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Deutschland / Welt Gewaltsame Zusammenstöße bei Pegida-Jahrestag
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10:44 20.10.2015
Pegida-Aufmarsch vor der Oper: Bis zu 20.000 Demonstranten sind gekommen. Quelle: dpa
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Dresden

Die bange Frage, die seit Tagen viele deutsche Politiker plagt, war die: Würde es die islamfeindliche Pegida-Bewegung zu ihrem einjährigen Jubiläum schaffen, noch mehr Menschen auf die Beine zu bringen? Am späten Montagabend wurde klar: Offenbar sind bis zu 20.000 Menschen dem Aufruf der Fremdenfeinde vor die Semperoper gefolgt, das wären deutlich mehr als vergangene Woche. Aber Dresden ist auch voll von Gegendemonstranten. Da gibt es die bürgerlichen Pegida-Gegner, die unter dem Motto „Herz statt Hetze“ auftreten und für Toleranz und Völkerverständigung werben – und es gibt gewaltbereite Linksradikale, die ebenfalls zur Stelle sind.

Die angespannte Situation entlud sich am Montagabend in gewaltsamen Rangeleien. Laut einem Polizeisprecher flogen Böller. Pegida-Gründer Lutz Bachmann und rechtspopulistische Politiker aus europäischen Ländern machten in Redebeiträgen Stimmung gegen den Zuzug von Flüchtlingen. Laut einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ wurde ein Pegida-Anhänger mit einer Eisenstange schwer verletzt. Später ist gar von Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei die Rede.

Über eine Stunde sprachen Redner von der Pegida-Bühne davon, dass Angehörige anderer Länder angeblich besser behandelt werden als Einheimische. Die Anhänger skandieren „Widerstand“. Videos werden gezeigt. Neben vielen Deutschland-Fahnen werden auch Flaggen gezeigt, die ein Philippuskreuz in Schwarz-Rot-Gold zeigen.

Die Fahne war ein Entwurf für eine künftige deutsche Nationalflagge nach dem Ende des NS-Regimes, erdacht von dem Christdemokraten Josef Wirmer. Die Pegida-Sympathisanten bedienen sich hier also einer historischen Symbolik ohne rechtspopulistische Ideologie. Wie Reporter berichteten, war der Gegenprotest gegen Pegida deutlich größer, als erwartet worden war. Unter dem Motto „Herz statt Hetze“ hatte ein breites Bündnis dazu aufgerufen, sich dem Fremdenhass entgegenzustellen. Mindestens 14 000 Gegendemonstranten zogen nach einer Schätzung der studentischen Gruppe „Durchgezählt“ aus verschiedenen Richtungen sternförmig in die Altstadt. Allein bei einem Demonstrationszug, der von der Technischen Universität startete, hatten sich nach Angaben der Veranstalter mehr als 5000 Menschen versammelt.

An der Kathedrale in der Altstadt begegneten sich Pegida-Anhänger und Gegendemonstranten in Sicht- und Hörweite. Die sächsische Polizei war nach den Worten von Innenminister Markus Ulbig (CDU) auf einen Großeinsatz vorbereitet: „Wir sind mit mehr als 1000 Beamten im Einsatz, wir haben die Hilfe von sechs Bundesländern und der Bundespolizei.“

Beim Abzug von Pegida-Anhängern ist es nach der Kundgebung in Dresden zu brenzligen Zwischenfällen gekommen. Als die Polizei versuchte, eine Demonstration von Pegida-Gegnern zurückzudrängen, wurde sie von hinten mit Pyrotechnik angegriffen. Mehrere Böller wurden auf Polizisten geworfen. Ob es Verletzte gab, war zunächst unklar. Innenminister Ulbig zeigte sich im Vorfeld erfreut über die hohe Zahl von Gegendemonstranten.

Die sächsische Staatsregierung hatte alle Demonstrationsteilnehmer zu Gewaltlosigkeit aufgerufen. Mehrere Mitglieder der Regierung beteiligten sich an den Gegenprotesten. Die Semperoper empfing das Pegida-Bündnis mit einer elektronischen Leinwand. Im Wechsel hieß es dort: „Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass“ und „Wir sind keine Kulisse für Intoleranz“. Viele Mitarbeiter des Opernhauses reihten sich beim Anti-Pegida-Protest ein.

Die Semperoper wollte am Abend – wie auch zahlreiche andere Dresdner Kultureinrichtungen – das Licht löschen, um Pegida im Dunkeln stehen zu lassen. Außerdem sollten auf der Leinwand Texte für ein weltoffenes Dresden zu lesen sein. Grünen-Chefin Simone Peter rief bei einer Kundgebung auf dem Altmarkt dazu auf, die Flüchtlinge in Deutschland als Bereicherung zu sehen. Ein Vertreter der Gruppe „Chemnitz Nazifrei“ erklärte: „Pegida lässt auch andere rechte und rechtsextreme Gruppen erstarken.“

Von Jürgen Kochinke und Martin Fischer

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