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Deutschland / Welt Guttenberg ist glücklich im politischen Exil
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Guttenberg ist glücklich im politischen Exil
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21:00 09.11.2012
Von Stefan Koch
„So schnell kehre ich nicht nach Deutschland zurück“: Karl-Theodor zu Guttenberg in Washington.
Washington

„KT“. Das Kürzel zieht noch immer. Kaum hatte sich in Washingtons deutschsprachiger Gemeinde herumgesprochen, dass der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einen Vortrag hält, müssen die Organisatoren die Veranstaltung verlegen. Die renommierte amerikanische Denkfabrik CSIS an der K Street weicht in ihren großen Saal im Keller aus, um all den Gästen genügend Platz zu bieten.

Doch die Hoffnungen der drei Kamerateams und zwei Dutzend Journalisten auf eine große Nachricht werden gleich zu Beginn der Veranstaltung am Donnerstagabend enttäuscht: „Um es klar zu sagen, so schnell kehre ich nicht nach Deutschland zurück. Dafür fühle ich mich mit meiner Familie hier in den USA viel zu wohl.“ Im Übrigen seien alle anderen Spekulationen „Quatsch“.

Karl-Theodor zu Guttenberg sucht nach einem Neuanfang. Beim Center for Strategic and International Studies hat er eine erste – entgeltlose – Aufgabe gefunden. Er hält Vorträge über Sicherheitspolitik und will daneben ein weltweites Netzwerk von jungen Führungskräften aufbauen, um die Kommunikation über Staatsgrenzen und Kontinente hinweg zu fördern. Guttenberg geht bei der Beschreibung seiner Ideen nicht ins Detail, belässt es bei Andeutungen. Ihm geht es um die „Entscheider“, die sich mal hier in Washington, mal auf anderen Erdteilen treffen.
Böswillig formuliert könnte man sagen, Guttenberg sucht schon wieder die große Bühne. Auch seine neuen Pläne riechen eher nach Show als nach Substanz.

Etwas wohlwollender betrachtet könnte man ihm zugestehen, dass er als 41-Jähriger nun wirklich noch zu jung ist für den Vorruhestand. Warum auch sollte der Mann, der wegen einer vor Plagiaten strotzenden Doktorarbeit zurücktreten musste, keine zweite Chance erhalten? Der einstige Hoffnungsträger der Christdemokraten gehörte fast zehn Jahre dem Bundestag an und hat sich in all der Zeit intensiv mit Sicherheitsfragen beschäftigt – da liegt es nahe, dass er jetzt versucht auf diesem Spezialgebiet beruflich wieder Fuß zu fassen.

An diesem Abend wird klar, dass er gedanklich noch immer in der Welt der Strategen und Militärs zu Hause ist. Er hat sich offenbar gut vorbereitet, bietet dem Publikum eine Tour d’Horizon durch die internationale Politik. Eigentlich soll es nur um die transatlantischen Beziehungen gehen, aber Guttenberg schlägt einen weiten Bogen, der auch die neuen Herausforderungen in China, das spezielle europäisch-türkische Verhältnis und die Möglichkeiten eines „Cyberwar“ umfasst.

Er beklagt die schleichende Entfremdung zwischen den Nato-Partnern, wirbt um engere Kontakte zwischen jungen Europäern und jungen Amerikanern und streut hier und da verhaltene Kritik an der Bundesregierung ein. Alles in Maßen, und insgesamt betrachtet ist in den 90 Minuten auch nichts dabei, was man nicht schon an anderer Stelle gehört hätte. Aber Guttenberg bleibt ein Meister der Präsentation. Der Abend plätschert fast gemütlich-entspannt dahin, und zum Schluss stehen alle freundlich plaudernd beieinander. Wären nicht einige Journalisten eigens zu diesem Abend von Berlin nach Washington gereist, man hätte als Außenstehender fast den Eindruck haben können, in der amerikanischen Variante der Volkshochschule gelandet zu sein.

Dazu passt, dass sich Guttenberg rein äußerlich zunehmend von seiner aktiven Politikerzeit entfernt: Der Mann hat sichtbar zugelegt, von der stets markant gegelten Frisur hat er ebenso Abstand genommen wie von der Brille mit dem schmalen Rand. Anders als früher fällt er kaum auf, wenn er einen Raum betritt.

Nun ist es fast zwei Jahre her, dass Guttenberg über seine Plagiatsaffäre stürzte. Für den ehemaligen Shootingstar, den manche schon als Nachfolger von Angela Merkel gesehen hatten, ist das eine halbe Ewigkeit. Mit 31 Jahren zog er als direkt gewählter Abgeordneter in den Bundestag ein. 2009 erreichte er in seinem Wahlkreis Kulmbach sogar das deutschlandweit beste Erststimmen-Ergebnis. Mit 37 Jahren wurde er CSU-Generalsekretär, mit 38 Jahren Wirtschaftsminister und kurz darauf Verteidigungsminister. Die Abschaffung der Wehrpflicht in Deutschland ist mit seinem Namen ebenso verbunden wie die engere Zusammenarbeit der europäischen Staaten in Rüstungs­angelegenheiten.

Die Höhen, in denen er kurzzeitig schwebte, waren schwindelerregend. Und das Tempo, das er damals mit seinen diversen Vorhaben an den Tag legte, sorgte für Misstrauen und Neid – sowohl beim politischen Gegner als auch im eigenen Lager. Dennoch gehen die Vermutungen darüber auseinander, ob er darauf brennt, schnellstmöglich in Deutschland ein Comeback zu feiern.

Vor genau einem Jahr erschien das Buch „Vorerst gescheitert: Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo“. Es galt als ein erster – missglückter – Versuch, wieder öffentlichkeitswirksam einen Fuß auf heimatlichen Boden zu setzen. CSU-Chef Horst Seehofer hat sich damals mächtig geärgert über die Pauschalkritik des fränkischen Adelssprösslings an der CSU. Trotzdem hat er ihn selbst wieder ins Spiel gebracht. Zuerst beim CSU-Parteitag im Oktober. Er wolle den Exilanten zurück in die – bayerische – Politik holen, sagte Seehofer damals. Ein paar Christsoziale sollen sich gar mit Guttenberg hinter verschlossenen Türen getroffen haben, um den ehemals beliebtesten Politiker Deutschlands zur Umkehr zu bewegen.

Das Ergebnis? „Quatsch“, eben. Er will nicht, sagt er. Warum auch?  Es geht ihm gut in Amerika. Und man erspart ihm Fragen nach dem Doktortitel.

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