend um Idomeni, ist vielerorts fast jeder Zweite arbeitslos. Auffallend oft prangt hier an Hauswänden und Busstationen das Hakenkreuz-ähnliche Symbol der neonazistischen Partei „Goldene Morgenröte“. Da sind soziale Spannungen wahrscheinlich, aber nicht zwangsläufig.

Der Zustrom der Flüchtlinge eröffnet manchem auch ungeahnte Chancen. „Ich kann endlich meine Arztrechnungen bezahlen und Schulden begleichen“, sagt etwa der Taxifahrer Sakis Palamis. „Vorher habe ich höchstens 25 Euro am Tag eingenommen. Jetzt, wo so viele Flüchtlinge, Helfer und Journalisten nach Idomeni wollen, verdiene ich das Fünffache.“

Zwischen den Zelten picken Einheimische in Warnwesten und mit Mundschutz den Müll auf. „Ja, nach Jahren habe ich wieder Arbeit“, sagt eine junge Frau. Sie weint. „Darf ich darüber glücklich sein? Ich habe einer Frau eben einen Müllsack gegeben, damit sie ihr Baby nicht im Schlamm wickeln muss. So will doch niemand sein Geld verdienen.“

Wer ist das „Kommando Norbert Blüm“?

Es ist ein sonderbares Flugblatt, unterzeichnet mit „Kommando Norbert Blüm“. Das am Montag in Idomeni verteilte DIN-A4-Papier ist möglicherweise der Auslöser dafür gewesen, dass sich Hunderte Flüchtlinge aus dem griechischen Grenzlager in Idomeni aufgemacht haben, um durch einen reißenden Fluss nach Mazedonien zu gelangen. In dem Schrieb fordern die unbekannten Autoren die Flüchtlinge auf, gemeinsam auf eigene Faust über Osteuropa nach Deutschland zu reisen. Dazu ist eine Karte eingezeichnet mit dem angeblich unbewachten Weg über die Grenze. Die Flüchtlingsgruppe wurde von mazedonischen Sicherheitskräften gestoppt. Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras warf den mutmaßlichen Urhebern der Flugblattaktion ein „kriminelles Vorgehen“ vor. Unbekannte, die sich wohl als Helfer ausgegeben hätten, hätten die Flüchtlinge ermutigt, sich in Lebensgefahr zu begeben.

Das Schreiben ist in arabischer Sprache verfasst. Wer in Griechenland bleibe, werde in die Türkei abgeschoben, heißt es dort. „Der Zaun, der vor Ihnen steht, soll Sie in die Irre führen, damit Sie glauben, die Grenze sei geschlossen. Der Zaun endet fünf Kilometer von hier.“ Zudem werden ein Treffpunkt und eine Zeit mitgeteilt, dazu die Aufforderung, sich der Gruppe anzuschließen: „Wenn Tausende zusammen losmarschieren, wird die Polizei es nicht schaffen, euch zu stoppen oder zurückzubringen.“ Etwa 1500 Menschen machten sich daraufhin auf den Weg. 700 Flüchtlinge schafften es tatsächlich nach Mazedonien, wurden dort aber aufgehalten.

Mazedonische Behörden haben nach eigenen Angaben deutsche Aktivisten im Verdacht, die Flugblätter verteilt zu haben. In Idomeni halten sich zurzeit viele Hilfsorganisationen und Helfer auf. Der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Idomeni, Babar Baloch, hielt es auch für möglich, dass der Flyer das Werk krimineller Schmuggler-Netzwerke war. Unter dem Flugblatt stand „Kommando Norbert Blüm“. Der CDU-Politiker hatte am Wochenende in einem Zelt in Idomeni übernachtet, um auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. „Ich habe erst im Nachhinein von diesem Flugblatt erfahren“, sagte Blüm.

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UNHCR-Forderung
Flüchtlinge in Idomeni.

Das UN-Hilfswerk UNHCR hat mit Blick auf den Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei gefordert, dass auch die jetzt schon in Griechenland festsitzenden Flüchtlinge Zugang zum Asylverfahren erhalten müssen.

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