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Aus der Bahn geworfen

Möglicher Grexit Aus der Bahn geworfen

Die griechische Staatspleite rückt immer näher - und damit auch das Euro-Aus für Griechenland. Wie genau könnte der Grexit ablaufen? Was passiert dann in Europa? Ein Überblick über drängende Fragen und mögliche Entwicklungen.

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Welche Folgen hätte ein Grexit für Europa und Griechenland?

Quelle: Shutterstock

Es hat schon viele „Tage der Entscheidung“ in der griechischen Schuldenkrise gegeben. Es war schon mehrfach „fünf vor zwölf“. Doch tatsächlich ist die Zuspitzung, die der Streit zwischen der griechischen Regierung und ihren Gläubigern zurzeit erfährt, besonders heikel. Am 30. Juni läuft das Kreditprogramm für Griechenland aus. Die Euro-Länder, die Europäische Zentralbank (EZB) und der Internationale Währungsfonds (IWF) halten die letzte Tranche von 7,2 Milliarden Euro zurück - Geld, das Griechenland erst erhalten soll, wenn es sich in einer Parlamentsabstimmung verbindlich zu Reformen bekennt. Der Überweisung muss aber auch jeder Euro-Staat zustimmen. Die Zeit für eine Einigung drängt, zumal ebenfalls am 30. Juni Athen eine Tilgungsrate von rund 1,6 Milliarden Euro an den IWF überweisen muss.

Ganz gleich, was beim Treffen der Regierungschefs der Euro-Länder heute Abend in Brüssel herauskommt - Griechenland steht ein turbulenter Sommer bevor. Kein Szenario erscheint mehr ausgeschlossen. Welche Folgen aber hätte der viel beschworene Grexit, der Euro-Austritt Griechenlands? Ein Überblick über drängende Fragen und mögliche Entwicklungen.

Worüber wird gestritten?
Die griechische Regierung ließ am Wochenende verlauten, läppische 450 Millionen Euro würden Athen und seine Gläubiger noch von einer Lösung im Schuldenstreit trennen. Das ist nicht falsch, aber doch arg verkürzt. Kern der Verhandlungen ist der Primärüberschuss des Landes - also das Geld, das nach Abzug von Zins- und Tilgungszahlungen für die angehäuften Schulden in der Staatskasse verbleibt. Man ist sich einig, dass Griechenland in diesem Jahr einen Primärüberschuss von einem Prozent seiner Wirtschaftsleistung erreichen soll - offen ist aber, wie das gelingen kann. Die Gläubiger verlangen Reformen im Rentensystem und bei der Mehrwertsteuer. Frühverrentungen sollen erschwert und das Rentenalter heraufgesetzt, günstige Mehrwertsteuersätze etwa bei Arzneien und Strom gestrichen werden. Aus Sicht der Linksregierung in Athen sind das Tabus: Frühverrentungen seien für viele Griechen die einzige Alternative angesichts der hohen Arbeitslosigkeit; Arbeitslosengeld wird maximal ein Jahr gezahlt, Sozialhilfe gibt es nicht, viele Ältere unterstützten mit ihren Renten Kinder und Enkel. Und höhere Mehrwertsteuersätze würden Bedürftige hart treffen.

Was, wenn es bis 30. Juni keine Einigung gibt?
Am 30. Juni endet das bereits im Januar dieses Jahres verlängerte zweite Kreditprogramm. Danach dürften die EU, EZB und der IWF kein Geld mehr an Athen überweisen. Theoretisch. „Ich gehe davon aus, dass in der bevorstehenden Verhandlung der 30. Juni keine harte Deadline sein wird“, sagt Prof. Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Dass also das auslaufende Rettungsprogramm verlängert wird, um weitere Zeit für Minimalkompromisse zu gewinnen. Der EZB fällt in dieser Zeit die größte Bedeutung zu: Sie ist es, die mit Notkrediten in Höhe von bisher 90 Milliarden Euro die griechischen Banken noch über Wasser hält. Es gab zuletzt Hinweise darauf, dass die EZB ihnen weiterhin Kredite gewähren wird.“ Allerdings haben die Griechen in den vergangenen Tagen ihre Konten geleert. „Das bringt die EZB in Bedrängnis“, sagt der Ökonom Kritikos. „Daher ist es nicht auszuschließen, dass sie schon bald aus Selbstschutz die Reißleine zieht und die Notkredite nicht unbegrenzt verlängert.“

Kommt der Grexit über Nacht?
Die EU-Verträge sehen den Ausschluss eines Mitglieds aus dem Euro-Raum nicht vor. Allerdings kann ein Zahlungsausfall Griechenlands sehr wohl Fakten schaffen, die einem Euro-Austritt nahekommen. Nicht mehr ganz unwahrscheinlich: Falls Athen auch nach Ablauf einer zweiwöchigen Mahnungsfrist die Tilgungsraten nicht an den IWF überweist, erklärt es sich damit für zahlungsunfähig - und der EZB ist es fortan verboten, Kredite an griechische Banken zu vergeben. Weil niemand einem zahlungsunfähigen Land Kredit gewährt, muss dann die Regierung - um die Staatsausgaben zu finanzieren - eigene Schuldscheine herausgeben. Dies bedeutet: Sie führt eine Parallelwährung zum Euro ein. Um deren Akzeptanz zu steigern, werden Löhne und Gehälter in, sagen wir, Drachme ausgezahlt.

