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Feela nich so wichtich?

Umstrittene Lernmethode Feela nich so wichtich?

Fast alle Bundesländer erlauben den Grundschulen eine umstrittene Lernmethode, die zulässt, dass Kinder die Rechtschreibung erst mal ignorieren. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe macht da nicht mit: Er hat diese Methode in seinem Bundesland verboten. In seinem Gastbeitrag erläutert er, warum jeder Fehler angestrichen werden muss.

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Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe: „Eltern beschweren sich zu Recht, wenn Schule die Rechtschreibung auf die leichte Schulter nimmt."

Quelle: dpa

Hamburg. Kinder von Zuwanderern brauchen nach Ansicht von Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe bundesweit einen strengeren Rechtschreibunterricht. Das in vielen Bundesländern übliche "Schreiben nach Gehör" verstärke dagegen die soziale Ungleichheit, warnte der SPD-Politiker in einem Gastbeitrag für das neue HAZ-Wochenendmagazin "sonntag".

"Ijwa bain zanaz“ - das war der erste Brief meiner Tochter am Anfang der ersten Klasse. Wir stolzen Eltern waren begeistert. Doch die Begeisterung legt sich, wenn das Kind in der dritten Klasse noch genauso schreibt. Kein Tag vergeht, an dem sich nicht Eltern, Wirtschaft und Öffentlichkeit über die schlechte Rechtschreibung unserer Schüler beschweren. Zu Recht: Studien belegen eine deutliche Verschlechterung. Woran liegt es? Und was ist zu tun?

In der Diskussion ist der Schuldige schnell gefunden: Jürgen Reichen. Der Pädagoge erfand in den Siebzigerjahren die Methode „Lesen durch Schreiben“. Grundlage ist eine Tabelle, in der neben jedem Buchstaben ein Bildchen steht. Neben dem „i“ steht zum Beispiel das Bild eines Indianers und eines Igels. Mit der Tabelle sollen die Kinder nun nach Gehör drauf los schreiben. Korrigiert wird erst mal nicht. Denn - so die Theorie - das frustriert und hemmt die Kreativität.

Ist die Reichen-Methode schuld an der Misere?

Tatsächlich schreiben viele Kinder nach der Methode erstaunlich schnell und begeistert lange Texte. Deshalb ist die Methode bis heute beliebt. Und - das zu sagen gebietet die Redlichkeit - bis heute streitet sich die Wissenschaft, ob die Reichen-Methode schuld an der Misere ist. Ich glaube, dass die Methode zumindest sehr anfällig für Fehler und Missverständnisse ist. Aber die Probleme liegen tiefer. Der Reihe nach.

Brauchen wir überhaupt noch gute Rechtschreibung? Ich meine: unbedingt! In unserer Welt wird mehr als jemals zuvor geschrieben: E-Mail, SMS, Whats­app, Internet. Wir lesen von morgens bis abends Texte. Richtige Rechtschreibung garantiert, dass Texte schnell und eindeutig verstanden werden. Wie lange braucht man, um aus „ijwa bain zanaz“ „Ich war beim Zahnarzt“ zu entschlüsseln? Zu lange! Und ich frage mich: Wie weit wäre unsere Zivilisation, wenn wir aufgrund mühsamer Entzifferung deutlich langsamer und damit auch deutlich weniger lesen? Und was ist, wenn bei einem Notfall im Flugzeug oder im Atomkraftwerk die lebensentscheidende E-Mail aus der Zentrale vor Rechtschreibfehlern strotzt? Bitte nicht.

Eltern beschweren sich also zu Recht, wenn Schule die Rechtschreibung auf die leichte Schulter nimmt. Und sie greifen immer häufiger zur Selbsthilfe. Gut so. Man kann nicht früh genug damit anfangen. Aber wenn zu Hause keiner hilft, dann verstärkt schlechter Rechtschreibunterricht zugleich die soziale Ungerechtigkeit.

