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Deutschland / Welt Darf Glyphosat noch aufs Feld?
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00:15 21.05.2016
„Wie so oft kommt es auf die richtige Dosierung an“: Ein Weinbauer in Baden-Württemberg bringt Pflanzenschutzmittel auf.
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Berlin/ Hannover

Landwirt Thomas Stadler ist stolz auf die Qualität seines Bodens. Auf dem Lösslehm bei Alfeld (Kreis Hildesheim) wachsen Weizen, Raps, Dinkel, Hafer, auch Zuckerrüben, „das ganze Spektrum“, sagt Stadler. Doch um die hügeligen Felder bewirtschaften zu können, greift Stadler auf ein umstrittenes Mittel zurück: den Unkrautvernichter Glyphosat. „Keiner nimmt es gerne“, sagt Stadler, „aber bei uns ist es unvermeidlich.“ Denn ohne Glyphosat müsste er öfter pflügen, und dann droht die Erde von den Feldern in Hanglage vom Regen weggewaschen zu werden.

Landwirte verunsichert

Ein Konflikt, in dem sich viele Landwirte befinden. Denn Glyphosat ist seit seiner Einführung im Jahr 1970 zum meistverkauften Pflanzenschutzmittel geworden. In Deutschland wurden 2012 sechs Millionen Kilogramm des Wirkstoffs ausgebracht. Das Unkrautgift ist damit fast allgegenwärtig. 91 Chemieunternehmen in 20 Ländern produzieren Glyphosat. Allein in China gibt es 53 Hersteller, in Indien neun und in den USA fünf.

Ein allgegenwärtiges Mittel, das sich nicht nur auf Feldern findet. Rückstände des Herbizids gibt es in Tierfutter, Brot, Bier, Saft und sogar in der Milch junger Mütter. Bei der bisher weltweit größten Untersuchung von Glyphosat-Rückständen in der Bevölkerung wurde 2015 in Deutschland festgestellt, dass nur acht von mehr als 2000 Urinproben keine Spuren des Wirkstoffs aufwiesen.

Und wo sie gefunden wurden, da meist in hoher Konzentration: „Mein Urin enthält 20-mal so viel Glyphosat wie das Bundesamt für Risikobewertung für Trinkwasser erlaubt“, schreibt der Europa-Abgeordnete Sven Giegold auf Twitter. Für 85,68 Euro hat er einen Selbsttest machen lassen und veröffentlichte gestern das Ergebnis: 1,7 Nanogramm pro Milliliter. Für Trinkwasser sind in der EU 0,1 Nanogramm erlaubt.

Jahrzehntelang galt Glyphosat als unbedenklich: Ein Mittel, das gezielt eingesetzt werden kann und sich schnell abbaut. Es wurde auf Felder gesprüht, nicht nur um Unkraut zu vernichten, sondern auch, um die Ernte zu erleichtern. Bahndämme wurden von Unkraut ebenso freigehalten wie Spielplätze und öffentliche Grünflächen.

Doch vor einem Jahr wurde diese Gewissheit endgültig erschüttert, als die Internationale Behörde für Krebsforschung (IARC), die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehört, erklärte, sie halte Glyphosat für „wahrscheinlich krebserregend“ – die zweithöchste Warnstufe. Am Montag dieser Woche veröffentlichte die WHO dann eine Stellungnahme, die viele überraschte: Darin erklärte sie, dass der Einsatz von Glyphosat in geringen Dosen für Menschen kein Krebsrisiko darstelle.

Um Glyphosat ist ein Glaubenskrieg entbrannt, wie er zuletzt um die Wurst tobte, als eine Studie dem liebsten Lebensmittel der Deutschen attestierte, krebserregend zu sein. In dieser Woche muss voraussichtlich die Bundesregierung im zuständigen EU-Ausschuss in Brüssel über die Verlängerung einer Genehmigung für das Mittel entscheiden. Die Frage lautet: Wie geht es weiter mit der Zukunft des Herbizids? Bis Ende Juni muss die EU-Kommission entscheiden, ob Glyphosat in der EU für weitere sieben Jahre zugelassen oder doch verboten wird.

