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Der große Sieg der Nein-Sager

Griechenland-Referendum Der große Sieg der Nein-Sager

Die Griechen feiern stolz ihre klare Absage an die Sparpolitik der EU – und wollen Europa nun mit neuem Selbstbewusstsein gegenübertreten. Berlin-Korrespondentin Marina Kormbaki berichtet aus Athen.

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Die ersten Ergebnisse des Referendums verbreiteten sich wie ein Lauffeuer – und sofort strömten Anhänger des Syriza-Lagers auf den zentralen Syntagma-Platz, um den Sieg der Nein-Sager zu feiern. 

Quelle: dpa

Athen. Die Wahllokale hatten gerade erst geschlossen, da strömten die Ersten schon auf den Syntagma-Platz. Hunderte, Tausende, von allen Seiten. Es war nicht Siegesgewissheit, die die Menschen noch während der Stimmenauszählung vor das Athener Parlament trieb. Eher war es Hoffnung, Zuversicht. Schließlich konnten sie in den zurückliegenden Tagen keinen Moment lang sicher sein, dass am Ende jene in der deutlichen Überzahl sein würden, die für einen grundlegenden Kurswechsel im Umgang mit ihrem schuldengeplagten Land eintreten und dafür selbst den Bruch mit dem Rest Europas zu riskieren bereit sind.

Die griechischen Medien, allen voran die privaten Fernsehsender, schürten Ängste und warben für ein Ja ohne Einschränkung zum Referendum. Die Nein-Befürworter fanden sehr viel weniger Beachtung. Und die mahnenden Einwürfe von Finanzminister Wolfgang Schäuble, von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hallten in Athen nach, als wäre die Stadt ein blecherner Resonanzkessel. Am Ende hat die Einmischung von außen womöglich gerade das bewirkt, was sie doch verhindern wollte.

„Europa muss endlich verstehen, dass es keine Politik gegen seine Völker betreiben kann. Wir haben genug ausgestanden in den letzten fünf Jahren“, sagt eine der Feiernden, Adriana heißt sie. „Wir haben nicht gegen den Euro gestimmt, sondern für Selbstbestimmung.“ „Ein Ja beim Referendum käme doch der Forderung nach mehr Kürzungen, nach noch mehr Leid gleich“, sagt ihr Freund Dimitris. Er wird von einem der Organisatoren unterbrochen, der durch ein Megafon ruft: „Wir wollen heute feiern – aber denkt daran: Wir feiern mit griechischen Weinen und griechischem Bier.“ „Nai“, rufen da einige, ja. Vielleicht zum ersten Mal seit Tagen.

Viele Beobachter hatten erwartet, dass die zurückliegende Woche der geschlossenen Banken, die Bilder von Rentnern, die in der Mittagssonne vor Geldhäusern anstehen, um 120 Euro ihrer Rente ausgezahlt zu bekommen, einen Keil treiben würde zwischen die Griechen und Regierung. Doch offenbar sind viele derselben Ansicht wie Premier Alexis Tsipras, der meint, dass die Bankenschließung der Versuch der internationalen Gläubiger war, Einfluss zu nehmen auf den Ausgang des Referendums. „Geschlossene Banken schrecken uns nicht“, sagt Irini, eine freudestrahlende 20-Jährige. „Wir haben doch längst gelernt, mit wenig Geld auszukommen.“

Mit seiner Ehefrau und den zwei Kindern ist auch Kostas Angelisam Sonntagabend auf den Syntagma-Platz geeilt. Am Mittag, als sie den Tisch deckte, hatte seine Frau Evanthia noch gesagt: „Wenn alles gut geht, feiern wir heute Abend auf dem Syntagma-Platz.“ Es gab Spaghetti mit ein wenig Fleisch, Pita, dazu ein Bauernsalat. Kein sehr besonderes Mahl, und doch war die Stimmung bereits zu diesem Zeitpunkt festlich. Kostas sprach das Tischgebet. Und wurde wohl erhört.

Griechenlands Antwort lautet also Nein. Doch was war eigentlich die Frage?

