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Deutschland / Welt Kohl: Schröder ist schuld an der Euro-Krise
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00:25 06.11.2014
Klare Botschaft: Helmut Kohl mit seiner Frau Maike Kohl-Richter und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Quelle: afp
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Berlin

Berlin. Die Worte waren oft schwer verständlich, doch die Botschaft war umso klarer: Die verantwortlichen Politiker in Europa müssten die Einigung des Kontinents wieder als „Herzensangelegenheit“ begreifen, mahnte Helmut Kohl (84) bei der Vorstellung seines neuen Buches in Frankfurt am Main. In einer kurzen Ansprache sagte der körperlich sehr gebrechlich wirkende Altkanzler, er wolle mit seinem Buch „ein Beispiel geben und Mut machen für ­Europa“.

Kohl sitzt seit einem schweren Sturz Anfang 2008 im Rollstuhl und hat erhebliche Probleme beim Sprechen. Links von ihm hatte auf dem Podium seine Ehefrau Maike Kohl-Richter Platz genommen. An einer Stelle seines Vortrags unterbrach sie ihren Mann mit den Worten: „Anderer Zettel, nein, nein.“

„Aus Sorge um Europa”, lautet der Titel des 120 Seiten starken Bandes, in dem Kohl ein flammendes Bekenntnis für die europäische Einigung ablegt, aber auch seinen Nachfolger Gerhard Schröder scharf kritisiert. Dessen Entscheidungen, Griechenland in die Währungsunion aufzunehmen und den Stabilitätspakt zu brechen, seien vor allem verantwortlich für die Euro-Krise. Als das „Schandstück deutscher Politik“ bezeichnet Kohl den Bruch des Stabilitätspaktes. Wenig überraschend ist, dass er weder bei seiner kurzen Ansprache noch in seinem Buch eigene Fehler oder Versäumnisse einräumt.

Die wurden auch nicht von dem prominenten Gast angesprochen, den der Verlag Droemer Knaur für die Präsentation gewonnen hatte. Obwohl er erst seit wenigen Tagen im Amt ist, ließ es sich der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nicht nehmen, Kohls Buch vorzustellen, worüber sich der Altkanzler sichtlich freute. Es sei richtig, dass Kohl Bücher schreibe, denn er müsse sich ja „die Deutungshoheit über sein Lebenswerk erhalten“ schmeichelte Juncker dem Autor. „Ohne das, was Helmut Kohl getan hat“, wären nach Junckers Worten weder die Wiedervereinigung noch die Einführung des Euro möglich gewesen. Als Kanzler habe Kohl stets Interesse für die anderen ­europäischen Länder gezeigt, „die alle unter der deutschen Besatzung und den deutschen Verbrechen gelitten haben“.

Auch Kohls Blick ging zurück. Er erinnerte daran, dass er den Krieg noch selbst erlebt habe, sein Bruder im Krieg gefallen sei und er viele Tote gesehen habe. „Ich habe nie aufgehört, an Europa zu glauben.“ Welche konkreten Ratschläge Kohl und Juncker daraus für die Zukunft ableiten, wurde nicht ganz klar. Beide haben jedoch offenbar große Sorge, dass die Europäische Union auseinanderfallen könnte. „Wer nicht sieht, dass sich die Menschen immer weiter von Europa entfernen, ist blind und taub für die Realität“, warnte der frühere luxemburgische Premierminister und bezeichnete die neue und von ihm geleitete EU-Kommission als „letzte Chance für Europa“. Europa müsse „von den Menschen getragen und nicht ertragen werden“.

Juncker ging auch auf das Verhältnis der EU zu Russland ein und sagte, das Land bleibe ein wichtiger Partner für die EU, ohne den eine europäische Friedensordnung nicht denkbar sei. Was aber nicht heiße, „dass man Völkerrechtsbrüche regungslos akzeptiert“. Ohne konkreter zu werden, kritisiert Kohl in seinem Buch, die USA und Europa hätten sich in der Ukraine-Krise klüger verhalten können. „Im Ergebnis müssen der Westen genauso wie Russland und die Ukraine aufpassen, dass wir nicht alles verspielen, was wir schon einmal erreicht hatten“, schreibt der Altkanzler. Als „einschneidend und auch bedrückend“ habe er den Ausschluss Russlands aus der bisherigen G-8-Gruppe der wichtigsten Industrienationen empfunden, die sich seit der Annexion der Krim durch Russland nur noch als G 7 trifft. Als Kanzler hatte er kurz vor seiner Abwahl bei der Bundestagswahl im Herbst 1998 die Aufnahme Russlands in die Gruppe durchgesetzt, Präsident des Landes war damals noch Boris Jelzin, zu dem Kohl ein freundschaftlich-kollegiales Verhältnis gepflegt hatte.

In dieser Frage befindet sich Kohl sogar in Übereinstimmung mit seinem ­wenig geschätzten Vorgänger Helmut Schmidt und seinem noch weniger geschätzten Nachfolger Gerhard Schröder (beide SPD), die ebenfalls für mehr Milde im Umgang mit Russland eintreten. Schmidt fand die Annexion der Krim durch Russland „durchaus verständlich“ und bezeichnete die verhängten Sanktionen gegen das Land als „dummes Zeug“.

Und Schröder feierte auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise sogar seinen 70. Geburtstag mit Wladimir Putin in St. Petersburg. In der eigenen Partei stößt Kohl mit seinem Verständnis für Russland aber auf Kritik. Das Land sei nicht vom Westen ausgeschlossen worden, sondern habe „die europäische Rechts- und Friedensordnung gebrochen“ und sich dadurch selbst isoliert, sagte der für Außenpolitik zuständige Unionsfraktionsvize Andreas Schockenhoff (CDU). Der frühere Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, bezeichnete Kohl als mitverantwortlich für die Wirtschaftskrise in Europa - mit der Einführung des Euro sei die Spaltung Europas in den Norden und Süden besiegelt worden. Aus der Währungsunion sei längst eine Haftungsunion geworden.

Von Joachim Riecker

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