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Die Stadt, die Schwäche zur Stärke macht

Frankfurt an der Oder Die Stadt, die Schwäche zur Stärke macht

Abgewirtschaftet, abgelegen, abgeschrieben – Frankfurt an der Oder hat wahrlich keinen leichten Stand. Und trotzdem gelingt das Leben mit den Flüchtlingen vorbildlich. Dabei lautet die Frankfurter Devise: Nicht hetzen - helfen!

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Kulturtreffen: In der alten Marienkirche diskutiert der Künstler Michael Kurzwelly mit dem Senegalesen Jean Bernard Adiangmot seine Installation zu Flucht und Offenheit in einer Grenzregion.

Quelle: Jacqueline Schulz

Frankfurt (Oder). Auf dem Schild am Schiffsanleger steht: „Herzlich willkommen!“ Die Oder fließt träge vorbei, Schiffe sind nicht zu sehen. Am anderen Ufer verschwindet Polen im Dunst. Am Anleger steht Sami Nazari aus Afghanistan und schwärmt: „Frankfurt ist die beste Stadt Deutschlands! Nicht so hektisch wie Kabul. Hier gibt es alles, was ich brauche.“

Im vergangenen Sommer ist der 22-Jährige in die Stadt am östlichsten Rand Deutschlands gekommen. In Kabul hatte er Psychologie studiert. „Ich bin Atheist und Humanist“, sagt der schüchterne junge Mann. Weil er sich auf Facebook kritisch über den Islam äußerte, wurde er von den Taliban bedroht. Sami Nazari bekam Angst und ging auf die Flucht. Jetzt lernt er Deutsch an der Volkshochschule und jobbt nebenbei schon als Übersetzer im Flüchtlingsheim.

Die Frankfurter Devise: Nicht hetzen - helfen!

Dass ein junger Afghane überzeugt und dankbar von Frankfurt an der Oder schwärmt, ist bemerkenswert. Wenn es einen Ort gibt, von dem erwartet wurde, dass es ungemütlich werden würde zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen, dann dieser. Die Stadt ist geprägt von Wegzug und Armut, 57 000 Menschen leben hier noch. Alle paar Wochen marschieren Neonazis auf. Aber jedes Mal stellen sich ihnen Hunderte Frankfurter entgegen. Viele helfen jetzt den rund 600 Flüchtlingen, deren neues Zuhause die Stadt ist.

„Minus mal Minus ist Plus. Die einstigen Mängel sind ein Standortvorteil“, sagt Milena Manns, Quartiersmanagerin der Frankfurter Wohnungswirtschaft. Wegen des Leerstands kann sie aus dem Vollen schöpfen. Verteilungskämpfe um knappen Wohnraum gibt es an der Oder nicht. 100 leer stehende Apartments wurden bereits an Flüchtlinge vermietet. Auch Sami Nazari hat schnell eine eigene Bleibe gefunden. „Ängste und Irritationen gibt es dennoch“, berichtet Milena Manns. Steigen die Mieten? Haben es Hartz-IV-Empfänger jetzt schwerer? „Damit gehen wir offensiv um“, sagt Manns: „Wir haben noch mindestens 100 weitere leere Wohnungen, die sofort bezugsfertig wären.“

Minus mal Minus macht Plus - so rechnet auch Kati Karney vom Bezirksverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo). Die alte Industrie ist weg, auch die Nachwende-Hoffnungen wie Chip- und Solarfabriken sind nur noch ferne Erinnerung an verbrannte Fördermillionen. „Wenn wir hier irgendetwas gut können, dann soziale Arbeit“, sagt Karney. In der Stadt leben sehr viele Arme und Alte - aber es gibt eben auch viele, die sich um diese Klientel kümmern: „Man muss nur ein bisschen Mut haben und ein Konzept.“

An Mut und Durchsetzungsvermögen mangelt es der forschen Blondine nicht. Vielleicht hat das auch mit ihrer Karriere als Sängerin zu tun. Karney gewann schon Castingshows, als die noch Talentwettbewerb hießen und es die DDR noch gab. 1994 schaffte sie mit der Gruppe Mekado beim Eurovision Song Contest den dritten Platz. Im Herbst 2015 überzeugte sie den Frankfurter Oberbürgermeister Martin Wilke, dass die Stadt noch eine Außenstelle für die Erstaufnahme im nahen Eisenhüttenstadt vertragen könnte. „Wir haben einen Plan, wir können das“, sagte Karney, und schon hatte die Awo den Auftrag, eine Messehalle am Stadtrand für 600 Flüchtlinge herzurichten.

