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Friedensnobelpreis Im Namen der Kinder

Ein Mann, ein Mädchen, ein Hindu, eine Muslima, ein Inder, ?eine Pakistanerin: Die Träger des Friedensnobelpreises 2014 kennen keine Grenzen. Und keine Angst.

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„Ein großer Tag für alle Mädchen“: In Mingora feiert Malalas Familie ein Nobel-Fest.

Quelle: A Majeed

Oslo. Sie hat den Taliban getrotzt. Und dem Tod. Es grenzt an ein Wunder, dass sie noch lebt. Aus nächster Nähe hatte ein Attentäter drei Kugeln in ihren Kopf und ihre Schultern gefeuert - weil sie auf ihrem Recht bestand, auch als Mädchen in die Schule zu gehen. Das war am 9. Oktober 2012.

Er hat vor dreißig Jahren seinen Beruf als Elektroingenieur aufgegeben, um seine Kraft einem einzigen Ziel zu widmen: der Abschaffung der Kindersklaverei und Kinderarbeit in Südasien.

Gemeinsam sind die beiden, die 17-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai und der 60-jährige Inder Kailash Satyarthi, Träger des Friedensnobelpreises 2014. Weil sie beide, so hat es das Nobelkomitee in Oslo formuliert, mit ganz außerordentlichem Mut „gegen die Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen und für das Recht aller Kinder auf Ausbildung“ kämpfen. Und ein bisschen auch, weil das Nobelkomitee mit diesem Doppelpreis gleich noch ein zweites Signal setzen will: Es ehrt einen Mann und ein Mädchen, einen Hindu und eine Muslima, einen Inder und eine Pakistanerin - zwei Menschen aus zwei verfeindeten Ländern, die über alle Grenzen hinweg einen gemeinsamen Kampf kämpfen. Ein Vorbild für die Politik?

Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Mordanschlag, der ihr Leben veränderte, steht Malala - mal wieder - im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Mit gerade 17 Jahren ist sie die jüngste Preisträgerin aller Zeiten; sie ist auch die erste Persönlichkeit aus Pakistan, erst die 41. Frau unter den 802 Preisträgern.

Und wie ist der Tag, an dem der prestigereichste Preis der Welt mit dem eigenen Namen verbunden wird, für so einen jungen Menschen? Er ist - ein Schultag. Malala hat im Chemieunterricht von der Auszeichnung erfahren und hat darauf bestanden, erst mal den Schultag zu Ende zu bringen. Ein erster Tweet „Danke für alle Unterstützung und Liebe“, auf den großen Auftritt der Ausgezeichneten müssen die Neugierigen bis nach Schulschluss warten. Im britischen Birmingham, übrigens. Dort lernt Malala heute. Zu Hause, in Pakistan, wäre das Mädchen, das es mit den Taliban aufgenommen hat, seines Lebens nicht sicher.

Voll Freude gratulierte Pakistans Premier Nawaz Sharif Malala und nannte sie „den Stolz Pakistans“. Andere Pakistaner aber reagieren verhaltener. Viele sehen die internationale Idealisierung der jungen Muslima mit Misstrauen. Sie glauben, dass der Westen die junge Frau instrumentalisiere. Und einige gar sehen in ihr eine Verräterin des reinen islamischen Frauenbildes. Malala sei „ein Idol für die Welt, aber eine Ausgestoßene zu Hause“, schrieb die „Express Tribune“.

Malala wurde am 12. Juli 1997 in der Stadt Mingora im Swat-Tal geboren. Ihr Vater Ziauddin Yousafzai benannte sie nach der paschtunischen Poetin und Volksheldin Malalai von Maiwand. Der Vater ist die treibende Kraft in diesem Kinderleben. Der Lehrer ist ein vehementer Gegner der Taliban und leidenschaftlicher Verfechter von Mädchenbildung. Er war es, der Malalas Karriere als Kinderaktivistin vorantrieb und Medienauftritte förderte. Als die Taliban das Swat-Tal besetzten und Mädchen den Schulbesuch verboten, schrieb die damals erst Elfjährige 2009 ein Internettagebuch für den britischen Sender BBC über das Leben unter dem Schreckensregime der Extremisten.

