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Deutschland / Welt Heimatort des Hackers: Das sagen Anwohner und die Bürgermeisterin
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21:21 09.01.2019
In Homberg leben knapp 8000 Menschen. Quelle: Julia Rathcke
Homberg

Ein Metzger, zwei Bäcker, drei Apotheken, fünf Ärzte. Der mittelhessische 8000-Einwohner-Ort Homberg an der Ohm ist eine deutsche Durchschnittskleinstadt voll Fachwerkidyll: hübsch, überschaubar, ruhig. Die wenigen Menschen, die durch die gepflasterte Fußgängerzone eilen, um Besorgungen zu machen, sind meist alt. Junge Menschen sind nicht zu sehen, es gibt keinen Treffpunkt, die Schulen haben noch Ferien, und auch der junge Mann, der Homberg in die Schlagzeilen brachte, tat dies vermutlich über Monate von seinem Kinderzimmer aus.

Knapp 1000 Politiker, Prominente und Journalisten soll der 20-Jährige ausgespäht und deren teils höchst vertrauliche Daten jüngst ins Internet gestellt haben. Etwa 50 Fälle sind laut Bundesinnenministerium schwerwiegend, weil sie Privatdaten, Fotos oder längere Korrespondenz betreffen. Über die Gründe rätseln Ermittler noch. Viel Zeit und viel Zorn soll der junge Mann gehabt haben – und das Ziel, Menschen bloßzustellen.

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Was für ein Mensch tut so etwas? Offenbar ein zurückgezogener, unauffälliger. Viel wissen die Homberger über den Schüler nicht, wohl aber über seine Familie. Dass es sich um den Sohn eines Arztes im Dorf handelt, hat sich offenbar schnell herumgesprochen. Die Verkäuferin beim Bäcker, die Buchhändlerin, eine Hotelangestellte – sie alle nennen den gleichen Namen des Vaters, der einen guten Ruf im Ort habe.

Seine Praxis liegt zentral am Eingang des Ortskerns. Auch seine Frau hilft in der Praxis aus, heißt es. „Der Mann ist ein toller Arzt – und Mensch“, sagt der Nachbar der Familie über den Vater des 20-Jährigen. Er gehe regelmäßig joggen, sei hilfsbereit und freundlich. „Nur die beiden Söhne sehe ich nie“, sagt der Nachbar. „Aber dass der Hacker der Sohn vom Doktor ist, hat uns hier alle erstaunt.“

Völlig überrascht wurde auch Hombergs Bürgermeisterin, Claudia Blum. Erst als Journalisten am Dienstag anriefen und um Stellungnahmen baten, habe sie von der Festnahme am Sonntag zuvor erfahren, sagt die SPD-Politikerin. Dutzende Reporter standen Stunden später vor dem Rathaus. „Polizeiaktion erregt weniger Aufsehen als Medienpräsenz“, titelte der „Kreis-Anzeiger“ tags darauf. Besorgte Anrufe oder nervöse Kollegen gebe es nicht, sagt die Bürgermeisterin. Im Gegenteil. Die Stimmung sei eher positiv.

„Es gibt einen gewissen Stolz, dass es jemand war, der von hier kommt“

Für Homberg sei das Ganze kein Skandal, sagt Blum. „Wir müssen uns nicht schämen.“ Es gehe ja nicht um Mord und Totschlag. Es sei zweifelsohne eine Straftat, ja. Aber der Vorfall zeige auch, was ein Junge von 20 Jahren schafft. „Es gibt einen gewissen Stolz, dass es jemand war, der von hier kommt“, sagt Bürgermeisterin Blum. Er habe der Republik den Spiegel vorgehalten. „Das sollte uns alle wachrütteln, besser mit unseren Daten umzugehen.“ Sie selbst sei nicht von dem Hackerangriff betroffen, die Sicherheitsmaßnahmen im Rathaus würden trotzdem erhöht.

Sicher sei Homberg als Kleinstadt generell schon. „Wir haben hier alle Schichten, aber kein großes soziales Gefälle“, sagt die Bürgermeisterin. Auch der 20-Jährige, der nach einer vorläufigen Festnahme und seinem Geständnis wieder auf freiem Fuß ist, stamme aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Mehr wolle sie über die Familie nicht preisgeben. Sie überlege, den Familienmitgliedern ein Gespräch anzubieten, sagt Blum. „Ich würde ihnen gern den Rücken stärken. Ich hoffe, sie können gut damit umgehen.“

Mit Anfeindungen umgehen muss nun dagegen der 19-jährige IT-Experte Jan Schürlein. Er hat den 20-Jährigen enttarnt. Im Netz wird er deshalb als Verräter beschimpft. Auf Twitter rechtfertigt er sich: „Klar habe ich den entscheidenden Hinweis geliefert, eventuell hätte es so aber einfach nur länger gedauert.“

Von Julia Rathcke/RND

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