Die Reichen-Methode birgt eine Reihe von Problemen. Schreiben nach Gehör zum Beispiel. So ist unsere Sprache keineswegs lautgetreu. Was gleich klingt, schreibt sich nicht gleich - zum Beispiel der a-Laut in „Wahl“, Wal“ und „Aal“. Tatsächlich prägen viele weitere Schreibregeln die Rechtschreibung. Wer richtig schreiben will, muss diese Regeln beherrschen. Werden sie im Unterricht weggelassen, lernt kein Kind vernünftig schreiben. Die Reichen-Methode vernachlässigt diese weiteren Regeln. Sie übersieht auch, dass Deutschland zum Einwanderungsland geworden ist. Bei rund 30 Prozent der Schüler sind Vater, Mutter oder Kind im Ausland geboren. Und sie alle sollen nach Gehör „Lehrerin“ schreiben können? Je nach Aussprache ist das Ergebnis dann „Leararin“ oder „Lärärin“ oder „Lädadin“.

Ein weiteres Problem: Kinder lernen unglaublich schnell. Schön für die Menschheit, gefährlich für die Reichen-Methode. Denn Kinder prägen sich falsch geschriebene Wörter schnell ein. Wer in zehn Briefen unter dem stolzen Lob von Lehrern zehnmal „zanaz“ geschrieben hat, erlernt nur sehr mühsam „Zahnarzt“. Und hat in der Übergangszeit ständig zwei Schreibweisen im kleinen Gehirn. Dann doch lieber gleich das Richtige lernen.

Dafür aber müssten Lehrer von Anfang an korrigieren. Viele Lehrer wollen den Kindern den Korrektur-Rotstift möglichst lange ersparen. Sicher war es in den Siebzigerjahren richtig, von einer bis in die Sechzigerjahre noch prügelnden Schulkultur eine kindgerechtere Pädagogik einzufordern. Aber heute haben wir an Schulen ein viel freundlicheres Lernklima und hervorragend ausgebildete, pädagogisch geschulte Grundschullehrer, die mit der Korrektur falsch geschriebener Wörter sicher keine Kinderseele verletzen. Umgekehrt werden Kinder schlicht beschummelt, wenn man sie in dem Glauben lässt, alles sei gut. Also: Mut zur Korrektur.

Gute Rechtschreibung braucht Zeit

Bereits hier zeigt sich, dass Reichen Trends aufgreift, die nicht seiner Methode allein angelastet werden können. Das gilt auch für den Trend, als langweilig empfundene Basiskompetenzen wie zum Beispiel Rechtschreibung - oder auch Rechnen - gegenüber „spannenderen“ Lernzielen wie Kreativität, Experimentieren und Freude am Lernen zu vernachlässigen. Keine Frage, unsere Gesellschaft braucht Kreativität und Experimentierfreude, die Schule braucht Freude am Lernen - aber wer beides gegeneinander ausspielt, produziert gefährliche Nebenwirkungen: Denn gute Rechtschreibung braucht Zeit. Zeit zum Üben. Zeit zum Wiederholen. Ziemlich viel Zeit. Denn unsere Sprache ist kompliziert. Und Üben ist nicht immer kreativ und lustig, sondern auch anstrengend. Sind Eltern, Kinder und Lehrer wirklich zu einem solchen Unterricht bereit?

Und damit kommen wir zum Kernproblem. Schulzeit ist begrenzt. 20 bis 26 Schulstunden haben Grundschüler pro Woche. Angesichts dieser knappen Zeit wundere ich mich, mit welcher Maßlosigkeit ständig neue Lerninhalte und Schulfächer gefordert werden: Englisch an der Grundschule, Theater, Klassenratsstunden, Anti-Mobbing, Medienkunde, Informatik, Internet, Astronomie - die Wünsche sind grenzenlos. Sicher ist das alles wichtig. Aber es verbraucht viel Unterrichtszeit. Zeit, die für andere Dinge fehlt, zum Beispiel für Rechtschreibung. Und die einfache Wahrheit ist: Alles gleichzeitig geht nicht, man muss Prioritäten setzen.

Das aber ist keine Frage an die Schule und die Lehrer. Es ist eine Frage an Eltern, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Medien. Wer sich über schlechte Rechtschreibung beklagt, der muss auch den Mut aufbringen, gegenüber immer neuen Wünschen nach neuen Lerninhalten und Schulfächern endlich auf die Bremse zu treten.

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