Kann eine Kontrolle des Kapitalverkehrs den Kollaps abwenden?
Schon jetzt wird darüber diskutiert, Abhebungen an Geldautomaten und Bankschaltern auf geringe Summen zu beschränken und Überweisungen ins Ausland zu besteuern, damit die Banken nicht bald auf dem Trockenen sitzen. Die Debatte befeuert allerdings den Sturm auf die Schalter. Und: Aus Angst vor einer Versorgungsknappheit kann es zu Panikkäufen kommen, vor allem bei Lebensmitteln. Im Falle eines Euro-Austritts ist mit Beschränkungen fest zu rechnen. „Kapitalverkehrskontrollen würden verhindern helfen, dass eine neue Währung rapide an Wert verliert“, sagt Kritikos. „Die Griechen sind durchaus erfahren darin, bei der Bank nur beschränkt Geld abheben zu können, das gab es auch zu Zeiten der Drachme. Dieses Instrument ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn es einen Plan gibt für ein Erstarken der Wirtschaft.“

Welche Folgen hätte ein Grexit?
Einige Ökonomen sind der Auffassung, dass eine weiche Währung eine Chance für Griechenland wäre, weil das Land Wettbewerbsnachteile gegenüber den Euro-Ländern durch Abwertung ausgleichen könnte. Alexander Kritikos ist anderer Meinung: „Eine weiche, an Wert verlierende Währung wäre ein Killer für die griechische Wirtschaft. Sämtliche Unternehmen, die Waren, aber insbesondere auch Vorleistungen für ihre eigene Produktion aus dem Ausland einführen, könnten ihre in Euro ausgestellten Rechnungen nicht mehr zahlen und wären schnell pleite. Zudem investiert niemand gern in einem Land mit hoher Inflationsrate.“ Im Falle des Euro-Austritts drohen auch politische und gesellschaftliche Verwerfungen. Die Mehrheit der Griechen ist ja nach wie vor für den Verbleib in der Währungsgemeinschaft.

Wäre die EU nach einem Grexit ihre Sorgen los?
Nein, der Austritt hätte Milliardenverluste für die Gläubiger zur Folge. Allein die Bundesrepublik bürgt mit knapp 60 Milliarden Euro. Zudem bliebe Griechenland auch ohne Euro EU-Mitglied, erhielte also weitere Zahlungen für die Rekapitalisierung der Banken, aber auch Hilfen angesichts der humanitären Krise. Griechenland wird sich auf lange Sicht nicht selbst finanzieren können. Die EU-Länder brauchen jedoch stabile Verhältnisse im Südosten des Kontinents: Der Balkan ist eine krisenanfällige Region und Griechenland ein Staat, in dem viele Flüchtlinge Einlass in die EU begehren. Schon aus geopolitischen Gründen werden die Europäer das Land nicht seinem Schicksal oder den Annäherungsversuchen Moskaus überlassen wollen.

Hat die Krise auch Auswirkungen außerhalb Europas?
Die USA haben sich mit geostrategischen Argumenten in den Schuldenstreit eingemischt und die Europäer davor gewarnt, mit ihrer harten Haltung Griechenland in russische oder chinesische Arme zu treiben. Doch eine Abwendung Griechenlands von der Nato und der westlichen Wertegemeinschaft, wie Washington sie an die Wand malt, ist sehr unwahrscheinlich. Mit seinen Russlandbesuchen will Premier Tsipras wohl vor allem seine Verhandlungsposition gegenüber den Euro-Gläubigern stärken.

Was würde ein Grexit für die deutsche Wirtschaft bedeuten?
Nach Meinung vieler Ökonomen wäre ein Grexit verkraftbar. Nur 0,44 Prozent der deutschen Exporte gehen nach Griechenland, seit Jahren schon verzichten Deutsche auf Investitionen. Und auch die deutschen Geldhäuser sind kaum noch mit der griechischen Wirtschaft verflochten. Ausländische Banken haben längst ihre Forderungen an die EZB abgetreten. Griechische Verbindlichkeiten bei ihnen belaufen sich auf 47 Milliarden Euro.

Wird Urlaub in Griechenland zur riskanten Abenteuerreise?
Nein. Die großen Reiseveranstalter sowie der Deutsche Reiseverband versichern, dass vor allem Pauschalurlauber die Auswirkungen eines Grexits kaum zu spüren bekämen. Flüge, Hotelübernachtungen und Bustransfers sind stets im Voraus bezahlt und vertraglich abgesichert. Individualreisende würden nach wie vor mit Kredit- und Girokarten zahlen können, und bei Einführung einer Parallelwährung würden ihre Euro-Scheine und -Münzen gewiss weiterhin akzeptiert.

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Von Redakteur Marina Kormbaki

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