Vier Tage war Zeit. „Eigentlich kann man da keine Öffentlichkeitsarbeit mehr machen, wir hatten den Kopf voll“, erinnert sich Karney. Aber sie hat auf alle Mails und Facebook-Einträge geantwortet, hat nachgefragt, aufgeklärt. „Wer hilft denn den Obdachlosen?“ Karney recherchierte und präsentierte Fakten: Fünf Obdachlose gebe es in der Stadt, drei nutzten eine Notunterkunft, zwei seien lieber draußen. „Ich habe Angst, wenn Hunderte Flüchtlinge kommen.“ Karney nimmt diese Ängste ernst, immer, und fragt zurück: „Wovor genau haben Sie Angst? Wollen Sie sich die Unterkunft einmal anschauen?“ Vorbeigekommen sei von den Skeptikern keiner, aber Aktionen gegen die Notunterkunft gab es auch nicht. Das ist in diesen Tagen schon mal was. Den Satz „Wir schaffen das“ nimmt diese starke Frau nicht in den Mund. Doch sie glaubt: „Wir könnten uns noch um mehr kümmern in Frankfurt.“ Wenn sie die Schlangen frierender Flüchtlinge vor dem Berliner Lageso sieht, will sie die Leute am liebsten in den Regionalexpress verfrachten und in ihrer Stadt versorgen.

Quartiersmanagerin Manns aber nimmt ein anderes Politikerwort in den Mund. „Wir haben eine Obergrenze eingeführt“, erklärt sie. Nicht mehr als zwei Wohnungen pro Aufgang werden mit Flüchtlingen belegt, Gettobildung wird schon im Ansatz vermieden. Auch wenn es noch viele freie Wohnungen gibt, Manns ist nicht blauäugig. „Wir wollen es besonders gut machen. Wir bringen die Leute nicht nur unter, wir kümmern uns auch um sie. Das bindet viele Ressourcen. Wir müssen sehr sensibel agieren, dass wir diese Chance nicht verspielen.“

Das Grundgesetz erklärt - aber nicht von oben herab

Die Chance - damit meint sie, dass Frankfurt und die Flüchtlinge auf Dauer voneinander profitieren. Martin Wilke, der parteilose Stadtchef, glaubt an diese Chance. Die Flüchtlinge müssen Deutsch lernen - kein Problem, pensionierte Lehrer und andere Freiwillige gebe es genug. Menschen wie Thomas Klähn, der gerade den Integrationspreis des Landes Brandenburg bekommen hat. Der 49-jährige Gründer des Vereins Vielfalt statt Einfalt hat seinen Job als Softwareentwickler gekündigt und bei der Awo angeheuert. Klähn ist ein Realist wie die meisten Akteure in dieser Stadt. „Wir dürfen die Flüchtlinge nicht alleinlassen, wir müssen uns vom ersten Tag um sie kümmern“, sagt er. Wie bitter nötig das ist, hat seine syrische Pflegetochter kürzlich erfahren. Sie gibt Flüchtlingen Deutschunterricht, nun rief sie ihren Pflegevater dazu: „Du musst dringend mal vorbeikommen und den Leuten Deutschland erklären.“

Klähn ging ins frühere Hotel Ramada an der Autobahn. „Ramadan“ nennen sie es in der Stadt, seit dort Flüchtlinge wohnen. Er hat das Grundgesetz mit ihnen durchgenommen. Die Frau hat dieselben Rechte wie der Mann. Es gibt Klempner und Klempnerinnen, Ärzte und Ärztinnen. „Die Männer waren überrascht“, stellte er fest. „Die dachten, es ist hier wie Syrien, nur moderner.“ Sein Fazit: „Das muss ihnen alles gesagt werden, nur nicht von oben herab. Integration passiert nicht von selbst. 2016 wird ein extrem wichtiges Jahr.“

Das wird es auch für den jungen Afghanen Sami Nazari, den Klähn unter seine Fittiche genommen hat. Auf Vermittlung der Awo wird er im Herbst ein Studium beginnen. Viele andere Neuankömmlinge brauchen Jobs. Das ist nicht einfach in Ostbrandenburg. Unmöglich ist es aber nicht. „Wir haben hier zwar keine großen Betriebe“, sagt Wilke, „aber viele Handwerker haben Bedarf, weil sie keine jungen Leute finden. Unter den Flüchtlingen sind viele Junge, die Biss haben und etwas lernen wollen.“

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