Es gehe um die Zukunft eines jeden Griechen, hatten Politiker und Medien vor dem Referendum gewarnt. Was allerdings eine recht freie Interpretation der Zeilen auf dem Stimmzettel war. Von Sparvorschlägen der internationalen Gläubiger Griechenlands war da die Rede, die jedoch Teil eines längst ausgelaufenen Kreditpakets waren. Details, zu vernachlässigbar, so meinten viele.
Beide Konfliktparteien überhöhten das Referendum zur Existenzfrage: Die Nein-Fraktion, repräsentiert von Premier Alexis Tsipras, sah sich vor die Wahl gestellt, ob sie ein Leben in Würde oder eines in Knechtschaft führen will. Die Ja-Fraktion, vertreten von den Parteien der politischen Mitte und auch von einer großen Mehrheit des politischen Personals in Europa, verwandelte die Abstimmung in ein Bekenntnis für Griechenlands Mitgliedschaft im Euro-Raum, gar in der EU. Es waren Tage, in denen Griechenland nur Entweder-Oder kannte.

„Was Europa mit uns macht, nennt man Erpressung“, sagt Kostas Angelis. Er sagt es auf Deutsch, Silbe für Silbe, „Er-pres-sung“.
Kostas und seine Frau Evanthia entsprechen kein bisschen dem Klischee vom radikallinken Syriza-Wähler. Sie arbeiten nicht am Umsturz des Systems, sondern im öffentlichen Dienst. Beide sind Lehrer für Religion. Kostas hat in den achtziger Jahren in Bonn studiert und in Marburg an der Uni gelehrt. Vor zehn Jahren kamen er und seine Frau abermals nach Deutschland, ihre Kinder wuchsen dort auf. Kostas und Evanthia wären gern länger in Deutschland geblieben, doch der griechische Staat lässt seine Lehrer nur fünf Jahre im Ausland unterrichten. Außer, man kennt wen, der wen kennt, aber Kostas ist nicht der Typ dafür. Er sagt: „Ich gehöre keiner Partei an, ich gehe keine krummen Wege.“
Also kehrten sie 2011 zurück nach Griechenland. Da nahm die Krise im Land so richtig Fahrt auf. Massentlassungen, Gehaltskürzungen, aber immerhin: Kostas und Evanthia haben Arbeit. Zusammen kommt das Lehrerpaar auf 2000 Euro im Monat. Solide Mittelschicht. Oder nicht?

„Zählen Sie jemanden zur Mittelschicht, der sich seit sieben Monaten kein Buch mehr leisten konnte?“, fragt Kostas zurück. Er listet auf: 750 Euro gehen im Monat für die Wohnung drauf, 110 für Strom, unter 50 Euro sei im Supermarkt angesichts der hohen Importkosten kein Einkauf zu machen. Er fährt einen 20 Jahre alten Polo, der dringend mal in die Werkstatt müsste, aber dafür ist kein Geld da, keine Rücklagen, nichts Erspartes. Glücklicherweise hat sein Sohn Jiorgos eine wohlhabende Patentante auf Zypern. Sie schickt dem Jungen Geld, von dem er am Monatsende seinen Eltern etwas leiht.

„Das Schlimmste aber ist“, sagt Kostas, „dass wir seit fünf Jahren nichts als schlechte Nachrichten hören. Diese Angst macht krank. Das muss aufhören, und ich traue Alexis Tsipras zu, dass er diesen Zustand beenden kann.“
Die Frage des Referendums mag nun beantwortet sein. Eine andere stellt sich jetzt aber drängender denn je: Das Referendum hat einen tiefen Spalt in die griechische Gesellschaft getrieben – und offen ist nun, wie dieser Riss zwischen den Nein- und den Ja-Sagern irgendwann wieder geschlossen werden kann.

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Serie "Griechische Woche"

Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Rentner, Lehrer und Studenten in Griechenland, während die Mächtigen Europas über die Zukunft ihres Landes entscheiden? Reporterin Marina Kormbaki ist eine Woche vor Ort und berichtet täglich aus dem Alltagskrimi. Heute: "Wir haben die Wahl zwischen Nichtstun, Klauen und Drogenhandel" – Flüchtlinge in Athen.

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Von Redakteur Marina Kormbaki

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