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Deutschland / Welt „Wir kennen einander nur noch als Feinde“
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00:31 02.08.2014
Gute Freunde: Der Palästinenser Yazid Shammout (l.) und der Jude Michael Fürst (r.) aus Hannover. Quelle: Surrey

Herr Shammout, Herr Fürst, Sie beide haben Verwandte oder Freunde in Israel oder den Palästinensergebieten. Haben Sie zu diesen derzeit Kontakt?
Shammout: Ich habe Familie in Gaza. Gerade habe ich mit meinem Cousin telefoniert. Er ist verzweifelt. Seine Frau ist mit den Kindern geflüchtet, er hat seit Tagen nichts von ihnen gehört. Heraus aus Gaza kann niemand - der Streifen ist ein großes Gefängnis. Die Verbindung war schlecht, die Israelis sollen Funkmasten bombardiert haben.
Fürst: Ähnliches höre ich von Bekannten aus Israel - wobei die Bedrohung für die Menschen in Gaza sicher existenziell ist.

Sie treten seit Jahren gemeinsam öffentlich auf; manchen gilt ihr Miteinander als Vorbild. Ist der Konflikt in Gaza nicht auch eine Zerreißprobe für Ihre Freundschaft?
Fürst: Wir haben Respekt voreinander, das ist die Grundlage. Ich verstehe die Trauer der Palästinenser, die nach 1948 ihr Land verlassen mussten. Es wäre wohl an der Zeit, dass Israels Politiker dazu eine Erklärung abgeben und Verantwortung übernehmen - nicht die Schuld, denn ich sehe die Ursache dafür nicht bei den Israelis. Mehrere arabische Länder wollten den neu gegründeten Staat gleich wieder vernichten.
Shammout: Aber selbstverständlich wurden meine Großeltern damals von zionistischen Banden aus Jaffa vertrieben! Der Kniefall Willy Brandts in Warschau hat Deutschland weitergebracht - für eine solche Geste Israels wäre es Zeit. Wir beide sind uns jedoch einig, dass es zwei Staaten geben muss - und dass der Konflikt nicht mit Waffengewalt gelöst werden kann.
Fürst: Der israelische Politiker Avraham Burg hat ein interessantes Modell vorgeschlagen: zwei Staaten auf der Basis gemeinsamer Zusammenarbeit, ähnlich wie die EU. Ein Fehler, sagt er, liegt darin, dass wir gar nicht mehr wissen, wie ein Palästinenser aussieht - wir kennen einander nur noch als Feinde. Zwischen uns beiden ist das anders, wir sind Freunde.

Wäre das auch so, wenn Sie beide nicht hier lebten, sondern in Israel?
Shammout: Ich möchte es nicht ausschließen.

Auslöser der jüngsten Eskalation im Nahen Osten war der Mord an drei israelischen Jugendlichen nach deren Entführung in Hebron. Warum waren diese überhaupt dort, im Westjordanland? Warum setzen israelische Eltern ihre Kinder solchen Gefahren aus?
Fürst: Es waren Kinder von Siedlern. Über die israelische Siedlungspolitik lässt sich gewaltig streiten, sie ist wohl ein Hemmschuh für den Frieden. Wäre ich israelischer Familienvater, würde ich nicht in Hebron siedeln. Unabhängig davon ist der Mord an Jugendlichen natürlich ein bedrückendes Verbrechen.
Shammout: Ich denke wie Michael Fürst: Jeder Tote bringt die Region weiter weg vom Frieden. Aber die Ermordung der drei jungen Israelis war ohnehin nur ein Auslöser. Israel lässt sich seine Politik inzwischen von radikalen Siedlern bestimmen. Als wir beide vor einigen Wochen mit Ministerpräsident Stephan Weil in Israel waren, spürte man bereits, wie angespannt die Lage war.

Herr Fürst, Hunderte Palästinenser, meist Zivilisten, haben in den vergangenen Wochen in Gaza den Tod gefunden. Was sind überhaupt die Ziele der Israelis dort?
Fürst: Sie wollen die Kampfkraft der Hamas schwächen, die in den vergangenen Jahren enorm gewachsen ist, und die Versorgungstunnel finden. Beides erscheint mir angesichts der Angriffe der Hamas auf Israel auch berechtigt.
Shammout: Die Raketen der Hamas sind in den Medien sehr präsent. Ich würde dennoch sagen, Israel hat diesen Angriff begonnen. Die Entwaffnung der Hamas wird nicht funktionieren. Denn sie wird unterstützt von den völlig verzweifelten, perspektivlosen Menschen. Und Verzweifelte neigen zu Verzweiflungstaten.
Fürst: Du hast recht, die Verzweiflung dort ist groß. Das ist aber nicht allein die Schuld der Israelis. Warum gibt man dort Milliarden Dollar aus Katar und dem Iran für Waffen aus und nicht für die Versorgung von Menschen?
Shammout: Moment, das ist ja nicht so. Und in der Vergangenheit hat die israelische Marine Hilfskonvois beschossen. Auch die Tunnel dienen ja nicht nur zum Waffenschmuggel: In Gaza kann man online bei Kentucky Fried Chicken in Rafah etwas zu essen bestellen, das dann durch Tunnel geliefert wird. Es kostet das Dreifache, und die Pommes sind labberig, wenn sie ankommen. Die Tunnel brechen eben auch die Situation des Eingepferchtseins in Gaza auf.

