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Massendemo macht Katalonien zum Pulverfass

Forderung nach Unabhängigkeit Massendemo macht Katalonien zum Pulverfass

Im Konflikt um Katalonien haben sich die Fronten nach der Massendemo für eine Abspaltung der Region von Spanien gefährlich verhärtet. Beobachter sagen eine düstere Zukunft voraus, falls sich beide Seiten nicht bald an den Verhandlungstisch setzen.

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Am Donnerstag sind rund 1,8 Millionen Menschen in Barcelona auf die Straßen gegangen.

Quelle: Albert Gea

Barcelona/Madrid. Katalonien bringt die Spanier im Spätsommer mächtig ins Schwitzen. Nach der beeindruckenden Massenkundgebung für Unabhängigkeit in Barcelona wird im bisher unterschätzten Konflikt um die wirtschaftsstärkste Region des EU-Landes plötzlich wahrgenommen, dass es „fünf vor zwölf“ sein könnte. Die Zentralregierung habe die brenzlige Lage verschlafen, klagte Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa am Freitag in Madrid. Man habe gedacht, so der in der Hauptstadt lebende Peruaner, „dass die Unabhängigkeitsbewegung klein sei und nicht vorankommen würde“.  Die Uhr tickt gnadenlos, denn am 9. November will der regionale Regierungschef Artur Mas Wahlurnen aufstellen und die 7,6 Millionen Katalanen zur Stimmabgabe über die Abspaltung ihrer Region aufrufen. Er räumt ein, dass er auf einen Sieg des „Ja“ beim Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands als „Sprungbrett“ für Katalonien setzt. Ministerpräsident Mariano Rajoy weist derweil die Befragung als illegal zurück und meint, sie werde auf keinen Fall stattfinden. Verhandlungen mit Mas, der in der kunterbunten Separatistenbewegung eher zu den Gemäßigten gehört, lehnte Rajoy bisher strikt ab.

Nachdem nun am Donnerstag nach Schätzung der städtischen Polizei 1,8 Millionen Menschen im Zentrum Barcelonas auf die Straßen gingen, um für das Recht auf Selbstbestimmung zu demonstrieren, haben sich die Fronten weiter gefährlich verhärtet.  Mas sagte am Freitag, man werde „mit Sicherheit abstimmen“. „Der Staat kann „Nein“ sagen, aber er kann nicht alles verhindern“, fügte der Chef des liberal-christdemokratischen Parteienbündnisses CiU an. Die Generalsekretärin von Rajoys Volkspartei (PP), María Dolores de Cospedal, entgegnete, in einer Demokratie regiere man „mit dem Gesetz, und nicht mit Kundgebungen.“  Die Unnachgiebigkeit beider Seiten bereitet den Beobachtern große Sorgen. Sogar die der PP nahestehende Zeitung „La Razón“ kann die Gelassenheit Rajoys nicht ganz verstehen und bezeichnet Katalonien inzwischen als „Pulverfass“. Der sozialistische Oppositionsführer in Madrid, Pedro Sánchez, warnte, Spanien stehe „vor einer Staatskrise“. Rajoy und Mas müssten dringend Verhandlungen über eine Verfassungsreform aufnehmen, die alle Seiten zufriedenstelle.

Der angesehene Schriftsteller und Kolumnist Fernando Onega schrieb in „La Voz de Galicia“, dass er „einen Zugzusammenstoß“ befürchte. Die Passivität eröffne den radikalen Kräften die Möglichkeit, Einfluss zu gewinnen, meint er. In der Tat: Die Linksrepublikaner der ERC, die Katalonien zusammen mit der CiU regieren und nach jüngsten Umfragen bei den Wählern immer beliebter werden, riefen diese Woche zum „zivilen Ungehorsam“ auf. Und die Präsidentin der Separatistenorganisation „Katalanische National-Versammlung“ (ANC), die resolute Literaturprofessorin Carme Forcadell (58), versichert: „Katalonien wird so oder so unabhängig.“  Vor zwei, drei Jahren waren die Separatisten in Katalonien noch deutlich in der Minderheit. Doch die Wirtschaftskrise gab der Bewegung Nahrung.

Sie meint, in einem unabhängigen Staat würde es den Menschen besser gehen. Als Demütigung empfanden zudem viele Katalanen die Entscheidung des Madrider Verfassungsgerichts, mehrere Passagen im Autonomie-Statut der Region für illegal zu erklären.  Inzwischen wollen sich nach jüngsten Umfragen über 50 Prozent von Spanien trennen. Der Wunsch nach Souveränität wird nicht nur von Extremisten oder Verarmten unterstützt. An der Massendemo nahm etwa auch Fußballstar Gerard Piqué mit Sohn Milan (2) teil. Der Ehemann von Latin-Pop-Queen Shakira postete Fotos auf Twitter und schrieb: „Einfach unvergesslich!“ Der katalanische Bayern-Trainer Pep Guardiola blieb in München, war aber von der Kundgebung “überwältigt“. „Fantastisch!“, sagte er, um dann Madrid an die Hauptforderung der Katalanen zu erinnern: „Wir wollen wählen.“

dpa

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