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Schleust Deutschland heimlich Flüchtlinge ins Land?

Gerüchte im Netz Schleust Deutschland heimlich Flüchtlinge ins Land?

Angeblich schleust die Bundesregierung heimlich nachts Flüchtlinge ins Land, auch am Flughafen in Langenhagen. Gerüchte und Verschwörungstheorien kursieren. Was ist dran an den geheimen Landungen?

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Landen heimlich Flieger in Langenhagen? Dieses Gerücht kursiert im Netz - doch Belege dafür fehlen.

Quelle: Symbolbild

Langenhagen. Die Lage in Deutschland, im August 2016, sie ist scheinbar beängstigend. Im Schutz finsterer Nächte gelangen Zehntausende Flüchtlinge auf dem Luftweg nach Deutschland. Eingeschleust nicht von miesen Schlepperbanden, sondern heimlich, von der eigenen Regierung, von Merkel und ihren Leuten. Die Menschen landen in Chartermaschinen auf deutschen Flughäfen, auch in Langenhagen und sogar auf dem Fliegerhorst Wunstorf, der doch vorgeblich allein militärischen Zwecken dient. Es sind Flüge, die es offiziell nicht geben darf, die in Listen nicht auftauchen dürfen und auf Anzeigetafeln verschwiegen werden. Meist kommen sie aus der Türkei. Ziel der geheimen Luftbewegungen: Die Bevölkerung darüber täuschen, dass weiterhin Asylbewerber einreisen, obwohl öffentlich beschwichtigt und behauptet wird, die Zahlen der Flüchtlingen gingen zurück.

Diese Geschichte wird seit Tagen im Internet kolportiert. Nur: Sie stimmt nicht. Es gibt keine Belege für diese Gerüchte, Sprecher von Flughafen und Fliegerhorst sowie das Bundesinnenministeriums weisen Behauptungen zurück, Flüchtlinge würden in Nacht-und-Nebel-Aktionen nach Deutschland geholt. Dass solches Geraune dennoch schnell die Runde macht, zeigt indes, welchen Einfluss vage Artikel haben, wenn sie bei Lesern dazugehörige Weltbilder bedienen. Manche soziale Netzwerke nehmen dubioses Gebräu aus der Giftküche auf und spielen im Internet für ein empfängliches Publikum die Rolle von Brandbeschleunigern.

Es wurde geglaubt, was ins Weltbild passt

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Quelle des jüngsten Gerüchts ist die Online-Seite des Kopp-Verlags, bekannt für die Publikation von Verschwörungstheorien und rechtslastiger Sachbücher. Behauptet wurde, die Bundesregierung schleuse „Flüchtlingsmassen über Flughäfen ein“. Als Beleg dienten „mehrere Informanten“, darunter angeblich auch ein Mann aus Wunstorf. Eine Gegenrecherche ist aus dem publizierten Text nicht erkennbar. Die offensichtlich ungeprüften Behauptungen des Verlages, dessen Veröffentlichungen vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg gesichtet werden, zogen weitere Kreise. Sie wurden, ebenso ungeprüft wie ihre Originalversion, auf Facebook und Internetseiten durch mindestens rechtspopulistische Gruppen verbreitet. Reaktionen ihrer Leser fielen in einschlägigen Foren entsprechend aus. Es wurde geglaubt, was ins Weltbild passt, nur wenige zweifelten die Quellen an. Einige kamen auf die Idee, Flughäfen nachts selbst zu beobachten, andere meinten, solche Kontrollgänge würden nichts bringen, weil ja alles im Verborgenen abliefe. Wieder andere lieferten flugs eigene Beobachtungen nach, darunter von mehreren angeblichen Flüchtlingsfliegern, die während einer Nacht in Langenhagen gelandet sein sollen. Flugnummer, Landezeit, Herkunftsland und Flugsteig der doch geheimen Flüge inklusive.

Maschinen hatten ordnungsgemäße Flugnummern

Tatsache ist, dass diese Maschinen aus der Türkei wirklich in Langenhagen landeten. Sie hatten jedoch ordnungsgemäße Flugnummern, ihre Ankunftszeiten sind im Flugplan nachzulesen, einschließlich der Wochentage und Flugsteige. „Es waren Flüge von Turkish Airlines und Funexpress“, sagte eine Sprecherin des Airports jetzt. Diese Maschinen beförderten jedoch seit Jahren Touristen und nicht etwa Flüchtlinge.

