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Holocaust-Veteran kritisiert US-Flüchtlingspolitik

"Wo bleibt das Mitgefühl?" Holocaust-Veteran kritisiert US-Flüchtlingspolitik

Die Grenzen in die USA sind zu? Der Holocaust-Überlebende Michel Margosis will sich damit nicht abfinden und protestiert gegen die strenge US-Flüchtlingspolitik.

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Springfield. Im Altenheim von Springfield arbeitet eine gebürtige Afghanin am Empfang, eine Irakerin in der Großküche und ein Jordanier als Wachmann. „Wir sind eine muntere Gemeinschaft. Hier ist immer etwas los“, sagt Michel Margosis. Der 87-Jährige lebt seit 17 Jahren in der gehobenen Wohnanlage im Norden Virginias. Über die unterschiedliche Herkunft der Mitarbeiter und Betreuer hatte sich der gebürtige Belgier bisher kaum Gedanken gemacht. Doch seit die Republikaner Stimmung gegen Flüchtlinge aus Syrien machen, zeigt sich der Mann überaus kämpferisch: „Ich weiß, was es heißt, Flüchtling zu sein. Das Schicksal dieser armen Menschen darf nicht zwischen die Mühlsteine der Politik geraten.“

Margosis ist ein Holocaust-Überlebender. Als 14-Jähriger entkam er nach jahrelanger Odyssee durch Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal nur knapp den Nazis. Auf seinen Vater hatte die Besatzungsmacht ein Kopfgeld ausgesetzt, da er als Journalist gegen die totalitäre Diktatur protestiert hatte.

Die jüdische Familie wurde durch die Flucht- und Kriegswirren über 13 Jahre getrennt. Erst Anfang der Fünfzigerjahre begegnete der junge Margosis seinen Eltern und seinen Geschwistern in Amerika wohlbehalten wieder. „Wir hatten unbeschreibliches Glück, dass wir den Deutschen entwischen konnten. Vielen unserer Freunde und Verwandten erging es schlechter.“ Trotz der traumatischen Erlebnisse auf dem alten Kontinent erscheint Margosis’ Wohnung noch heute wie eine kleine Insel europäischer Kultur: Mit Vorliebe hört der studierte Chemiker die Musik von Bach, Beethoven und Mozart. Aquarelle, die Pariser Straßenszenen zeigen, zieren die Wände. Nur an der Eingangstür steht ein klares Bekenntnis zu seiner neuen Heimat: die Stars-and-Stripes-Fahne.

„Amerika war immer ein großzügiges Land. Wir sollten diese Tradition in Ehren halten“, sagt Margosis. „Wo bleibt das Mitgefühl?“

Mit Widerwillen verfolgt der alte Mann die jüngste politische Entwicklung: 31 Gouverneure und mehrere Präsidentschaftsbewerber wollen nach den Attentaten von Paris sämtlichen syrischen Flüchtlingen den Weg in die Vereinigten Staaten versperren. Am vergangenen Donnerstag stimmte zudem die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus einem Gesetz zu, das einem Aufnahmestopp gleichkäme - falls es auch noch den Senat passieren sollte.

Präsident Barack Obama hatte sich vor Kurzem zaghaft dafür ausgesprochen, in den kommenden zwölf Monaten insgesamt gerade mal 10 000 Syrer aufzunehmen - also in etwa so viele Menschen, wie zurzeit an jedem Wochenende über die Grenze nach Deutschland kommen. Doch selbst das ist den Republikanern schon zu viel. „Senator Ted Cruz will die Grenzen schließen, obwohl sein eigener Vater aus Kuba flüchtete“, schimpft der Rentner.

Margosis, der sich wenige Jahre nach seiner Ankunft in Amerika freiwillig zum Einsatz im Korea-Krieg gemeldet hatte, hofft darauf, dass sich letztlich doch eine vernünftige Linie durchsetzt. Immerhin gebe es auch andere Stimmen in der „Grand Old Party“ - wie zum Beispiel die von Präsidentschaftsbewerber Jeb Bush. Der frühere Gouverneur von Florida lehnt es strikt ab, Schutzsuchende aus Syrien zu internieren, zu registrieren oder gar Moscheen zu schließen.

Streit um die Frage, welche Flüchtlinge ins Land gelassen werden, ist in dem Einwandererland seit jeher nichts Ungewöhnliches. Vor allem für Menschen aus Asien galt über Jahrzehnte ein faktisches Einreiseverbot. Und in den schicksalhaften Dreißiger- und Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts waren es insbesondere Juden, denen sich Amerika verschloss. Flüchtlingsschiffe wie die legendäre MS „St. Louis“ aus Hamburg, die 1939 mit mehr als 900 Juden an Bord in New York anlegen wollte, wurden nach hitzigen Debatten im Kongress abgewiesen und mussten nach Europa zurückkehren.

Der damalige Flüchtling Margosis zählte zu den Glücklichen, denen die Aufnahme 1943 dennoch gelang, da er als 14-Jähriger unter eine spezielle Schutzklausel fiel. Heute, 72 Jahre später, setzt er darauf, dass sich seine neue Heimat an die dunklen Kapitel erinnert. Auf seinen Krückstock gestützt, zitiert er aus dem Stegreif zwei Zeilen aus dem Gedicht von Emma Lazarus, das auf einer Tafel an der Freiheitsstatue in New York zu lesen ist: „Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren.“ Margosis findet, dass es an der Zeit ist, diesen Satz wieder zu beherzigen.

Sozialleistungen enden nach acht Monaten

70 000 Flüchtlinge pro Jahr: Die Republikaner wollen die Zäune höher ziehen – doch die aufgeheizte Debatte um ihre Forderungen wirft ein falsches Licht auf die amerikanische Flüchtlingspolitik. So haben die USA neben den regulären Einwanderern in den vergangenen 40 Jahren mehr als 3,5 Millionen Schutzsuchende aufgenommen. Pro Jahr sind es gegenwärtig 70 000.
Bevor sie die USA betreten dürfen, müssen die Flüchtlinge eine intensive Sicherheitsprüfung über sich ergehen lassen. Das Verfahren, das oft in Auffanglagern im Libanon, in Jordanien und der Türkei stattfindet, dauert zumeist 18  Monate – wobei die Hälfte der Bewerber abgewiesen wird. Sicherheitsexperten wie CIA-Chef John Brennan halten die Kontrollen zum Schutz der Bevölkerung für zwingend notwendig: „Wir dürfen nicht darauf verzichten, eine Balance zwischen Hilfsbereitschaft und Kontrolle zu halten.“
Anders als in Europa sind die finanziellen Hilfen für Flüchtlinge in den USA streng begrenzt: Die Sozialleistungen des Staates enden spätestens nach acht Monaten. Die Neuankömmlinge werden vom ersten Tag an aufgefordert, einen bezahlten Job anzunehmen. Das Ziel heißt: Integration durch Arbeit.

ko

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