"Safety first, Gesundheit first"

War die Haltung der Bundesregierung bis vor Kurzem noch einheitlich für Glyphosat, löste Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vor wenigen Tagen einen handfesten Koalitionskrach aus. In letzter Minute stemmte sich die SPD-Politikerin gegen eine Zulassung und brachte damit Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) gegen sich auf. SPD-Chef und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprang ihr gestern bei. „Ich bin dagegen, dieses Produkt überhaupt zuzulassen, solange diese Zweifel nicht ausgeräumt sind. Ich bin der Meinung: Safety first, Gesundheit first.“ Schmidt hingegen warnt vor Milliarden-Verlusten für die Landwirtschaft und beklagte eine „Rolle rückwärts“ der Kabinettskollegen. Beide stützen sich auf die WHO. Die Verwirrung wird immer größer. Doch wer von beiden hat Recht?

„Beide“, sagt Heidi Foth, Professorin für Umwelttoxikologie an der Universität Halle-Wittenberg. Die Wissenschaftlerin von der Gesellschaft deutscher Chemiker mahnt zu mehr Sachlichkeit. Laut Foth gibt es nur eine einzige WHO-Studie, die unterschiedliche Interpretationen zulässt. Und die habe an Ratten festgestellt, dass Glyphosat unter gewissen Umständen eine bestimmte Tumor-Art begünstigen könnte. Wobei die Betonung auf dem Wort „könnte“ liege. Die Ergebnisse seien insgesamt derart vage und unpräzise, dass daraus keine verbindliche Aussage abgeleitet werden könne. Foth rät, den Wirkstoff zuzulassen, bei der Anwendung jedoch strengere Vorschriften anzulegen. „Wie so oft kommt es auf die richtige Dosierung an“, erklärt die Wissenschaftlerin. Gehe es nur um die Bekämpfung von Unkraut, sei Glyphosat unbedenklich. Mit Blick auf die Urinproben des Grünen-Europa-Abgeordneten Giegold sagt die Hochschullehrerin: „Harn ist ein konzentrierter Ausscheidungsstoff. Alles andere als ein erhöhter Wert hätte mich schwer verwundert.“

Heftige Debatte in Niedersachsen

Auch in Niedersachsen war eine heftige Debatte um Glyphosat entbrannt. Die Landesregierung untersagte den Einsatz des Mittels auf öffentlichen Plätzen, forderte ein Verkaufsverbot für Privatleute und wandte sich gegen die erneute Zulassung auf EU-Ebene. Daran habe sich auch durch die aktuelle Einschätzung der WHO nichts geändert, sagte Umweltminister Stefan Wenzel der HAZ: „Unterschiedliche Bewertungen der Risiken hat es auch schon in der Vergangenheit gegeben.“ Eine erneute Zulassung des Mittels in der EU sei bei dieser Unsicherheit nicht vertretbar.

So argumentiert auch Britta Schautz, Ernährungswissenschaftlerin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen: „Wir befürworten weiterhin ein Verbot von Glyphosat, da immer noch nicht klar ist, welche Risiken bestehen. Es gibt immer noch Zweifel.“

Umstrittenes Mittel

Auch unter Landwirten ist das Mittel umstritten: Arnd von Hugo aus Groß Munzel (Region Hannover) hält Glyphosat für das kleinere Übel: Bei einem Verbot müsste er auf andere Mittel zurückgreifen oder seine 600 Hektar öfter umpflügen, was Zeit koste und durch den Dieselverbrauch auch die Umwelt belaste. Glyphosat sei Bestandteil eines Systems, das immer billiger produzieren wolle – und gehöre verboten, sagt dagegen Gertraud Gafus, Bäuerin aus Bayern und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).

Mitte dieser Woche wollen die EU-Mitgliedstaaten abstimmen. Frankreich, Italien und Schweden sind gegen die Zulassung. Bulgarien, Griechenland, Luxemburg, Malta, Österreich und Slowenien erwägen eine Enthaltung. Wenn es keine Mehrheit gibt, könnte die EU-Kommission das Stimmergebnis ignorieren und Glyphosat durchwinken.

Von Jörg Köpke,
 Heiko Randermann 
und Detlef Drewes

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