Warum wird die militärische Auseinandersetzung so kompromisslos geführt?
Shammout: Israel hat die militärische Stärke der Hamas völlig unterschätzt. Inzwischen geht es auch ums politische Überleben von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Beide können sich keine Kompromisse leisten. Ein anderer Grund ist, dass Israel immer weiter Siedlungen gebaut hat …
Fürst: … die meist nur auf dem Papier entstanden sind oder Erweiterungen bestehender Siedlungen waren!
Shammout: Das stimmt nicht, und Israel konnte weiterbauen, ohne irgendeinen Preis dafür zu bezahlen. Das hat sich jetzt geändert. Kürzlich musste der Flughafen zeitweise geschlossen werden, Wirtschaft und Tourismus brechen ein. Israel bezahlt jetzt einen Preis. Das verschafft der Hamas Zuspruch. Anders als du meine ich, dass man mit ihr wird verhandeln müssen.

Ist es nicht ein Grunddilemma dieses Konflikts, dass Gewalt den Akteuren zu Anerkennung verhilft?
Shammout: Ich sehe nicht, dass Palästinenser gewalttätig geworden sind - die Israelis bombardieren Gaza.
Fürst: Zuvor sind Hunderte von Raketen auf Israel geschossen worden, und Israel hat nichts getan. Dass der Staat seine Bürger schützen will, ist doch wohl legitim. Die eigentliche Bedrohung ist der Raketenbeschuss.
Shammout: Das sehe ich anders. Seit fast 20 Jahren gibt es Verhandlungen, bei denen die Israelis immer auf Zeit spielen, während der Siedlungsbau weitergeht. Israel erkennt Palästina nicht als selbstständigen Staat an …
Fürst: … und die Hamas Israel nicht als jüdischen Staat.
Shammout: Gleichwohl ist die Hamas gewählt worden.

Ziel der Hamas ist die Vernichtung des jüdischen Staates, allein 2014 wurden von Gaza aus mehr als 2400 Raketen abgeschossen. Sind dort nun Terroristen an der Macht, Herr Shammout?
Shammout: Wenn ein Terrorist jemand ist, der Raketen auf Unschuldige schießt, müssten auch die Israelis als Terroristen gelten - denken Sie an den Beschuss der UN-Schule durch israelische Truppen.
Fürst: Grundsätzlich ist es ein Fehler, Gespräche zu verweigern. Israel als stärkere Macht sollte zu einem Vergleich bereit sein. Um Kompromisse zu finden, bräuchte es einen starken Führer, doch Israels Regierungskoalition ist schwach.

Sie beide sind keineswegs einer Meinung und treten doch immer wieder gemeinsam auf. Trägt Ihnen das nur Sympathie oder auch Anfeindungen ein?
Fürst: Wir beide bekommen fast nur positive Reaktionen. Gemeinsam haben wir erreicht, dass es bei Protesten gegen den Gaza-Krieg in Hannover keine dramatischen antisemitischen Bekundungen gab.
Shammout: In der deutschen Gesellschaft wird unsere Zusammenarbeit geradezu bejubelt, in Israel und Palästina auch. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass einige Palästinenser Kritik hinter vorgehaltener Hand äußern.

Bei Demonstrationen waren jetzt Parolen wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ zu hören ...
Fürst: Überwiegend aber nicht von Palästinensern. Solche Sprüche wird man nie ganz verhindern können, aber man kann sie reduzieren.

Das klingt, als hielten Sie die Aufregung über diese Vorgänge für zu groß.
Fürst: Das nicht, aber es ist Unfug zu sagen, Deutschland wäre wieder antisemitisch. Dennoch ist es wichtig, in den Schulen dagegen anzugehen. In Deutschland leben heute Millionen Muslime. Der Holocaust gehört nicht zu ihrer Geschichte. Die Schulen müssen darauf hinwirken, dass alle Menschen Antisemitismus als Bedrohung erkennen. Auch muslimischer Antijudaismus ist eine Gefahr.
Shammout: Andererseits darf Kritik an Israel nicht sofort mit Antisemitismus gleichgesetzt werden. Kritik an der Politik Israels ist legitim. Und sie kann sich und muss sich klar vom Antisemitismus abgrenzen. Leider wird diese Unterscheidung auch von deutschen Politikern aus Feigheit oft nicht getroffen - mit dem Effekt, dass muslimische Jugendliche dann sagen, „die Juden“ würden jede Kritik an Israel als antisemitisch unterbinden. Wenn israelische Soldaten eine UN-Schule beschießen, sollte die Bundesregierung protestieren, wie in anderen Fällen auch.
Fürst: Auch, wenn dort Waffen liegen?
Shammout: Wir haben auch erlebt, dass gezielt palästinensische Kinder am Strand beschossen wurden, die garantiert unbewaffnet waren.

Herr Fürst, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sagt, Juden erlebten in Deutschland derzeit „die bedrohlichste Zeit seit 1945“. Würden Sie dem zustimmen?
Fürst: Das halte ich für weit übertrieben, da sind wohl die Maßstäbe verrutscht.
Shammout: In Hannover zumindest ist es Michael und mir gelungen, den Konflikt zu entschärfen. Ich widerspreche sofort, wenn mir irgendwo Antisemitismus begegnet. Und das soll auch so bleiben.

Interview: Volker Goebel, Daniel Alexander Schacht und Simon Benne

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