Noch deutlicher wurde ein Sprecher der Bundeswehr. Zu den Gerüchten, in Wunstorf kämen Passagiermaschinen mit Flüchtlingen an und die Asylbewerber anschließend mit Bussen abtransportiert, sagte er: „Völliger Unsinn. Das ist gelogen.“ Als das Bundesinnenministerium wegen der sich vermehrenden Gerüchte Fragen zu angeblich geheimen Nachtflügen erreichten, schrieb es in einer Twitternachricht: „Der behauptete Sachverhalt trifft nicht zu.“ Der Flughafen Köln/Bonn, wo in einer Nacht angeblich elf Maschinen mit Flüchtlingen gelandet sein sollen, wies die Behauptungen gleichfalls zurück.

"Gleicht sich doch sehr der Sensationspresse an"

Das Gerücht aus dem Internet erreichte die Medien. Auch bei dieser Zeitung meldeten sich Leser und fragten nach, warum über die nächtlichen Einschleusungen nicht berichtet worden ist. Einige beriefen sich dabei auf Informationen aus „sehr guten Quellen“, und sie meinten Online-Material des Kopp-Verlags. Als die HAZ mit Lesern über die Rechercheergebnisse sprach, reagierten sie unterschiedlich. Eine Frau blieb trotz aller Dementis überzeugt, dass die Bundesregierung wie behauptet Asylbewerber einschleuse. Nachdenklicher zeigte sich ein Leser. Er sagte zu dem verbreiteten Gerücht: „Er gleicht sich doch sehr der Sensationspresse an, wenn so ein Bericht ohne Recherche veröffentlicht wird.“

Im Netz dagegen bleibt der Glaube vom Betrug am deutschen Volk bei denen beharrlich, die es schon immer gewusst haben. Einer schreibt in einem rechtsgerichteten Forum, wenn es offiziell Chartermaschinen voller Touristen seien, dann habe man eben zuvor Pässe „umetikettiert“, damit der Schwindel nicht auffliege. In seiner eigenen Verschwörungsblase lebt am besten, wer Fakten nicht zur Kenntnis nimmt. Hier enden wohl die Chancen der Aufklärung.

Es kommen Flüchtlinge – aber nicht heimlich

Auf dem Flughafen Hannover in Langenhagen kommen regelmäßig Flugzeuge mit Flüchtlingen an. Ganz offiziell. Darunter waren auch Maschinen, die einige der insgesamt 20 000 besonders schutzbedürftige Syrer nach Deutschland brachten, die Bundesregierung hatte dieses Programm 2013 aufgelegt. Manche Flüchtlinge wurden von politischer Prominenz begrüßt. Im März 2015 etwa erschien Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius auf dem Rollfeld. Damals landeten 179 Männer, Frauen und Kinder aus Syrien in Langenhagen. Im April 2016 kamen 16 syrische Flüchtlinge direkt aus der Türkei auf dem Airport an, sie profitierten vom Flüchtlingspakt, den die Europäische Union mit der Türkei vereinbart hat.

Der Flughafen ist jedoch auch Ort für Abschiebungen. So mussten im Dezember vergangenen Jahres 125 Menschen aus den Balkanländern Deutschland verlassen, ein Flugzeug brachte sie zurück in das Kosovo. 

„Ressentiments werden zu Meinungen“: So funktionieren Verschwörungstheorien

Ein Interview mit Tobias Jaecker. Der Autor beschäftigt sich seit Langem mit Verschwörungstheorien.

Herr Jaecker, die Amerikaner fliegen selbst ins World Trade Center, Juden streben die Weltherrschaft an, die Bundesregierung flutet das Land mit Flüchtlingen. Wie funktionieren Verschwörungstheorien?

Sie entstehen meist in Krisenzeiten. Wenn Menschen sich fragen, wer steckt hinter einer Entwicklung, die ihnen nicht gefällt, dann machen sie oft Personen oder Gruppen dafür verantwortlich, gegen die sie schon vorher Ressentiments gepflegt haben.

Sind Anhänger solcher Theorien durch Argumente zu erreichen?

Schwer. Fakten, die nicht ins Weltbild passen, werden ausgeblendet oder abgetan als Propaganda von Regierenden und der sogenannten Lügenpresse, die sich von offiziellen Stellen angeblich blenden lasse. Im Internet und unter Gleichgesinnten finden sich dann immer Meinungen, die eigene Sichtweisen bestärken.

Welche Rolle spielen Verschwörungstheorien für gesellschaftliche Debatten?

Ihr Einfluss wächst, weil sich im Internet für alle möglichen Behauptungen scheinbare Belege finden lassen. Sie verbreiten sich dort rasend schnell. Bei verunsicherten Menschen kann das dazu führen, dass Ressentiments bestimmter Gruppen plötzlich gesellschaftlich akzeptierte Meinungen werden. 

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