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07:49 10.11.2018
Gut gelaunt und politisch pragmatisch: Seit Anfang des Jahres führen die Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock die Grünen. Ihr Ziel: Eine grüne Volkspartei. Quelle: Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Berlin

Wenn man mit Wolf-Dieter Hasenclever spricht, dann leuchten die alten Zeiten wieder auf. „Am Anfang gab es noch linke Störtrupps“, sagt der 72-Jährige. „Eine Frau hat mir zum Beispiel mal bei einem Landesparteitag in Esslingen einen Schlüsselbund über die Wange gezogen, weil ihr mein eher auf die Mitte ausgerichteter Kurs nicht passte.“ Die Narbe hat er immer noch. Während Harmonie in der Ökopartei heute Pflicht ist, sei damals noch „mit härteren Bandagen gekämpft“ worden.

Hasenclever, der lange Zeit in Baden-Württemberg Politik machte und heute in Berlin lebt, ist ein Grüner der ersten Stunde. „Ich war einer der Mitbegründer der Partei“, erzählt er, und zwar 1979 zunächst im Südwesten und ein Jahr später auf Bundesebene. Beim Gründungsparteitag 1980 in Karlsruhe hielt der gelernte Gymnasiallehrer die Eröffnungsrede. „Der Name Die Grünen entstand in Abstimmung zwischen Herbert Gruhl, August Haußleiter, Petra Kelly und mir.“

Der baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolf-Dieter Hasenclever (rechts) mit seinem Grünen-Kollegen Winfried Kretschmann im Jahr 1983. Quelle: DB Obertreis

Er zog 1980 als Abgeordneter des Wahlkreises Tübingen in den Landtag von Baden-Württemberg ein und wurde Fraktionschef. 1983 trat Hasenclever vom Fraktionsvorsitz zurück und nannte als Grund das Rotationsprinzip, das die Landesgrünen nach der Neuwahl des Landtages 1984 verankern wollten. 1998 kandidierte der seinerzeit 53-Jährige noch einmal als Oberbürgermeisterkandidat in Tübingen und scheiterte nur knapp.

Unter dem Strich war Hasenclevers Parteikarriere die Geschichte einer Entfremdung. Während einige seiner Mitstreiter den Weg in die erste rot-grüne Bundesregierung kritisch betrachteten und den Verrat der Grünen an linken Idealen beklagten, ging Hasenclever der Marsch in die liberale Mitte nicht konsequent genug. 2001 verließ der Vater von zwei Kindern die Grünen und wechselte zur FDP. Ausschlaggebend war, dass der im Vergleich zum Landesverband Baden-Württemberg wesentlich linker orientierte Berliner Landesverband mit der PDS kooperierte. Für ihn bedeutet die aktuelle Erfolgswelle der Grünen auch dank des pragmatischen Kurses der Mitte eine späte Versöhnung. „Wäre ich in Baden-Württemberg geblieben, wäre ich wahrscheinlich noch drin“, sagt er heute.

Hasenclevers Nachfolger im Amt des Fraktionsvorsitzenden im baden-württembergischen Landtag trägt übrigens einen berühmten Namen: Winfried Kretschmann. Für den heutigen Ministerpräsidenten hat sich das Ausharren gelohnt.

Tatsächlich kann man die Geschichte der Grünen auch als langen Weg in die politische Mitte erzählen. 1983 rückten sie erstmals in den Bundestag ein, mit Rauschebärten, weiten Kleidern und Strickpullovern. Zwei Jahre später wurde Joschka Fischer grüner Umweltminister in Hessen und erschien mit Turnschuhen zur Vereidigung. 1990 flogen die West-Grünen aus dem Bundestag raus, nicht zuletzt weil sie zur Wiedervereinigung eine mindestens indifferente Haltung einnahmen. Nur acht Ost-Grüne schafften es. 1998 folgte der Triumph. Die Grünen bildeten mit der SPD eine Bundesregierung; da hatten die „Realos“ die „Fundis“ längst geschlagen. Fischer wurde Außenminister und erschien fortan im Dreiteiler.

Koalition gescheitert Zustimmung gewonnen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht im Oktober 2017 in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin mit Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und mit Grünen-Chef Cem Özdemir vor den Sondierungsgesprächen zwischen der Union und den Grünen auf dem Balkon. Wenige Wochen später platzen die Verhandlungen. Quelle: dpadpa

Der Ökopartei ist es gelungen, aus den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen als Gewinner hervorzugehen. Mit ihrem demonstrativen Willen zum Regieren haben sie sich einen staatstragenden Anstrich verpasst, der ihnen auch jenseits des Ökomilieus Zulauf beschert. Und mit dem fröhlichen Wechsel von Cem Özdemir und Simone Peter zu Robert Habeck und Annalena Baerbock an der Parteispitze Anfang des Jahres setzten sich die Grünen deutlich ab von Union und SPD, die von Erneuerung sprachen, sie aber nicht lieferten. Seriosität in der Sache und gute Laune im Auftritt – das ist die Formel, die den Grünen gerade das 70 000. Parteimitglied beschert hat.

Schütze – und neuerdings bei den Grünen: Mathias Böhnke. Quelle: Dpa

„Den Wortlaut habe ich nicht mehr im Ohr, aber sinngemäß meinte Habeck, dass die Kraft in der Überzeugung liegen müsse, nicht in Vorgaben.“ „Kraft in der Überzeugung“ – das klingt schon sehr nach Habeck und seinen wuchtig-vagen Worten. „Auf mich wirkte das ehrlich“, sagt Böhnke. „Da gibt einer zu, dass er nicht alle für sich gewinnen kann, will sich aber Mühe geben.“ Für ihn sei dies der ausschlaggebende Punkt für den Parteieintritt gewesen: „Die Zeit der oberlehrerhaften Grünen ist vorbei – dafür stehen Robert Habeck und Annalena Baerbock.“ Böhnkes sehnlichster Wunsch als Neumitglied? „Dass der nächste Kanzler oder die nächste Kanzlerin grün ist.“ Dafür wolle er sich nun im Kreisverband einsetzen.

Nue bei den Grünen: Lena Beier, 25, Politikstudentin in München Quelle: privat

Beier gehört zum nicht kleinen Kreis von Grünen-Sympathisantinnen, die mit viel Respekt von Baerbock sprechen. Das kämpferische Auftreten hinterlässt Eindruck. „Für mich als junge Frau ist Baerbock ein Vorbild“, sagt die Studentin und lobt die Parteichefin für deren analytischen Blick. Als Kanzlerin aber sieht Beier Baerbock noch nicht. Das Umfragehoch sei ja schön und gut, aber: „Auf dem Boden bleiben.“

Offensichtlich ist: Die grünen Flügelkämpfe sind für Böhnke und Beier vor allem eines – Geschichte.

Auf dem Boden zu bleiben empfiehlt auch Wolf-Dieter Hasenclever. Das Gründungsmitglied lobt zwar: „Mittlerweile hat sich bei den Grünen der Gedanke durchgesetzt, dass man politische Veränderungen nicht vom Rand her durchsetzen kann, sondern nur aus der Mitte. Die Wende kam mit Cem Özdemir.“ Gleichwohl sehe er zum Teil noch eine Verdrängung von Problemen, etwa bei den Themen Flüchtlinge oder Energie. Man müsse Missstände klar ansprechen und bekämpfen. Denn: „Das Volk ist nicht so dumm, wie man glaubt.“ Würde die Grünen-Politik noch realistischer, „dann sind 30 Prozent auch bundesweit möglich“.

Von Markus Decker und Marina Kormbaki/RND

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