Zwar schrieb sie den Blog zunächst unter dem Pseudonym Gul Makai, doch als die Taliban aus dem Swat-Tal vertrieben waren, wurde mit Einverständnis des Vaters ihr richtiger Namen bekannt. Die „New York Times“ drehte eine Filmdokumentation über das Mädchen, das es wagte, den Terroristen die Stirn zu bieten. Am 9. Oktober 2012 schickten die Taliban deshalb ein Todeskommando. Die Täter lauerten Malala auf der Heimfahrt von der Schule auf und schossen ihr im Bus drei Kugeln in Kopf und Schulter. Über Tage rang Malala mit dem Tod. Er habe geglaubt, dass die Militanten sich nicht an Kindern vergreifen würden, sagte der Vater später.

Am 12. Juli 2013 sprach Malala vor der UN-Jugendversammlung: „Sie dachten, die Kugeln würden uns zum Schweigen bringen. Aber es ist ihnen nicht gelungen.“ Sie hat mit US-Präsident Barack Obama geplaudert und mit der britischen Königin - und alle beeindruckt.

Der 60-jährige Kailash Satyarthi dagegen ist bisher kaum über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. Dabei engagiert er sich seit Jahrzehnten gegen die Ausbeutung von Kindern und gehört zu den Gründern der Südasiatischen Vereinigung gegen Kindersklaverei. Seine Organisation Bachpan Bachao Andolan hat Tausende Kindersklaven befreit, unterrichtet und wieder eingegliedert.

Satyarthi war auch ein Vorreiter, der im Westen das Bewusstsein für fairen Handel schärfte. So begründete er das Siegel „Rugmark“ für Teppiche, die ohne Kinderarbeit hergestellt sind. „Er hat sich immer als Mahner gesehen und nie mit Vorwürfen an die Adresse der Arbeitgeber gezögert“, erinnert sich Dietrich Kebschull von der Stiftung Indo German Export Promotion an die Anfangsjahre bei „Rugmark“ mit Satyarthi. „Er war ein Ankläger und ist es geblieben.“ Zu Satyarthis heutigen Vorzeigeprojekten zählen 356 kinderfreundliche Modelldörfer, in denen alle Kinder bis 14 Jahre Zugang zu Bildung haben. Der Vater einer Tochter und eines Sohnes widmete den Preis „all jenen Kindern, die unter Sklaverei, Zwangsarbeit und Kinderhandel leiden“.

Zwei beeindruckende Menschen also teilen sich den Friedensnobelpreis. Und doch: Der übliche spontane Applaus blieb nach der Verkündung in Oslo aus. Viele Kritiker halten der Jury vor, konfliktscheu zu sein. Kristian Berg Harpviken, Chef des unabhängigen norwegischen Friedensinstitutes, meint den Grund zu kennen: Nachdem 2010 der chinesische Dissident Liu Xiaobo geehrt worden war, beklagten zahlreiche norwegische Unternehmen Probleme bei ihren Geschäften mit China. Nun würde die Jury sehr überlegen, bevor sie noch einmal mit einer Entscheidung aneckt.

Als Malala gestern Nachmittag endlich vor die Presse trat, sagte sie, es sei „eine Botschaft der Liebe“, dass der Preis an einen Hindu und eine Muslima aus zwei Ländern mit gespanntem Verhältnis gehe. Sie wolle sich nun eng mit Satyarthi koordinieren, denn: „Dies ist erst der Beginn meiner Arbeit, nicht das Ende.“ Satyarthi wiederum hatte schon am Vormittag festgestellt: „Ich kenne sie persönlich und ich werde sie anrufen und sagen: Lass uns zusammenarbeiten.“ Vielleicht hat das Nobel-Komitee an diesem Freitag ganz nebenbei mit dem Mädchen und dem Mann eine Allianz geschaffen, die das Leben von Millionen Kindern verändern kann.

Von Christine Möllhoff, WillI Germund und André Anwar

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Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi sind würdige und verdiente Preisträger, keine Frage. Doch das Nobelkomitee vermeidet es einzelne Politiker auszuzeichnen, denn keinem Staatenlenker ist ein entscheidender Beitrag zur Konfliktlösung zuzutrauen. Ein Kommentar von Marina Kormbaki.

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