Volltextsuche über das Angebot:

14°/ 11° Regen

Navigation:
Der Übriggebliebene

Hans Modrow Der Übriggebliebene

Der Fall der Mauer markiert den Untergang der DDR. Manche Politiker der alten Garde trauern dem SED-Staat noch nach. Hans Modrow ist der bekannteste von ihnen.

Voriger Artikel
Wolf Biermann sorgt für Eklat im Bundestag
Nächster Artikel
Gorbatschow: Zusagen von 1989 wurden gebrochen

Er schreibt Bücher, will den Kapitalismus entlarven – und streitet für das vermeintlich Gute in der DDR: Hans Modrow.

Quelle: dpa

Berlin. Warum hängt kein Bild von Täve Schur in der „Ruhmeshalle des deutschen Sportes“ in Berlin? „Ich verstehe das einfach nicht“, schimpft Hans Modrow und redet sich in Rage. In seinem kleinen, schlichten Büro in Berlin-Mitte hallt die Stimme des alten Herrn richtig. Die DDR und der Sport, sagt Modrow, das könne man doch nicht auf allgemeine Dopingvorwürfe verkürzen oder auf angeblich übertriebenen staatlichen Drill. Die DDR sei international so gut im Sport gewesen, weil der Staat das gefördert habe. Dies müsse jetzt endlich auch gewürdigt werden. Und deshalb gehöre die Radsportlegende Gustav-Adolf „Täve“ Schur unbedingt in die bislang von Westdeutschen dominierte Ahnengalerie.

Aber niemand will Modrow erhören. Wieder so ein Zeichen dafür, dass die Ostdeutschen im Alltag des wiedervereinigten Deutschland zu kurz kommen? Modrow sitzt im Karl-Liebknecht-Haus, der Bundesgeschäftsstelle der Linkspartei. In den dreißiger Jahren war das mal die Zentrale der KPD, hier hatte Ernst Thälmann seinen Arbeitsplatz. Überall in dem Gebäude sind Gedenktafeln, Bilder und Büsten aufgestellt. Auch Hans Modrow versteht sich ein bisschen als Museumsdirektor, der gegen das Vergessen und Verdrängen angeht. Er streitet dafür, die angeblichen „guten Seiten der DDR“ nicht untergehen zu lassen. Mindestens dreimal die Woche kommt der einstige Regierungschef des SED-Staates ins Karl-Liebknecht-Haus, er ist mit seinen 86 Jahren rüstig und geistig hellwach. Im bescheiden eingerichteten Büro stehen die gesammelten Marx-Engels-Werke. Auf dem Tisch liegt ein Stapel Post ausgebreitet. „Momentan ist es mehr als sonst“, sagt Modrow. Der ­
25. Jahrestag des Mauerfalls fordert auch ihn als Zeitzeugen.

„Verbittert jedenfalls bin ich nicht“, betont der frühere Ministerpräsident und schaut sein Gegenüber skeptisch an: „Oder sehen Sie einen verbitterten Mann vor sich?“ Er wolle doch nur seine „Vision bewahren“. Die „Vision“ des Hans Modrow ist eine andere Gesellschaft, eine, die mehr von dem hat, was einst sein Leben in der DDR ausmachte: Die Gemeinschaft, die gegenseitige Rücksichtnahme, die klassenlose Gesellschaft – und auch die Kameradschaft unter den Genossen. Alles Dinge, die im Westen nicht gefragt seien. Aber es stehen doch nun schon zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates, ist das nichts? „Nein, denn diese beiden trennen sich von ihrem eigenen Leben.“ Angela Merkel verdränge, dass ihr Vater einst als Kirchenmann die Annäherung an die SED-Führung gesucht hatte. Und Joachim Gauck verstelle sich und trete so auf, als ob er früher als Pastor nie mit der Stasi zu tun gehabt hätte. Die Wirklichkeit sei anders.

Modrow selbst, das merkt man, während er redet, ist durch und durch ein Mann der DDR. Sein Leben ist davon geprägt. Als Jugendlicher wurde er 1945 zum Volkssturm eingezogen, geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft und musste dort dann zur Umerziehung in die „Antifaschismusschule“. Er empfand das als eine gute Zeit. „Ich war dankbar, überhaupt etwas lernen zu können“, sagt er heute. Modrow wurde überzeugter Kommunist, verließ die Sowjetunion, ging 1949 in die frisch gegründete DDR und wurde FDJ-Funktionär. In den fünfziger Jahren folgte noch eine Lehre an der Komsomol-Hochschule in Moskau – der politische Aufstieg in der DDR war für ihn klar vorgezeichnet.

Hans Modrow war um die 30, als sein Vater Ende der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik starb. Sollte er zur Beerdigung fahren dürfen? Seine Vorgesetzten in der SED sagten, eigentlich seien solche Reisen untersagt, in seinem Fall aber würden sie eine Ausnahme machen – und es ihm erlauben, als Beweis ihres Vertrauens. Modrow lehnte ab, er wollte nicht mehr dürfen als seine Genossen, denen eine solche Reise versagt gewesen wäre. Die Gemeinschaft der Kommunisten war ihm wichtiger als der Abschied vom Vater. Verwundert es da, dass er lebenslang zur DDR steht?

