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Abdel-Samad in Ägypten verschwunden

Islamkritiker Abdel-Samad in Ägypten verschwunden

Große Sorge um den bekannten deutsch-ägyptischen Schriftsteller: Hamed Abdel-Samad soll während eines Besuchs in Kairo entführt worden sein.

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Hamed Abdel-Samad soll während eines Besuchs in Kairo entführt worden sein

Quelle: dpa

Kairo..  Von dem in Kairo verschwundenen deutschen Autor Hamed Abdel-Samad fehlt weiter jede Spur. Ein Bruder des Schriftstellers, der zuletzt mit Theorien zum „religiösen Faschismus“ von sich reden gemacht hatte, berichtete am Montagabend in einem Interview eines ägyptischen TV-Senders, er selbst sei zwölf Stunden lang von der Polizei zu möglichen Hintergründen der Entführung befragt worden.

Dem Sender ON TV sagte er, als Täter kämen entweder radikale Islamisten infrage oder eine Gruppe von Ägyptern, mit denen sein Bruder Geschäfte gemacht habe. Sie hätten sich wegen einer gemeinsamen Investition und ausstehender Schecks überworfen. Der Streitfall beschäftigt seinen Angaben zufolge bereits ein Gericht in dem Kairoer Vorort Al-Chanka.

 „Ich werde verfolgt“, das war sein letzter Anruf. Seitdem ist das Handy von Hamed Abdel-Samad abgeschaltet. Von dem prominenten deutsch-ägyptischen Publizisten fehlt jede Spur. Zuletzt hatte sich der 41-Jährige am Sonntagnachmittag offenbar nahe dem Azhar-Park in Kairo aufgehalten, wo er sich mit einem Gesprächspartner verabredet hatte. Fans und Freunde des Schriftstellers sind in großer Sorge. Sein Bruder, Mahmud Abdel-Samad, hält eine Entführung für wahrscheinlich. 

Das Auswärtige Amt in Berlin wollte dies am Montag zunächst nicht offiziell bestätigen. Die ägyptische Polizei ermittelt nach eigenen Angaben gegen unbekannt. Die Beamten schließen nicht aus, dass radikale Extremisten für das Verschwinden des Deutsch-Ägypters verantwortlich sind. Die Bundesregierung verlangte von Ägypten „schnellstmöglich“ Aufklärung über das Schicksal von Hamed Abdel-Samad, wie ein Sprecher des Außenministeriums am Montag mitteilte. Der deutsche Botschafter in Kairo habe dazu Kontakt mit der ägyptischen Regierung aufgenommen. Auch der Krisenstab in Berlin sei eingeschaltet worden.

Hamed Abdel-Samad ist deutscher Staatsbürger. Seit Jahren gehört der Politologe in Deutschland und Ägypten zu den profiliertesten Kritikern des fundamentalistischen Islam und der Muslimbrüder. Wie das ägyptische Nachrichtenportal „youm7“ am Montag unter Berufung auf seinen Bruder Mahmud Abdel-Samad meldete, soll sich der Publizist bereits im Taxi auf dem Weg von seinem Hotel zum al-Azhar-Park von einem schwarzen Auto verfolgt gefühlt haben. Die ausgedehnte und komplett abgezäunte Grünanlage am Rande der islamischen Altstadt ist nur über eine mehrspurige Autostraße zu erreichen.

Der Eingang wird kontrolliert. Besucher müssen Eintritt zahlen, die Abfahrt ist einzig mit einem Taxi möglich. Bislang ist unklar, ob die Täter Abdel-Samad vor Betreten des Azhar-Parks oder nach dem Verlassen des Geländes auflauerten.
Die Meinungen, die Hamed Abdel-Samad vertritt, können viele Menschen in Deutschland gut nachvollziehen. In Ägypten, wo der kritische Publizist aufgewachsen ist, gelten seine Thesen dagegen als radikal und anstößig. Der Deutsch-Ägypter argumentiert, dass die Grundsätze des Islam keine ewige Wahrheit seien, sondern vielmehr im historischen Kontext relativiert werden sollten.

Erst vor vier Monaten hatte der ägyptische Salafisten-Prediger Assem Abdel-Maged den Schriftsteller im Fernsehen für vogelfrei erklärt, nachdem Abdel-Samad den Islam in einem Vortrag als verspäteten religiösen Faschismus bezeichnet hatte. „Er hat den Propheten beleidigt. Und wer den Propheten beleidigt, muss getötet werden, selbst wenn er bereut“, lautete das blutrünstige Verdikt. Seither erhielt der Verfemte Morddrohungen per Internet, reiste umgehend aus Ägypten ab und hielt sich auch in Deutschland zunächst versteckt. Seine Familie in Ägypten wurde ebenfalls wüst beschimpft und eingeschüchtert.

Sein Bruder befürchtet daher, Hamed Abdel-Samad könnte während seines jüngsten Besuches in Kairo von radikalen Islamisten gekidnappt worden sein. Nach seiner Darstellung hatte das Innenministerium am Nil auf Bitten der deutschen Botschaft dem Bedrohten diesmal eigens Leibwächter zur Seite gestellt. Hamed habe in dem Park jedoch eine Verabredung gehabt, zu der er keinen seiner Bewacher habe mitnehmen wollen. Kurz vor dem Treffen allerdings rief er einen der Personenschützer, einen Offizier, an und berichtete ihm, er werde von einem schwarzen Auto verfolgt, seit er das Hotel im Zentrum Kairos verlassen habe.

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in Ägypten, kam im Alter von 23 Jahren nach Deutschland, wo er zunächst in Augsburg Politologie studierte. Anschließend forschte er am Institut für Islamwissenschaften in Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. In Deutschland bekannt wurde er durch die satirische TV-Serie „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“ an der Seite von Henryk M. Broder. Im Februar 2011 reiste Abdel-Samad während des Arabischen Frühlings nach Kairo und hat sich seitdem auch als Kommentator über das post-revolutionäre Ägypten einen Namen gemacht.

In seinem 2009 erschienenen Buch „Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland“ setzte er sich mit den inneren Widersprüchen und der Doppelbödigkeit muslimischer Gesellschaften auseinander. Ein Jahr später folgte das Buch „Der Untergang der islamischen Welt“, in dem er die Ideologie des politischen Islam scharf kritisiert und für eine moderne Interpretation der Religion wirbt. Die europäischen Gesellschaften forderte er immer wieder auf, sich offensiver mit dem Islam auseinanderzusetzen.

Für seinen Bruder Mahmud steht fest, dass islamistische Fanatiker hinter der Entführung stecken. Der Bruder erstattete Anzeige gegen die Al-Gamaa Al-Islamija. Die radikale Bewegung hatte während der Regierungszeit des inzwischen gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi erheblichen Einfluss. Seit der Entmachtung Mursis durch das Militär, die von Abdel-Samad begrüßt worden war, sind in Ägypten Tausende von Islamisten hinter Gittern verschwunden. Militante Islamisten-Gruppen haben mehrere Terroranschläge verübt, vor allem auf der Sinai-Halbinsel.

Verwandte, Freunde und deutsche Diplomaten machen sich jetzt große Sorgen um den Verschwundenen. „Wir sind Freunde, und ich hoffe, dass er zurückkehrt, um weiterhin seine Rolle als frei denkender Schriftsteller, der seine Ideen und Prinzipien verteidigt, wahrzunehmen“, sagt sein Kairoer Verleger Mohammed Haschim.

Von Martin Gehlen (mit dpa)

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Foto: Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad ist wieder wohlbehalten wieder aufgetaucht, nachdem er am Sonntag verschwunden war.

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