Heute ist Modrow wohl der prominenteste von den „alten Genossen“, die in der DDR Verantwortung hatten und 25 Jahre nach dem Fall der Mauer noch leben. Günter Schabowski, der am ­
9. November 1989 in seiner legendären Pressekonferenz die Weltnachricht eher beiläufig verkündete, lebt in einem Pflegeheim. Egon Krenz, der Honecker-Nachfolger, lässt sich im Kreis von Getreuen feiern. Er gilt als unverbesserlich. Zu Modrow ist sein Verhältnis gespannt, die beiden waren nie enge Freunde. Wolfgang Berghofer, einst Dresdener Oberbürgermeister, hat mit den früheren Genossen gebrochen, rechnet öffentlich mit ihnen ab. Heinz Keßler, Honeckers früherer Verteidigungsminister, hat zum 65. DDR-Geburtstag Anfang Oktober mit der orthodox-kommunistischen DKP gefeiert und die DDR-Nationalhymne angestimmt. Er ist 94 Jahre alt und voller Fanatismus. Dann gibt es noch den „Rotfuchs“, eine Monatszeitschrift, in der sich ehemalige NVA-Offiziere und Stasi-Leute zu aktuellen Themen äußern – bevorzugt unter Angabe ihrer alten Dienstgrade. Im „Rotfuchs“ lebt die DDR noch – und die Mauer steht, wenigstens gefühlsmäßig, weiterhin.

Es wäre nun falsch anzunehmen, dass alle diese Ehemaligen auf der gleichen Wellenlänge liegen und in sämtlichen Fragen einig sind. Modrow jedenfalls sieht doch gravierende Unterschiede. Vor allem, wenn es um die Rolle der Mächtigen kurz vor dem Ende der DDR geht. Modrow war einer von 14 SED-Bezirkschefs in der DDR, und zwar für Dresden. Er hatte Anfang 1989 auf wirtschaftliche Missstände hingewiesen, wollte Reformen einleiten. Die DDR-Oberen, die keine Kritik hören wollten, zitierten ihn nach Berlin, schickten auch eine Kommission nach Dresden. Sie wollten ihn einschüchtern. Uneinsichtig seien die oberen Herren gewesen, sagt Modrow, vor allem Honecker, der intern einen verräterischen Satz gesagt habe: Das Volk sei für die Partei da, nicht umgekehrt. Am 9. Oktober 1989 dann habe Honecker den Demonstranten in Leipzig „Angst machen wollen“ und den Einsatz von Panzern befürwortet. Doch Weitsichtige unter den SED-Funktionären hätten ihm das ausreden können. Dass der Fall der Mauer friedlich verlief – für den letzten SED-Regierungschef der DDR ist das ein Verdienst der Besonnenen unter seinen damaligen Genossen.

Nach dem Fall der Mauer wurde Modrow zur letzten Hoffnung der SED, stieg zum Ministerpräsidenten auf, bezog Mitglieder der Bürgerbewegung in seine Regierung ein – aber sorgte auch für den Fortbestand der Stasi und dafür, dass alle SED-Funktionäre ihre Personalakten selbst reinigen konnten. „Ich wollte einen Übergang und keine Übergabe an die Bundesrepublik“, sagt er heute. Sein Bild in der Geschichte ist daher zwiespältig: Ein Mann, der in der DDR eine Öffnung versuchte – aber auch einer, der die Macht der SED erhalten und belastete Funktionäre schützen wollte.

Von der Zeitgeschichte wurde Modrow überrannt. In der PDS war er Ehrenvorsitzender, geriet im Laufe der Jahre aber an den Rand der Partei. Mit vielen in der Linken hadert er heute, wünscht sich Oskar Lafontaine zurück. Im Herbst 2014 tritt Modrow auf als einer, der tapfer die Kommunisten verteidigt – und den Kapitalismus, wo er ihn meint entlarven zu können, schonungslos kritisiert. Sein nächstes Buch, das 2015 erscheinen soll, handelt von Kuba. Man darf vermuten, dass das dortige Regime gegen manchen Vorwurf in Schutz genommen werden soll. Außerdem ist noch eine Klage anhängig: Die Renten der SED-Funktionäre sind gekürzt worden – weil man annimmt, dass sie ihr damaliges hohes Einkommen in der DDR nicht ihrer Leistung verdanken, sondern ihrer Regimetreue. Auch Modrow ist betroffen, und er geht dagegen gerichtlich vor. Um das Geld geht es ihm nicht, sagt er. Das klingt glaubwürdig. Es geht ihm um Anerkennung, um sein Lebenswerk – und um das Erbe der DDR.     

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Leitartikel

Am 9. November feiert Deutschland das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls. Das Datum ist allerdings auch historisch belastet. Eine Analyse von Klaus Wallbaum.

mehr
Mehr aus Deutschland / Welt

US-Präsident Barack Obama hat am 24. und 25. April 2016 die Landeshauptstadt besucht, um die Hannover Messe gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zu eröffnen. Es war das erste Mal, dass ein Präsident der USA die Stadt besuchte. Außer der Eröffnung stand ein Besuch in den Herrenhäuser Gärten auf dem Programm. mehr

Die Karikatur des Tages

So sehen unsere Karikaturisten die Welt.